„Ich dachte, Wikileaks wäre das Größte“

Interview Alan Rusbridger über den Wandel der Medien, den Mut zur Wahrheit und die Kooperation des „Guardian“ mit dem „Freitag“

der Freitag: Herr Rusbridger, Sie haben beim „Guardian“ früh begonnen, eine Community aufzubauen und schreibende Amateure auf der Webseite einzubinden. Was war Ihr Ziel?

Alan Rusbridger: Ich bin der festen Überzeugung: Immer wenn Journalisten die Hand ausstrecken und die Leser einbeziehen, wird das Ergebnis viel besser, als wenn wir es allein versuchen. Aus dem Mix zwischen Amateuren und professionellen Schreibern entsteht einfach ein spannenderes Angebot. Ich weiß aber, dass es auch Redaktionen gibt, die das nach wie vor völlig anders sehen.

Das halten Sie für einen Fehler ...

So zu tun, als ob hauptberufliche Journalisten die Einzigen seien, die die Welt erklären könnten: Das ist eine Haltung, die tatsächlich für den Journalismus insgesamt sehr gefährlich ist. Wenn man meint, man könnte so weitermachen wie vor 15 Jahren, schafft man sich im Zweifel eher selbst ab.

Wie sind Sie beim „Guardian“ vorgegangen?

Erst mal ging es darum, das Bewusstsein in der Redaktion zu verändern. Ich fragte zum Beispiel unsere Wissenschaftsredakteure: „Gibt es da draußen Wissenschaftler, die bloggen?“ – „Klar, einige sehr interessante.“ „Können die auch schreiben?“ – „Manche ganz gut.“ Unsere Redakteure hatten aber noch nie daran gedacht, diese Experten zu fragen, ob sie mit ihren Blogs auf die Guardian-Webseite umzuziehen wollen. Als wir ihnen das anboten, freuten sie sich, weil sie damit natürlich eine viel größere Leserschaft erreichten.

Als Sie im Mai nach 20 Jahren als Chefredakteur abtraten, schrieben Sie in Ihrem Rückblick, 1995 wäre niemand auf die Idee gekommen, Zeitungsjournalisten nach ihrem Geschäftsmodell zu fragen. Heute ist das eine der ersten Fragen.

Ja, der Strukturwandel durch das Netz ist für den Journalismus natürlich eine ökonomische Herausforderung. Wir haben uns beim Guardian für Offenheit entschieden, während die meisten anderen Bezahlschranken hochzogen. Die Londoner Times hat mit ihrer Paywall heute ein digitales Publikum von etwa 300.000 Nutzern pro Tag. Die Webseite des Guardian mit ihren freien Inhalten hat täglich acht Millionen Besucher aus aller Welt. Finanziell verlieren Times und Guardian zurzeit etwa denselben Betrag. Wenn ich mir aussuchen könnte, welches Modell das Rennen machen sollte, würde ich natürlich meines wählen, weil ich es vorziehe, wenn Inhalte frei sind. Aber um ehrlich zu sein, ist es noch zu früh, um zu sagen, welches sich durchsetzen wird.

In Ihre Zeit als Chefredakteur fielen große Investigativgeschichten, die den „Guardian“ zu einer international bekannten Marke und geachteten journalistischen Institution machten. Die NSA-Enthüllungen von Edward Snowden überragen dabei alles.

In der Tat. Bis 2013 dachte ich noch, Julian Assange und die Wikileaks-Enthüllungen sind das Größte, was ich als Journalist erleben werde. Bis Snowden kam.

Zur Person

Alan Rusbridger, geboren 1953, war bis Mai 2015 20 Jahre lang Chefredakteur des Guardian. Unter seiner Führung machte die Zeitung mit spektakulären Enthüllungsgeschichten immer wieder internationale Schlagzeilen. Zusammen mit Edward Snowden erhielt Rusbridger 2014 den Alternativen Nobelpreis. Von ihm ist kürzlich das Buch Play it again. Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten (Secession-Verlag) erschienen.

Wegen der Enthüllungen wurde auf Sie großer Druck von der britischen Regierung ausgeübt.

Na ja, der Geheimdienst hat ein paar Festplatten von uns in London zerstört. Von denen hatten wir aber Kopien in New York. Und ich wurde vor einen Untersuchungsausschuss des Parlaments gerufen.

Wo Sie einen legendären Auftritt hatten: Auf die provozierende Frage, ob Sie Ihr Land liebten, antworteten Sie ziemlich lässig: „Ich liebe es für die Rechte, die es gewährt – wie die Meinungs- und Pressefreiheit.“

Die Abgeordneten, die mich befragten, wollten mich dazu bringen, zu sagen, wir hätten mit den Snowden-Veröffentlichungen selbst ein Verbrechen begangen. Es gab zu der Zeit auch Ermittlungen der Polizei in diese Richtung. Insofern musste ich aufpassen, was ich sagte. Aber das Erinnern an Bürgerrechte ist ja nicht justiziabel.

Sie gelten als technikbegeistert. Haben Sie selbst Ihr Kommunikationsverhalten verändert?

In bestimmten Situationen. Wir wissen heute einfach, dass NSA und GCHQ uns überall über unsere Handys abhören können. Wenn es also etwas gibt, von dem ich möchte, dass es keiner erfährt, treffe ich meine Vorkehrungen.

Zum Beispiel das Smartphone in den Kühlschrank legen, damit es abgeschirmt ist?

Ja, das haben wir bei der Snowden-Geschichte öfter gemacht.

Haben Sie noch Kontakt mit Edward Snowden?

Ich war erst im Mai wieder in Moskau, um ihn zu treffen und zu sehen, wie es ihm geht. Mir ist es wichtig, dass wir mit ihm in Kontakt bleiben und er das Gefühl hat, dass es im Westen Menschen gibt, die weiter an ihn denken. Snowden hat für die Enthüllungen ein Opfer gebracht, das die meisten von uns sich gar nicht vorstellen können.

Wie geht es ihm?

Ganz gut, den Umständen entsprechend. Er ist ein robuster Typ. Im Moment sucht er nach einer neuen Rolle. Er überlegt, wie er heute die Überwachungsdebatte weiterbringen kann. Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, hat mit ihm Kontakt aufgenommen und möchte mit ihm zusammenarbeiten. Da Snowden schon immer viel Zeit im Netz verbracht hat, ist der Aufenthaltsort für ihn nicht so wichtig wie für andere. Nur das Wetter ist in Hawaii natürlich viel besser als in Moskau.

Zwei Jahre danach, wie beurteilen Sie die Folgen der Enthüllungen?

Die sind riesig. Gesetze wurden geändert, Geheimdienste müssen sich heute vor Ausschüssen rechtfertigen, aber vor allem gibt es eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, welche Bürgerrechte wir zugunsten von Sicherheit einschränken wollen.

In Deutschland gab es auch eine große Diskussion und viel Kritik am Verhalten der Bundesregierung, die bei den USA nicht wirklich darauf drängt, die Überwachung einzustellen. Als Folge lässt sich aber eine Desillusionierung beobachten, weil sich nichts grundlegend ändert, sondern der Bundestag noch neue Überwachungsgesetze verabschiedet.

In Zeiten des Terrors will kein Politiker schwach bei der Terrorismusbekämpfung erscheinen. Deshalb traut sich kaum einer, der immer weitgehenderen Einschränkung unserer Grundrechte zu widersprechen. Viele Menschen verstehen aber auch das Problem immer noch nicht richtig, etwa die Dringlichkeit der digitalen Verschlüsselung. Deshalb ist das Niveau der Diskussion oft niedrig. Ich frage mich, warum die analoge Welt immer noch anders behandelt wird als die digitale. Wenn ein Politiker sagen würde: Die Polizei wird jede Wohnung dieses Landes durchsuchen und sich alles anschauen, was sie will, gäbe es einen Proteststurm ohnegleichen. Aber genau das passiert bei der digitalen Überwachung. Wir können nicht dauerhaft zwei Rechtssphären dulden: die analoge mit klaren Grenzen für staatliche Organe und die digitale fast ohne Grenzen.

Info

Dieser Artikel ist Teil der Jubiläumsausgabe zum 25. Geburtstag des Freitag

Kann die Presse ihrer Aufgabe, die Mächtigen zu kontrollieren, mit dem jetzigen Medienwandel noch nachkommen? Das wird doch zunehmend schwieriger.

Die Rolle von Zeitungen ist nicht mehr so dominierend, weil sie in der Medienkonkurrenz nur noch eine Stimme unter vielen sind. Früher hatte Journalisten eine ungeheure Macht, zu entscheiden, was sie veröffentlichen, was nicht. Das gibt es so nicht mehr, weil alles seinen Weg auch auf anderen Wegen in die Öffentlichkeit finden kann. Zugleich wird die Arbeit von Journalisten im Netz überprüft und direkt kritisiert. Wenn sie Fehler machen, werden diese für alle sichtbar dokumentiert. Das ist für uns oft unangenehm, aber ich bin sicher, dass es für den Journalismus insgesamt gesund ist. Die öffentliche Kontrolle hilft uns, bessere Arbeit zu machen.

Hat sich der Kern der journalistischen Arbeit verändert?

Nein, es geht immer noch darum, wahrheitsgemäß zu berichten. Und da ist es zwingend notwendig, genügend Geld und Zeit zur Verfügung zu stellen, damit Journalisten diese zentrale Funktion in der Demokratie erfüllen können. Die Blätter, die am meisten gelitten haben, sind nicht jene, die wie der Guardian investiert haben, sondern jene, die auf die Umbrüche immer mit weiteren Sparrunden reagiert haben. Wo immer weniger Leute immer mehr machen sollen.

In Ihrem kürzlich erschienenen Buch „Play it again“ betonen Sie, wie wichtig es für Journalisten sei, ein Hobby zu haben, das nichts mit dem Job zu tun hat.

Unbedingt, das gilt aber nicht nur für Journalisten. Jeder Mensch sollte einen Freiraum haben, in dem er einer Leidenschaft abseits des Brotjobs nachgeht. Bei Journalisten ist nur die Gefahr besonders groß, dass der Beruf zur Obsession wird. Ich habe Kollegen erlebt, die irgendwann nur noch für ihre Arbeit lebten. Das machte sie aber nicht zu besseren Journalisten, es machte sie verrückt.

In dem Buch erzählen Sie, wie Sie sich vornehmen, als Hobby-Pianist eine extrem schwierige Ballade von Chopin zu lernen – während Sie die Wikileaks-Enthüllungen koordinieren und der „Guardian“ England mit Recherchen zum Abhörskandal der „News of the World“ erschüttert.

Ich kannte diese Ballade schon lang. Sie ist wunderschön, romantisch, dramatisch. Als ich mir vornahm, dieses Stück zu lernen, dass viele nichtprofessionelle Klavierspieler für unspielbar halten, hatte ich zuerst befürchtet, es könnte irgendwann anfangen, mich zu langweilen. Aber je mehr ich mich mit ihm beschäftigte, desto mehr faszinierte es mich. Und vor allem dachte ich während des Übens keine Sekunde an meine Arbeit, ich war ganz in einer anderen Welt.

Zurück in der Arbeitswelt haben Sie zum Abschied als Chefredakteur bedauert, dass der „Guardian“ sich nicht genug für den Kampf gegen den Klimawandel starkgemacht hat.

Wir haben immer darüber berichtet, aber keine Kampagnen gefahren. Ich habe als Chefredakteur nur wenige klassische Kampagnen gemacht, weil ich denke, dass dies ein Instrument ist, das man sehr dosiert einsetzen sollte. Aber die Frage des Klimawandels entscheidet schlicht über das Überleben der Menschheit. Deshalb haben wir in diesem Jahr eine Kampagne begonnen. Wir wollen Druck auf Investoren und die Finanzcommunity machen, ihre Entscheidungen mit Blick auf den Klimawandel zu ändern. Da bewegt sich auch was. Es ist aber nicht einfach, Investmentbankern beizubringen, dass Öl, Gas und Kohle langfristig schlechte Investitionen sind.

Da der „Freitag“ der deutsche Partner des „Guardian“ ist, zum Schluss die Frage: Wie wichtig ist die internationale Kooperation?

Sehr wichtig. Die drängendsten Fragen, mit denen wir uns heute beschäftigen – Klimawandel, Überwachung, Migration –, sind globale Themen. Man kann sie nur verstehen, wenn man die nationalen Grenzen hinter sich lässt. Deshalb sind so viele unserer Geschichten internationale. Und daher ist es so wichtig, dass wir in verschiedenen Sprachen überall auf der Welt gelesen werden. Auch auf Deutsch.

06:00 07.11.2015

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