Im Namen des Kreml

Polit-PR Das russische Staatsfernsehen RT sendet seit Mitte November auch auf Deutsch. Es sorgt sich nämlich um Meinungsvielfalt
Im Namen des Kreml
Der Chef selbst wird ab und zu auch ins Bild gerückt

Montage: der Freitag; Material: Getty Images, Fotolia

Zum Sendestart ihres Online-Fernsehmagazins machte das Team von RT Deutsch erst mal eines klar: Mit Ironie kommt man ihnen nicht bei, die liefern sie gleich selbst mit. Und so erzählten sie, dass beim deutschen Ableger des russischen Staatsfernsehens RT International, ehemals Russia Today, jeden Morgen Wladimir Putin mit am Konferenztisch sitze. Dass ihr Chefredakteur direkt aus dem Kreml-Medienbunker komme und sie wegen ausgiebiger Hirnwäsche leider nur antiamerikanische Propaganda verbreiten könnten.

Die selbstironische Präsentation hätte, vom hölzernen Vortrag abgesehen, auch in der heute-show des ZDF ihren Platz finden können. Nur diente sie bei RT Deutsch nicht reinen Unterhaltungszwecken. Sie sollte der Kritik an der russischen Polit-PR den Schwung nehmen, hatte aber noch eine weitere Botschaft. Sie signalisierte: Wir wissen genau, in welches gesellschaftliche Umfeld hinein wir hier starten.

Dass das russische Staatsfernsehen nach einem englischen, spanischen und arabischen Dienst nun als nächstes Projekt ein deutsches Angebot auf die Beine gestellt hat – ein französisches soll bald folgen –, war offenbar eine sehr bewusste Entscheidung. Die deutsche Öffentlichkeit hält man zurzeit für besonders offen für Medienberichte, die mit der Sicht des Kreml übereinstimmen. Bereits seit Jahren schwelt hierzulande eine Vertrauenskrise des Journalismus. Im Zuge des Ukraine-Konflikts hat sich diese, da sind sich Medienschaffende und Medienwissenschaftler weitgehend einig, zu einer ausgewachsenen Verdrossenheit entwickelt. Teils kann man von offenem Hass sprechen.

In einer viel zitierten Studie zeigte der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach bereits 2009, dass Journalisten von einer Mehrheit der Deutschen für unmoralisch, manipulativ und deutlich zu mächtig gehalten werden. Befeuert von der Angst vor einem neuen Kalten Krieg sowie einzelnen Entgleisungen und Fehlern großer Medien bei der Ukraine-Berichterstattung hat sich diese Ansicht bei nicht wenigen zum Generalverdacht verfestigt, Journalisten würden in einer geschlossenen Front Berichte manipulieren, um Deutschland an der Seite der USA immer weiter in die Konfrontation mit Russland zu treiben. „Ihr lügt doch alle“, fasste die Fachzeitschrift Medium Magazin die Vorwürfe zusammen. Wie groß die politisch sehr heterogene Gruppe der Enttäuschten ist, lässt sich aber nicht genau sagen. Belastbare Zahlen gibt es nicht.

Das Problem dabei ist nicht, dass Journalisten von ihrem Publikum immer wieder gemahnt werden, ihre Westorientierung kritisch zu reflektieren – das ist richtig und wichtig. Denn ja, bei manchem Spiegel-Titelbild kann man sich schon fragen, in welcher Endlosschleife der 60er-Jahre-Kalte-Krieg-Rhetorik die Verantwortlichen feststecken. Und ja, natürlich haben die NATO, die USA und die EU Interessen in der Ukraine, über die berichtet werden muss. Aber eine pauschale Medienschelte, bei der jede Kritik an Putins Vorgehen, an der Annexion der Krim und den russischen Soldaten in der Ostukraine als Russen-Bashing oder NATO-gesteuertes Lügenmärchen abgetan wird, ist nicht wirklich an ausgewogener Berichterstattung interessiert. Und auch nicht am Zustand des Journalismus. Sie tut nur so, eigentlich geht es ihr aber um ideologische Rechthaberei.

Gegenöffentlichkeiten

Genau in dieser Gemengelage hat RT Deutsch den Ansatzpunkt für seine Polit-PR ausgemacht. Mit der Schaffung des Berliner Ablegers sei man einer Initiative mehrerer Tausend deutscher Bürger gefolgt, die sich eine alternative Informationsquelle gewünscht hätten, heißt es auf der RT-Webseite. Man legt Wert darauf, gerufen worden zu sein, um dem „einseitigen und oft interessengetriebenen Medien-Mainstream“ etwas entgegenzusetzen. Erklärtes Ziel ist es, „eine Gegenöffentlichkeit herzustellen“.

Im Auftrag des Kreml wird also versucht, einen Begriff zu okkupieren, der in den 70er Jahren in der Bundesrepublik entstand. In der Auseinandersetzung mit der Springer-Presse, die die 68er und ihre Nachfolger diffamierte, setzte sich in linken Kreisen die Überzeugung durch, dass man andere Medien braucht, wenn man die Gesellschaft verändern will. Bei der Gründung alternativer Zeitungen stand nicht möglichst ausgewogener Journalismus im Vordergrund, es ging um einen klaren linken Standpunkt.

Der Wandel der Öffentlichkeit, für den das Internet sorgte, veränderte aber auch die Vorstellung von Gegenöffentlichkeit grundlegend. Jeder Blogger kann heute seine eigene kleine Gegenöffentlichkeit schaffen, die mit der Loslösung von den sozialen Bewegungen auch nicht mehr zwingend einem linksalternativen Grundanspruch verpflichtet ist. Neonazis beschäftigen sich mittlerweile ja genauso mit Medienarbeit.

Über viele sich als gegenöffentlich verstehende Akteure im Netz weiß man aber fast nichts, bis auf jene Grundüberzeugungen, die man aus ihren Beiträgen herausfiltern kann. Einer der lautesten Blogs, die sich der Offenlegung vermeintlicher Medienmanipulationen verschrieben haben, nennt sich Propagandaschau. Mit hohem Output werden dort mitunter echte Fehler, oft aber auch unterstellte Verdrehungen oder verunglückte Formulierungen von ARD, ZDF und Onlineangeboten großer Medienmarken dokumentiert, immer mit der Erklärung, in Deutschland herrsche eine „Meinungsdiktatur“, die NATO- und US-Interessen diene. In der Freitag-Community wurden die Blog-Beiträge von Propagandaschau gesperrt, weil darin wiederholt einzelne Personen beleidigt und verschwörungsideologische Inhalte verbreitet wurden.

Ein Telefoninterview möchte dem Freitag niemand von Propagandaschau geben, zu den beteiligten Personen und ihrem biografischen Hintergrund erteile man auch grundsätzlich keine Auskunft, aber schriftliche Fragen zur Sache beantwortet man ausführlich und veröffentlicht das im Blog (hier zum Nachlesen). Gibt es denn eine Vorstellung von gutem Journalismus, die man dem Kritisierten entgegensetzt? Guter Journalismus müsste „weitestgehend wertfrei“ sein, schreibt jemand, der sich Dok nennt. Selbst bei den Öffentlich-Rechtlichen finde man den immer wieder.

Als Beleg verlinkt man auf einen TV-Beitrag über Schottland, der zeige, wie unvoreingenommen man über separatistische Bestrebungen berichten könne. Der Subtext des Lobs ist: Genau wie die Schotten nur aus sich heraus über die Abtrennung von Großbritannien nachdachten, vollziehen sich die Ereignisse in der Ostukraine ohne jede Einflussnahme aus Russland.

Es sind diese Gleichsetzungen des Verschiedenen und das Ausblenden von allem, was nicht ins eigene Weltbild passt, die man auch bei RT Deutsch beobachten kann. Ganz im klassischen Verständnis von Gegenöffentlichkeit nimmt man hier überhaupt nicht in Anspruch, eine ausgeglichene Sicht zu präsentieren. Eine wahrgenommene Einseitigkeit soll durch eine andere gekontert werden. Schaut man sich die Sendung Der fehlende Part an, die werktags jeden Abend im Netz gestreamt wird und deren Folgen anschließend auf Youtube zu finden sind, versteht man schnell, was das bedeutet: Die USA sind an allem schuld, Deutschland ist ein willfähriger Büttel von US-Interessen und Russland ein Opfer westlicher Intrigen.

Spektrum der Montagsdemos

Präsentiert wird das Ganze von der jungen Moderatorin Jasmin Kosubek, die unbedarft durch ihre Texte und die weltpolitischen Konflikte stolpert. Allerdings nicht, ohne immer wieder zu betonen, was deutsche Journalisten alles verdrehen und verschweigen. „Das Schüren von Medienverdrossenheit als publizistisches Programm“ nennt das der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Natürlich führt RT Deutsch daher auch ein Interview mit Udo Ulfkotte, dessen Buch Gekaufte Journalisten von Faktenfehlern und Verdrehungen nur so strotzt, aber trotzdem mittlerweile auf Platz sechs der Spiegel-Sachbuchbestenliste angekommen ist. Der Onlinesender versammelt ein politisches Spektrum, das sich bisher, von links und rechts kommend, vor allem bei den neuen Montagsdemonstrationen traf, Verschwörungstheoretiker inklusive.

Während in Russland laut Amnesty International die Meinungsfreiheit immer stärker beschnitten wird, setzt die Kreml-PR in Deutschland ganz darauf, Verwirrung zu stiften. Das Ziel von RT Deutsch ist es nicht, als superseriöse Medienmarke aufzutreten, sondern die anderen im Ansehen auf dieselbe Ebene herunterzuziehen. Eben dorthin, wo es heißt: „Ihr lügt doch alle.“ Jeder dann halt nur auf seine Weise. Dass die Strategie in medienverdrossenen Kreisen verfängt, zeigt eine Antwort von Propagandaschau: RT Deutsch würde genau das liefern, was man sich auf die Fahnen geschrieben habe – den fehlenden Part.

06:00 08.12.2014

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