Ist das echt schon so lang her?

Nostalgie Arte feiert im Sommerprogramm die 90er Jahre. Eine Einladung für alle Mitt- bis Enddreißiger, in Jugenderinnerungen zu schwelgen. Wenn da nur nicht dieser Moderator wäre
Ausgabe 30/2014
Lange her (und das ist auch gut so): Scooter
Lange her (und das ist auch gut so): Scooter

Foto: Tim Grothius/ AFP / Getty Images

Nostalgie ist nicht nur ein süßes Gift, sondern in der Welt der Medien auch ein zuverlässiger Quotenbringer. Sich mittels bestimmter Songs und Filme an die Teenagerzeit und ihre extremen Gefühle zu erinnern, funktioniert so zuverlässig wie der Speichelfluss des Pawlow’schen Hunds, denn nie mehr danach haben Musikhören und Kinobesuche jene existenzielle Bedeutung wie in den Jahren, in denen man so intensiv um die eigene Identität ringt – darum, wer man sein möchte und wo man seinen Platz in der Welt finden könnte.

Eine ganze Armada von Radiosendern hat darauf ihr Geschäftsmodell aufgebaut und spielt endlos "das Beste der 60er, 70er und 80er", damit 40-plus-Hörer in Jugenderinnerungen schwelgen können. Wenn man aber in diesen Sommertagen als Mitt- bis Enddreißiger bei Arte reinschaltet, stellt man leicht irritiert fest: Man ist selbst schon so alt, dass man als Nostalgiezielgruppe infrage kommt. Werden die Zyklen der medialen Erinnerungsmaschinerie einfach immer kürzer, oder ist das wirklich alles bereits so lang her?

Seit acht Jahren widmet sich Arte jeden Sommer einem vergangenen Jahrzehnt. Begleitet wird der diesjährige Summer of the 90s von ARD-Radiowellen wie Radio Eins, Bayern 2, SWR3 oder MDR Jump, die mit alten Smashing-Pumpkins-Interviews und Spin-Doctors-Alben die Musik der Zeit abfeiern. Solang daraus nicht feste Formate entstehen, die nur noch "das Beste der 90er" spielen und die Ödnis der Gegenwart beklagen, ist gegen ein wenig musikalische Rückbesinnung natürlich nichts einzuwenden.

Willkürliches Ordnungsmodell

Das Willkürliche, wenn man einfach entlang runder Kalenderjahre Grenzen zieht, zeigt sich allerdings in der disparaten Mischung des Themenschwerpunkts, den Arte für die nächsten Wochen zusammengestellt hat. Da stehen Dokus über die "Ära der Supermodels" und die Hochzeiten des Eurodance (DJ Bobo, Scooter, Dr. Alban) neben Oasis- und Freddie-Mercury-Tribute-Konzerten sowie Filmen wie Basic Instinct (1992) und Good Bye, Lenin, der erst 2003 ins Kino kam, sich aber offenbar mit seiner 90er-Jahre-Handlung fürs Programm qualifizierte.

Zusammengehalten werden soll das Ganze durch eine Moderationsidee, die, nun ja, doch etwas schräg ist. H.P. Baxxter, der mit seiner Band Scooter in den 90ern die Musik für alle Prolldiscos des Landes lieferte, führt durch die erinnerungsgetränkten Abende und wirbt auf Plakatwänden für das Programm. Die Süddeutsche Zeitung lobte, der Spartenkanal Arte könne so auch Popfans erreichen, die diesen sonst nie einschalten würden. Nur muss man dazu auch sagen: H.P. Baxxter kann leider überhaupt nicht moderieren. Wenn er ungelenk mit den Armen schlackernd und mit starrem Blick seine Texte vorträgt, verströmt das den Charme von Angela-Merkel-Statements. Vergangenen Samstag fiel ihm zum wichtigen Generationen-Film Reality Bites etwa ein: „Jetzt lassen sich Winona Ryder und Ethan Hawke vom Leben auch mal in den Allerwertesten beißen – reality bites halt.“

Allerdings ist die Wahl des Moderators auch ein gutes Gegenmittel zur überbordenden Nostalgie. Wer sich in dem 1994er Film über die Identitätssuche junger Leute erinnerungstechnisch verloren hatte, den erinnerte Baxxter anschließend mit den vielen dicken Silberringen an seinen Fingern daran, dass es auch Dinge in den 90ern gab, von denen man froh war, dass man sie bereits vergessen hatte.

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