Jenseits der roten Linie

Medien Unabhängige Redaktionen haben es in Russland zurzeit schwer. Aber einige Journalisten lassen sich nicht einschüchtern
Jan Pfaff | Ausgabe 24/2015 20

Im Studio des Moskauer Fernsehsenders Doschd steht ein ausladender Tisch, glänzend weiß lackiert. Bei Nachrichtensendungen sitzt die Moderatorin allein daran, bei Diskussionsrunden versammeln sich um ihn die Gäste. Mit fünf Kameras gleichzeitig kann man das Geschehen aufzeichnen, sagt Tikhon Dzyadko, ein großer, schlanker 28-Jähriger mit eloquenter Rhetorik. Er ist stellvertretender Chefredakteur von Doschd – und wenn er auf den Tisch blickt, sieht er in ihm auch ein Symbol für die Lage der unabhängigen Medien in Russland. „Früher war er doppelt so lang“, sagt er. „Wir mussten ihn zersägen, damit er nach dem Umzug in die neuen Räume passte.“

Doschd heißt Regen, pessimistisch soll das aber nicht klingen, deshalb nennen sie sich hier in der umgebauten Fabriketage abseits des Stadtzentrums auch „der optimistische Kanal“. Im April 2010 ging Doschd erstmals auf Sendung. Die Gründung war eine Reaktion darauf, dass sich in den großen Städten der Mittelstand zunehmend vom Fernsehen als einem ernst zu nehmenden Medium verabschiedete – zu sehr klaffte auseinander, was die staatlichen Sender auf Anweisung des Kremls Abend für Abend berichteten, und was die Menschen in ihrem Alltag erlebten, ausufernde Korruption, ein desolates Justizsystem und einen Staat, dem man nicht trauen konnte.

Doschd startete als reiner Internetkanal für ein junges Publikum, war bald über Kabelnetzwerke aber auch in mehreren Regionen Zentralrusslands zu empfangen. „Wir wollen Fernsehen machen, das zeigt, was sich in diesem Land wirklich abspielt“, sagt Dzyadko. Zunächst als einziger Sender berichtete man über Massenproteste gegen Manipulationen bei der Duma-Wahl 2011. In Talkshows ließ man Regierungskritiker wie Pussy Riot und den Antikorruptionskämpfer Alexey Nawalny zu Wort kommen. Und schon früh thematisierte Doschd die Beteiligung russischer Soldaten an den Kämpfen in der Ukraine.

TV Rain, wie sich Doschd mit internationalem Namen nennt, versteht sich nicht explizit als Sender der Opposition, wohl aber als ein Medium mit klarem Standpunkt, das sich nicht an die Rede- und Schweigevorgaben der Regierung hält. Untrüglicher Gradmesser für die Unabhängigkeit einer Redaktion im heutigen Russland ist die Berichterstattung über die Ukraine. Und da macht Doschd keine Zugeständnisse. „Zur Hölle mit der Pseudo-Objektivität des Staatsfernsehens“, sagt Dzyadko. „Unsere Reporter haben die russischen Soldaten in der Ukraine ganz subjektiv, aber mit ihren eigenen Augen gesehen.“ Auf der Webseite des Senders werden getötete russische Militärangehörige mit Kurzbiografien vorgestellt, um ihr Sterben dem Schweigen zu entreißen.

Anfang 2014 spitzte die Redaktion eine historische Diskussion um die Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg mit der Zuschauerfrage zu, ob man den Deutschen die Stadt nicht hätte überlassen sollen, um so das Leben zahlreicher Zivilisten zu schonen. Daraufhin brach ein Shitstorm über den Sender herein, Dzyadko spricht nur von der „Kampagne“. Von Duma-Abgeordneten wurden Doschd-Mitarbeiter als Nationalverräter beschimpft, das Staatsfernsehen nannte sie Faschisten. Die Kabelnetzbetreiber gaben an, so sehr in ihren patriotischen Gefühlen verletzt worden zu sein, dass sie die Verträge mit dem Sender kündigten. Der Vermieter warf die Redaktion von heute auf morgen aus ihren Räumen im Stadtzentrum, eine Zeit lang mussten sie den Sendebetrieb aus einer Zwei-Zimmerwohnung aufrechterhalten.

Werbekunden auf der Flucht

„Das Hauptproblem für unabhängige Medien in Russland ist nicht Zensur oder angedrohte Gewalt“, sagt Dzyadko. „Es ist wirtschaftlicher Druck.“ Doschd verlor praktisch alle Werbekunden, darunter auch deutsche Firmen. Volkswagen kündigte seine Verträge, Mercedes zog sich aus Verhandlungen zurück. Bei staatlichen Sendern laufen die Spots der deutschen Autofirmen weiter.

Unliebsame Journalisten auf diese Weise an den Rand zu drängen, sei perfide, sagt Dzyadko, weil man immer argumentieren könne, der Markt habe das so geregelt. Er ist sich aber sicher, dass die Kampagne von Regierungsseite initiiert wurde. „Unter der Hand haben uns viele Werbekunden gesagt, dass sie gern weiter mit uns arbeiten würden, dass ihnen dann aber Unannehmlichkeiten drohen.“

Als Reaktion auf die Krise erfand sich Doschd als Pay-TV-Sender im Internet neu. Die Mitarbeiter starteten online eine Kampagne für Jahresabos und sammelten in einer Woche mehr als eine Million Euro ein. Es klingt Stolz durch, wenn Dzyadko davon erzählt. Während der Sender sich früher zu über 80 Prozent aus Werbung finanzierte, beträgt deren Anteil heute nur noch zwischen 10 und 20 Prozent. Insgesamt hat sich der Etat halbiert, die Hälfte der Mitarbeiter musste gehen. 190 Beschäftigte hat Doschd heute noch. Der verkleinerte Tisch im Studio symbolisiert aber nicht nur die prekäre Lage, er signalisiert zugleich trotzig: Wir machen weiter. Auch wenn es anmutet wie der Kampf eines Sisyphos, Doschd mit seinen einigen tausend Abonnenten gegen die Millionenquoten der großen Kanäle.

Russland ist ein Land der Fernsehzuschauer. Über 90 Prozent der Menschen beziehen ihre Informationen vor allem aus dem TV. Das heißt, sie schauen in der Regel staatliche oder staatsnahe Sender. Und die zeichnen seit Beginn der Ukraine-Krise ein Bild der Welt, in dem alles Böse aus den USA kommt, Russland von Feinden umzingelt ist und gegen Faschisten in Kiew und anderswo kämpfen muss.

Eine Besonderheit dieser gelenkten Öffentlichkeit ist es, dass sie – obwohl die Staatsmedien jede Woche im Kreml ihre Anweisungen bekommen, über was sie zu berichten haben und über was nicht – nicht auf bestimmte Begriffe verzichten will, die auch im unabhängigen Journalismus als hohes Gut gelten. Zum Beispiel die Vorstellung von Objektivität. Wie diese im Einklang mit den Kreml-Interessen funktioniert, kann man bei einem Besuch der staatlichen Nachrichtenagentur Itar-Tass beobachten.

Michail Gusman ist stellvertretender Direktor von Itar-Tass, ein breiter Mann mit dichtem grauen Haar und buschigem Schnurrbart. Er empfängt eine Gruppe deutscher Besucher an diesem Nachmittag in einem getäfelten Raum, an dessen Wänden Porträts von Kofi Annan, Alexander Solschenizyn und Wladimir Putin hängen. Natürlich halte man regelmäßig Rücksprache mit dem Kreml, beginnt Gusman, das heiße aber nicht, dass man die Regeln einer Nachrichtenagentur nach ausgewogener Berichterstattung verletze. Und schon ist das Gespräch beim Ukraine-Konflikt. „Sicher, quantitativ haben wir bei unseren Meldungen von dort einen Schwerpunkt auf einer Seite. Aber wir berichten über alle Seiten, auch über die Sicht Kiews.“

Und was berichten Sie über die russischen Soldaten in der Ostukraine?

Gusman wird laut: „Moment, Moment. Es gibt keine russischen Soldaten dort, nur einzelne Freiwillige.“ Es ist die offizielle Kreml-Sprachregelung, nach der russische Soldaten nur auf eigene Faust jenseits der Grenze operieren. Auch wenn es zahlreiche Berichte von Reportern vor Ort gibt, die Militärkonvois in die Ostukraine rollen gesehen haben. Auch wenn russische NGOs ebenso wie Doschd die Namen der Gefallenen dokumentieren. Und auch wenn Soldatenmütter öffentlich klagen, dass ihre Söhne verschwunden sind oder tot von einer angeblichen Übung zurückkehrten. Der Kreml reagierte darauf Ende Mai mit einem Gesetz, das verbietet, über den Tod von Soldaten bei „Spezialeinsätzen“ in Friedenszeiten zu berichten. Wer dagegen verstößt, dem drohen bis zu sieben Jahre Haft.

Nächster Versuch bei Gusman: Was berichten Sie, woher diese russischen Freiwilligen ihre Waffen bekommen?

Die Frage geht zu weit, sie überschreitet die rote Linie, die der Kreml abgesteckt hat. Gusman brüllt über den Tisch: „Sie verstehen nicht, was eine Nachrichtenagentur macht. Wir schreiben hier nur Zwei-Satz-Meldungen.“ Zusammenhänge darstellen, das müssten andere Medien leisten, Itar-Tass liefere nur das Rohöl der reinen Nachricht. Man lernt in dem Gespräch mit einiger Lautstärke: Objektivität im Sinne der Staatsmedien bedeutet, sich nur für ausgesuchte Teile der Wirklichkeit zu interessieren. Was die Regierung als Tabu vorgibt, existiert schlicht nicht. Anderslautende Berichte und dagegensprechende Fakten sind immer Propaganda der Gegenseite.

Gegen Ende versucht Gusman noch einen Witz. „Mir geht es wie Gorbatschow. Der sagte mal zu Journalisten: ‚Was fragt ihr mich alles? Ihr wisst doch, dass ich euch nicht die ganze Wahrheit erzählen kann.‘“

Geduldig sein und lang leben

Bei Lew Gudkow kann man sich nur schwer vorstellen, dass er jemanden anbrüllt. Gudkow, ein älterer Herr mit zurückhaltendem Wesen, ist Leiter des Lewada-Zentrums, eines unabhängigen Meinungsforschungsinstituts. Mit Marktforschung verdient das Institut Geld, das es dazu verwendet, politische Umfragen und Analysen der öffentlichen Meinung zu erstellen. Selbst der Kreml soll immer wieder nach den Lewada-Ergebnissen fragen.

In einem kurzen Vortrag versucht Gudkow die Entwicklungen der vergangenen Jahre zusammenzufassen. Zwischen Ende 2012 und Ende 2013 befanden sich die Umfragewerte für Wladimir Putin auf einem Tiefpunkt. „Die Regierung reagierte darauf mit Medienzensur und strikter Kontrolle der Öffentlichkeit“, sagt Gudkow. „Verschärft hat sich das mit der antiukrainischen Medienkampagne als Reaktion auf den Maidan. Die ist nationalistisch, aber vor allem drauf gerichtet, demokratische Werte zu diskreditieren – und damit die demokratische russische Opposition.“ Er sei alt genug, um sich noch gut an die Sowjetunion zu erinnern, erzählt Gudkow. „Aber selbst damals war die Propaganda nicht so heftig wie heute.“

Als eine Konsequenz daraus misst das Lewada-Zentrum einerseits konstant hohe Zustimmungswerte für Putin, andererseits aber seit Monaten stark fallende Werte, was die Einschätzung der politischen und ökonomischen Zukunftsaussichten betrifft. Und wenn Russen gefragt werden, wie sie ihre Regierung beschreiben würden, steht auf dem ersten Platz mit 41 Prozent: korrupt und kriminell.

Gudkow selbst blickt auch pessimistisch in die Zukunft. „Wir beobachten Ermüdungserscheinungen, was die antiukrainische Stimmungsmache betrifft. Man kann die Gesellschaft nicht ständig im Zustand der totalen Erregung halten.“ Daraus folgten zwei mögliche Varianten, um die Zustimmung weiter hoch zu halten. Zwei schlechte Varianten, sagt Gudkow. „Entweder man eskaliert weiter in der Ukraine. Oder man konzentriert sich auf die Bekämpfung innerer Feinde und übt den Zusammenschluss gegen äußere Gegner.“

Noch ein Besuch bei dem Radiosender Kommersant FM. Hier moderiert Konstantin von Eggert jeden Freitagabend drei Stunden zusammen mit einem Kollegen eine Talksendung. Von Eggert ist gläubiger russisch-orthodoxer Christ mit preußischen Vorfahren. Er spricht kein Wort Deutsch, aber ausgezeichnetes Englisch. Neun Jahre lang leitete er das Moskauer Büro des russischsprachigen Angebots der BBC. Er trägt einen blauen Blazer mit gelbem Einstecktuch und einen Siegelring an der linken Hand. In der Radio-Talkshow vertritt er eine liberale, kremlkritische Haltung, sein Kollege verteidigt die Regierung. „Wir wollen mit der Sendung zeigen, dass man politisch streiten kann – und trotzdem einander anlächeln kann. Diese Debattenkultur fehlt in Russland.“

Wie sieht er die Situation unabhängiger Journalisten? Es gebe viel Selbstzensur, sagt von Eggert. „Man wagt sich an einer Stelle vor, hält dafür aber oft anderswo die Füße still.“ Die Ukraineberichterstattung in den russischen Staatsmedien vergleicht er mit dem Verhalten eines sechsjährigen Kindes, das Schokolade klaut. „Es weiß genau, dass das Klauen falsch ist. Deshalb streitet es auch alles ab.“ Die entscheidende Frage sei, wie lange man diese Festung-Russland-Mentalität im Land aufrechterhalten könne. „Ich glaube, das geht nicht mehr lang“, sagt von Eggert. Er sei ein vorsichtiger Optimist. „Es gibt ein altes Sprichwort: In Russland muss man geduldig sein und lang leben. Genau das versuche ich.“

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11:30 07.07.2015

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