Klare Kante

Porträt Emrah Serbes gilt seit den Gezi-Park-Protesten in der Türkei als Schriftsteller des Volks. Seine Krimis sind immer auch Gesellschaftskritik
Jan Pfaff | Ausgabe 43/2014 2
Klare Kante
"Von Tschechow kann man lernen, wie man es mit der ganzen Welt aufnimmt"
Foto: Vedat Arik

Mit einer Bierflasche in der Hand tritt er an den Tisch des Cafés in Berlin-Schöneberg. Emrah Serbes war auf der Frankfurter Buchmesse, hatte anschließend eine Lesung in Berlin, jetzt noch dieses Interview. Und überall, wo er hinkommt, wird er nach der aktuellen Lage in der Türkei gefragt. In diesen Tagen ist das unvermeidbar, deshalb beginnen auch wir das Gespräch damit. Seine Verlegerin übersetzt seine Antworten aus dem Türkischen.

Der Freitag: Herr Serbes, in einer Geschichte in Ihrem aktuellen Buch erzählen Sie, wie ein junger türkischer Nationalist und ein kurdischer Student im selben Mietshaus leben und sich anfreunden, obwohl der Türke zu Beginn Mordfantasien hegt.

Emrah Serbes: Es ist eine Vision davon, wie Gräben überwunden werden können. Als ich die Geschichte vor fünf Jahren schrieb, hatte es eine Weile keine Opfer mehr im türkisch-kurdischen Konflikt gegeben. Ich weiß noch, wie ich mir beim Schreiben wünschte, dass ich von etwas Historischem erzähle. Nun starben allein an einem Wochenende über 30 Menschen bei Protesten. Dass die Auseinandersetzung jetzt wieder so eskaliert, macht mich sehr traurig.

Was bedeutet das für die Türkei?

Der Kampf um Kobane hat das Land entlang ethnischer Linien geteilt, oder besser: Es hat diese Teilung erneut aufbrechen lassen. Die Zeichen der Annäherung, die es in den vergangenen Jahren gab, als man endlich miteinander gesprochen hat, sind weggefegt worden.

Was ist mit dem Aufstieg des Islamischen Staats? Haben Sie Angst vor IS-Anschlägen in Istanbul?

Klar, das ist eine sehr reale Gefahr. Aus den Istanbuler Armenvierteln sind ja viele IS-Kämpfer rekrutiert worden – genauso wie aber junge Leute aus Deutschland oder England nach Syrien gereist sind.

Der Pop-Dschihadismus ist so globalisiert, dass das Herkunftsland keine Rolle mehr spielt.

Ja, der IS ist vor allem in den sozialen Medien sehr gut aufgestellt und erreicht so weltweit seine Anhänger. Die Videos sind exakt auf die Sehgewohnheiten junger Menschen zugeschnitten: kurze Dauer, schnelle Schnitte, extreme Gewalt. Wir schauen es an und fragen uns: Was zur Hölle ist das? Aber es gibt viele unglückliche Jugendliche, die genau so etwas anspricht.

Wobei es eine spezielle Vermischung von Gewalt und Religion ist – anziehend wirkt ja eine Interpretation des Islam, die eindeutig zwischen Freund und Feind trennt und das Köpfen Andersgläubiger gutheißt.

Wenn man so jung ist wie diese Jungs, sucht man verzweifelt nach Hoffnung. Die kann man in allen möglichen Ideologien finden: im Nationalismus, im Sozialismus, in der Religion. Was junge Menschen aber besonders beeindruckt, ist radikale Konsequenz. Dieses Kämpfen bis zum Ende, egal wie viele Opfer es fordert.

Mit dem IS sympathisieren aber nicht nur verwirrte Jugendliche.

Nein, in der Türkei hat man Umfragen dazu gemacht: 80 Prozent lehnen den IS klar ab. Bei 20 Prozent war diese Ablehnung nicht eindeutig, oder es gab offen Sympathien. Erst dachte ich: Gut, 80 Prozent sind ja ein eindeutiges Statement, da kann man beruhigt sein. Aber auf den zweiten Blick sind 20 Prozent der Türken fast 15 Millionen Menschen. Das hat mich echt erschreckt.

Die türkische Regierung hat immer geleugnet, den IS in irgendeiner Form zu unterstützen.

Da war man aber von Anfang an nicht aufrichtig. Dass es inoffiziell Unterstützung für den IS gab, war eigentlich jedem klar. Bei den Waffenlieferungen und den durchreisenden Dschihadisten hat man immer weggeschaut. Jetzt leugnet man das natürlich. Man darf aber nicht vergessen: Der IS ist eine sunnitische Bewegung wie Erdoğans Partei AKP. Daher fühlte man sich einander zunächst nah.

Der IS wird so schnell auch nicht wieder verschwinden.

Nein, und es wird ohne stärkeren internationalen Einsatz nicht gehen. Ich habe aber den Eindruck, dass die USA und Europa nach wie vor nicht richtig erkannt haben, wie ernst dieses Problem ist. Für die westlichen Länder scheint es immer noch sehr weit weg zu sein. Und ob die türkische Regierung an einer echten Lösung interessiert ist? Da habe ich sehr große Zweifel.

Zur Person

Emrah Serbes wurde 1981 in Yalova am Marmarameer geboren. Er studierte in Ankara Theaterwissenschaften und schrieb zunächst Kritiken für Feuilletons. Während der Gezi-Park-Proteste wurde er zu einem der Sprecher der Bewegung, weil er aufgrund seiner Bekanntheit oft für Interviews angefragt wurde und nicht mit Kritik an der Regierung sparte. Wegen eines politischen Wortspiels mit dem zweiten Vornamen des damaligen Ministerpäsidenten Recep Tayyip Erdoğan wurde Serbes angeklagt. Zu Beginn des Prozesses im vergangenen November ließ die Staatsanwaltschaft die Klage aber wieder fallen.

Sie sind mit Ihren Krimis über den aufrechten Kommissar Behzat Ç. bekannt geworden. Und durch Ihre vehemente Kritik an Präsident Erdoğan. Muss Literatur politisch sein?

Nein, muss sie nicht, jedenfalls nicht primär. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, einen Charakter aufrichtig und ehrlich zu zeigen. Wenn der sich zu politischen Fragen seine Gedanken macht, gehört das natürlich dazu. Und weil Politik Teil unseres Lebens ist, weil wir immer auf die eine oder andere Weise von ihr betroffen sind, gehört sie über diese Verbindung zur Literatur. Aber im Vordergund steht für mich, dass die Figuren ernst genommen werden können und die Geschichte wahrhaftig ist.

Zum Kriminalroman gehört eine Hauptfigur – Kommissar oder Detektiv –, die allen Enttäuschungen zum Trotz immer weiter für ein Ideal von Gerechtigkeit kämpft. Da landet man doch zwangsläufig bei Gesellschaftskritik, oder?

Natürlich. Dadurch, dass der Kommissar versucht, das Richtige zu tun und Gerechtigkeit herzustellen, muss er aber auch einen Konflikt lösen, den es in ihm selbst gibt. Und er wird von außen mit gesellschaftlichen Problemen wie Korruption oder politischer Einflussnahme konfrontiert. Behzat Ç. habe ich genau deswegen geschaffen: Er hat einen inneren Konflikt und einen zwischen sich und der Gesellschaft.

Kennen Sie Horst Schimanski?

Wer ist das denn?

Ein deutscher Fernsehkommissar, der gerne zuschlägt.

Ach so, weil Behzat Ç. auch mal hinlangt. Nee, mich haben vor allem Georges Simenons Kommissar Maigret und Maj Sjöwalls und Per Wahlöös Kommissar Beck zu der Figur inspiriert.

Ihr aktuelles Buch ist aber eine Sammlung Kurzgeschichten über Jungs und deren Erfahrungen beim Erwachsenwerden. Was macht da beim Schreiben den größten Unterschied zum Krimi?

Ganz einfach die Länge. In Kurzgeschichten muss man die Dinge sehr genau auf den Punkt bringen.

Was ist mit Genreregeln? Die sind beim Kriminalroman doch eng.

Das stimmt, aber die grundsätzlichen Regeln sind immer dieselben: In einem Kriminalroman kann jeder einzelne Satz ein wichtiger Hinweis sein. Aber das gilt für andere Romane ganz genauso. Zumindest wenn sie was taugen.

Der Kommissar und die Jungs

Mit 25 Jahren wurde Emrah Serbes 2006 mit der Figur des mürrischen und fluchenden, aber aufrechten Hauptkommissars Behzat Ç. bekannt. Dieser ermittelt für die Mordkommission Ankara. Der illusionslose Blick der Hauptfigur und die harten, zugespitzten Dialoge erinnern an die US-amerikanische hard-boiled school um Raymond Chandler und Dashiell Hammett. Auf den Behzat-Ç.-Romanen basiert auch eine TV-Serie, die 2010 erstmals ausgestrahlt wurde und sich zu einer der beliebtesten Sendungen der Türkei entwickelte. Auf Deutsch sind die Fälle Jede Berührung hinterlässt eine Spur und Verschütt gegangen (Binooki-Verlag) erschienen.

Zuletzt ist von Serbes auf Deutsch die Kurz- geschichtensammlung Junge Verlierer (ebenfalls Binooki) erschienen, die für die Hot List 2014 nominiert war, den Preis der unabhängigen Verlage. Die Geschichten handeln von Jungs zwischen 8 und 17 Jahren und davon, wie sich ihr Blick auf die Welt mit dem Größerwerden ändert. Dabei zeigt Serbes den Alltag in der heutigen Türkei und erzählt zugleich von allgemeingültigen Erfahrungen.

 

Wann wussten Sie, dass Sie Schriftsteller werden wollten?

Mit 15.

Warum genau dann?

Weil ich da angefangen habe zu lesen, vorher bin ich immer nur einem Ball hinterhergelaufen. Eines meiner ersten Bücher waren Tschechows Erzählungen. Da dachte ich: Die sind ganz schön gut, so etwas möchte ich auch schreiben.

Kann man von Anton Tschechow etwas lernen?

Ja, wie man kleine, normale Menschen zeigt, die scheinbar in hoffnungslosen Situationen feststecken, es aber trotzdem mit der ganzen Welt aufnehmen.

Sie werden in der Türkei seit den Gezi-Park-Protesten vergangenes Jahr auch als „Schriftsteller des Volkes“ bezeichnet. Wie kam das?

Das war eigentlich Zufall. Natürlich war ich bei den Protesten mit auf der Straße. Und durch die Behzat-Ç.-Fernsehserie kannten mich bereits einige Leute, deswegen haben mich manche TV-Sender gern angerufen. Und dann habe ich halt live berichtet, was sich da abspielt und was ich erlebe.

Sie haben den zweiten Vornamen von Recep Tayyip Erdoğan in einer Talkshow in „Tazyik“ abgeändert, sodass er „Druck“ bedeutete. Eine Anspielung auf die Wasserwerfer, mit denen die Demonstranten von der Straße getrieben wurden. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Beleidigung und forderte zwölf Jahre Haft. Hat Sie das verändert?

Die Monate, in denen du dich mit einer solchen Anklage beschäftigen musst, wirken sich natürlich auf deine Psyche aus. Auch wenn man sich nicht einschüchtern lassen will, fragt man sich oft, was wäre, wenn. Als die Anklage fallen gelassen wurde, war das eine große Erleichterung. Aber es gibt keine Sicherheit, dass sie mich nicht irgendwann wieder deswegen oder Ähnlichem anklagen – und dass ich dann nicht verurteilt werde.

Sind Sie vorsichtiger geworden?

Nein, eigentlich nicht. Das Problem ist ein anderes: Ich habe in der Türkei schon so viel dazu gesagt, dass ich manchmal befürchte, die Öffentlichkeit vergisst, dass ich eigentlich Schriftsteller bin, nicht politischer Aktivist. Wenn ich besser öffentlich reden könnte, würde ich vielleicht gar nicht schreiben. Aber auf Papier bin ich viel besser.

Schützt Ihre Prominenz Sie auch?

Das ist zweischneidig. Es gibt Momente, in denen sie eher schützt. Aber es gibt auch Momente, in denen sie eine Gefahr bedeutet, weil man so exponiert ist.

Sie sind 1981 geboren, Erdoğan ist seit zwölf Jahren an der Macht – können Sie sich politisch bewusst an eine Zeit ohne ihn erinnern?

Ich kann mich dunkel an andere Ministerpräsidenten erinnern, Mesut Yılmaz und Bülent Ecevit. Aber die Jugendlichen, die in den 90ern geboren wurden, kennen das Land nur noch mit Erdoğan. Die haben echt Pech gehabt.

War die Zeit vorher besser?

Man konnte sich freier ausdrücken. Heute ist der Wunsch, frei seine Meinung zu sagen, größer als vor 15, 20 Jahren. Aber diesem Wunsch steht ein viel größerer Druck entgegen, der das unterbinden soll. Das kann man an den Medien sehen. Dass sie so wenig über Kritik an der Regierung berichten, ist eine direkte Folge des Drucks.

Wie ist das mit den Einschränkungen persönlicher Freiheiten?

Die AKP sieht sich nur für die Freiheiten der Religiösen zuständig. Ein neues Gesetz gibt jetzt zum Beispiel Mädchen ab zehn Jahren die Freiheit, in der Schule Kopftuch zu tragen. Was heißt das eigentlich? Sollen jetzt schon aus kleinen Mädchen Frauen gemacht werden? Absurd. Wir leben in einem Land, in dem sich der Vizepremier Gedanken darüber macht, wie das Dekolleté der Nachrichtensprecherinnen auszusehen hat.

Was bleibt da von den Gezi-Protesten? Erdoğan wurde ja trotz allem im August mit großem Vorsprung zum Präsidenten gewählt.

Im Moment herrscht eine unglücklich-hoffnungslose Atmosphäre. Wobei man wissen muss, dass es die vor Gezi auch gab. Vielleicht ist aber ein Bewusstsein geblieben, dass sich irgendwann etwas ändern könnte. Die 68er-Proteste in Deutschland und Frankreich haben langfristig ihre Wirkung entfaltet. Es ist gerade schwer zu sagen, ob Gezi ein Anfang oder ein Ende von etwas war.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

06:00 27.10.2014

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