Krisen-PR in eigener Sache

ZDF-Skandal Claus Kleber distanziert sich auf Twitter scharf von den Fälschern der ZDF-Sendung "Deutschlands Beste". Nur selbstkritische Fragen stellt er lieber keine
Jan Pfaff | Ausgabe 29/2014 15
Krisen-PR in eigener Sache
Lauter beste Deutsche: Dieses Bild twitterte Kleber vom Showsofa

Bild: Twitter

Seit Anfang Juni lässt Claus Kleber das ZDF-Publikum und den Rest der Welt via Twitter wissen, was er so macht und denkt, wenn er nicht gerade das heute journal moderiert. Er berichtet, wie er zum Flieger nach New York hetzt, um Hillary Clinton zu interviewen, wie er das richtige Hemd für einen Auftritt aussucht und welchen Beitrag der Zuschauer unbedingt in der ZDF-Mediathek nachschauen müsse. Für seine Tweets bekommt er viel Zuspruch. Locker, anfassbar und selbstkritisch präsentiere sich Kleber, loben Zuschauer und Medienbeobachter.

Seit vergangener Woche nutzt Kleber seinen Account aber auch für Krisen-PR in eigener Sache. Das ZDF, musste Programmdirektor Norbert Himmler einräumen, hat bei seiner Sendung Deutschlands Beste die Ergebnisse einer Forsa-Umfrage manipuliert, um manche der Besten noch besser zu machen – sie also nach Gutdünken im Ranking nach vorn zu schieben. Vor allem eingeladene Gäste profitierten vom kreativen Umgang mit den Zahlen. Offenbar meinte man, Franz Beckenbauer auf dem Showsofa nicht einen 31. Platz zumuten zu können, und schob ihn auf Platz 9. Kleber, der ebenfalls in der Sendung war und von dort ein Foto mit Prominenten twitterte, wurde von Platz 39 auf 28 hochgehoben, während Konkurrent Peter Kloeppel, Anchorman der RTL-Nachrichten, um diese Plätze heruntergestuft wurde.

Für das ZDF ist das natürlich wahnsinnig peinlich. Sofort nach dem Eingeständnis der Fälschung machte der Vergleich zum ADAC und seinen manipulierten Autowahlen im Netz die Runde, er liegt ja auch so nah. Kleber selbst reagierte auf Twitter scharf: „Hier fliegen gerade die Fetzen. ZDF-Ranking-Show Deutschlands Beste hat manipuliert. Mogelte mich weit vor Klöppel. Idioten! Sorry, Peter!“ Um dann nachzulegen: „Unfassbar! Täter: I hate you!“

Ist das nur Narzissmus?

Man kann das die klaren Worte eines aufrechten Journalisten nennen, der fassungslos ist, dass seine Kollegen aus der Unterhaltungsabteilung Rankings frisieren. Man kann sich aber auch fragen, warum die wirklich selbstkritischen Fragen auf Klebers Twitter-Account nicht gestellt werden. Etwa: Warum setzt sich jemand, der für seriösen Journalismus stehen will, überhaupt auf das Sofa einer Sendung, deren Konzept mit „sinnfrei“ noch schonend umschrieben ist? Ist das nur Narzissmus, oder glaubt er wirklich, dass Teutonen-Rankings ein Dienst am Gebührenzahler sind?

Klebers Reaktion wäre jedenfalls ungleich beeindruckender, wenn er erklären würde, sich das nächste Mal dem Showsofa zu verweigern und einen solchen Nonsens nicht durch das symbolische Kapital des Nachrichtenjournalisten aufzuwerten. Sei der hausinterne Druck beim ZDF noch so groß.

Dass Kleber Selbstkritik per Twitter mehr simuliert als praktiziert, zeigt auch seine Reaktion auf den Unmut, den das heute journal in der Halbzeitpause der Partie Brasilien–Deutschland auf sich zog. Vielen Zuschauern war als pietätlos aufgestoßen, dass die Sendung abrupt von einer Schalte nach Tel Aviv und einem Gespräch über Raketenangriffe und Militäroffensive sofort zurück nach Brasilien und einer Unterhaltung über Fußballfans wechselte.

Mit der Gewichtung der Themen in der Sendung suggerierte man so, dass Nahost-Krieg und Fußballspiel mindestens gleich relevant seien. Auf Twitter kassierte Kleber dafür viel Kritik, bedankte sich für das Feedback und stellte danach dennoch fest: „Denke, es war richtig, aber Kurve zu hart.“ So kann man das natürlich auch sagen.

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11:58 16.07.2014

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