Live und in Farbe

Whistleblower Per Videoschalte war Edward Snowden einen Abend lang in der Berliner Volksbühne zu Gast. Er erinnerte daran, dass die grenzenlose Überwachung unsere Demokratie zerstört
Live und in Farbe
"From Moscow with Love" hieß der Titel der Veranstaltung
Foto: Marc Beckmann für der Freitag

Er will keine Ikone sein. Das Gespräch mit Edward Snowden ist an diesem Abend knapp eine Stunde alt, als die Gesprächssituation thematisiert wird: Snowden live zugeschaltet aus Moskau, riesig projiziert auf eine Leinwand im großen Saal der Berliner Volksbühne. Unter ihm als Podiumsgäste klein die Regisseurin Angela Richter, der Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck und als Moderator Jakob Augstein, Verleger des Freitag. Im Halbdunkeln des Saals blickt ein vielköpfiges, eher junges Publikum zu dem Gesicht auf der Leinwand hinauf.

Ist das nicht eine eigentlich sakrale Situation?, fragt Augstein. Snowden als der für uns stellvertretend Leidende, während die Gemeinde weiter munter ihre Sünden begeht, in ihre Smartphones tippt und ihr Leben in digitale Datenspuren verwandelt? In Moskau schüttelt Snowden den Kopf: "Nein, wir brauchen keine Ikonen." Die Fokussierung auf einzelne Personen sei falsch. "Es kommt auf die Taten an, nicht auf die Menschen, die sie tun. Wartet nicht auf Helden. Wir alle können die Welt verändern."

Nichts ist abgeschlossen

Dieser Abend mit der Videoschalte von Berlin nach Moskau erinnert daran, dass die Geschichte von Edward Snowden noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Auch wenn sein Leben mittlerweile von Oliver Stone in eine 120-minütige Hollywood-Version verwandelt wurde, für den echten Snowden ist nichts abgeschlossen. Die digitale Überwachung geht ungebremst weiter, ja sie nimmt immer weiter zu – und dass er auch nicht ewig in Moskau leben will, hat Snowden in mehreren aktuellen Interviews in den vergangenen Wochen klar gemacht. Eine Reihe von Menschenrechtsorganisationen hat in den USA gerade eine Kampagne gestartet, die dafür wirbt, Snowden Straffreiheit zu garantieren. Der ehemalige Bürgerrechtsanwalt Barack Obama soll, bevor er aus dem Amt des US-Präsidenten scheidet, Snowden eine Amnestie gewähren.

Auf die Frage Jakob Augsteins, wann Snowden denn nach Berlin kommt, lächelt dieser und sagt: "Ich würde gern nach Berlin kommen." Er erinnert daran, dass er in Deutschland 2013 Asyl beantragt hatte. Die Bundesregierung hatte dies abgelehnt. Nicht die Menschen im Saal der Volksbühne würden ja darüber entscheiden, sondern Bundeskanzlerin und Minister, sagt Snowden. Was unterscheidet ihn von Daniel Ellsberg, dem Whistleblower der Pentagon Papers, der in den 70er Jahren die Lügen der US-Regierung beim Vietnamkrieg offenlegte, und den Obama heute als Vorbild an Zivilcourage in seinen Reden zitiert? Snowdens knappe Antwort: "Die Zeit, die verstrichen ist."

Aber es geht Snowden nicht zuerst um sich, so schwierig seine momentane Lage auch sein mag. Er nutzt die Veranstaltung, um noch einmal auf die Folgen der totalen Überwachung hinzuweisen. "Es geht darum, dass hier demokratische Institutionen ihre eigenen Gesetze brechen. Das zerstört das Vertrauen. Und ohne dieses Grundvertrauen kann Demokratie nicht existieren." Privatspähre sei keine vernachlässigbare Größe. "Privatsphäre macht den Kern dessen aus, was wir sind."

Aber was ist mit dem Sicherheitsargument? Hätten die Terroranschläge von Paris und Brüssel vielleicht verhindert werden können, wenn es noch mehr digitale Überwachung gebe? Er verweist darauf, dass in beiden Fällen mehrere Attentäter den Behörden bekannt waren, dass sie aber in dem Wust von Daten den Überblick verloren hätten. Zu viel Überwachung, so sein Argument, sei einfach ineffizient. "Zu viel Noise schützt die Terroristen."

So aktuell wie 2013

Die Antworten von Snowden sind reflektiert, ruhig, unaufgeregt. Zwischendurch macht er mal einen Witz, streut eine ironische Bemerkung ein, erzählt mal etwas aus seinem Alltag, um dann wieder zu seinem Hauptanliegen zurückzukommen. Seine Botschaft ist vertraut, und doch heute so aktuell wie 2013, als er die NSA-Sammelwut aufdeckte: Es gibt kein Recht und auch keinen Grund, wahllos alle Bürger zu überwachen. Und wenn wir uns dem Allmachtsstreben der Geheimdienste und der Internetkonzerne nicht widersetzen, wird diese Überwachung nur immer weiter zunehmen.

Dann, nach knapp anderthalb Stunden mit dem echten Snowden auf der großen Leinwand winkt er ein letztes Mal, beugt sich vor, schaltet die Kamera aus – und ist wieder weg.

Eine ausführliche Print-Fassung des Gesprächs mit Edward Snowden finden Sie in der nächsten Ausgabe des Freitag, die am 29. September erscheint. In der digitalen Ausgabe unserer Webapp ist es bereits am Abend zuvor zu lesen.

13:45 23.09.2016

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