Making-of zum Rowohlt-Interview

Was noch geschah Ein Gespräch mit Harry Rowohlt ist wie eine seiner legendären Lesungen. Er schlüpft in verschiedene Rollen. Außerdem gibt es viel Zigarettenrauch und trockene Kommentare

Was braucht man für ein Interview mit Harry Rowohlt? Zunächst einmal Geduld. Rowohlt lässt warten. 16 Uhr 30 war für das Gespräch ausgemacht. Ich sitze in der Lobby eines Hotels in Berlin-Mitte. Die Lobby hat so viel Charme wie die Privatstation eines Krankenhauses. Ein paar Geschäftsmänner in dunklen Anzügen besprechen sich an einem Tisch. Die Pressefrau von Random House Audio sagt, Rowohl sitze noch im Zug. "Er kommt aber gleich. Das klappt auf jeden Fall." Nur um 18 Uhr müsse er dann weiter zum Soundcheck für die Marx-Engels-Lesung. Könnte vielleich ein bisschen knapp werden für ein langes Interview? "Nein, nein, das klappt auf jeden Fall."

Kurz vor 18 Uhr kommt Rowohlt mit seiner Frau in der Lobby an. Er entschuldigt sich höflich. Die Bahn war schuld, der ICE hatte eine Dreiviertelstunde Verspätung. "Aber ich habe auch viel zu knapp kalkuliert." Morgen nehme er sich aber ganz viel Zeit, brummt er.

Zweiter Anlauf: Am nächsten Morgen steht Harry Rowohlt pünktlich in der Lobby. Wir nehmen den Aufzug in den obersten Stock – die Raucheretage. Rowohlt erzählt, dass er eigentlich schon aus seinem Zimmer ausgecheckt habe, dass wir nun aber noch das Gespräch dort führen, weil "es keinen öffentlichen Raum in diesem Haus gibt, in dem man rauchen darf". Er setzt sich auf das zerwühlte Bett und zündet sich eine Zigarette an. Dann fängt er an, zu erzählen – von Marx, seinem linken Großvater und den Vorzügen seiner Nervenkrankheit.

Ein längeres Gespräch mit Harry Rowohlt ist – auch wenn sonst niemand im Raum ist – wie eine seiner legendären Lesungen. Rowohlt kann nicht anders als auftreten. Während er redet, schlüpft er immer wieder in verschiedene Sprecherrollen, variiert die Stimme – er säuselt, flucht derb vor sich hin oder erzählt mit sanfter Stimme und viel Melancholie davon, wie gern er früher in Kneipen saß.

Während des Gesprächs raucht Rowohlt eine Zigarette nach der anderen. Nach knapp einer Stunde klopft seine Frau an die Zimmertür. Noch zwei, drei Fragen, dann macht Ulla Rowohlt mit einer Digitalkamera ein Erinnerungsfoto. Auf einem Zettel notiert sie eine Fax-Nummer. "Damit ich einmal drüber schauen kann", sagt Harry Rowohlt. E-Mail und Internet habe er nicht. Er schreibt nur auf der Schreibmaschine. "Ich bin zu dumm für einen Computer – und nicht dumm genug für ein Handy."

Draußen hagelt es an diesem Märztag. "Dann ziehe ich meinen Winzermantel an", sagt Rowohlt fröhlich. Er schlüpft in einen weiten, grünen Regenmantel. Als wir vor dem Hotel stehen, hat es aufgehört zu hageln. Die Sonne kommt raus. Die Rowohlts machen sich auf den Weg zum S-Bahnhof. "Harry lehnt es ab, Taxi zu fahren, wenn es öffentliche Verkehrsmittel gibt", sagt seine Frau. An der Straßenecke verabschieden wir uns, dann verschwinden die beiden in der Großstadtmenge.

Ein paar Wochen später faxe ich das aufgeschriebene Interview an Rowohlt. Am nächsten Morgen finde ich die Antwort in meinem Postfach. Rowohlt ist schon wieder unterwegs, das Fax kommt aus Düsseldorf. Am Rand des Textes sind in kleiner Handschrift ein paar Korrekturen eingetragen. Oben drüber steht ein Kommentar zu dem Interview: "Ein herzliches 'Na ja'."

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12:45 19.05.2009

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