"Man braucht kein Mitleid haben"

Im Gespräch Nora von Waldstätten zählt zu den besten deutschen Nachwuchsschauspielern. In ihrem neuen Film spielt sie die Frau an der Seite von Carlos. Sind Terroristen sexy?

Der Freitag: Frau von Waldstätten, Sie spielen in

Nora von Waldstätten: Natürlich gibt es Glitz and Glory im Untergrund, der Film zeigt ja auch den Aufstieg von Carlos, die vielen Reisen, das Konspirative, die Gefahren, die Spannung – er zeigt aber später auch seinen Fall, wie einsam, trist und erbärmlich so ein Leben im Untergrund sein kann. Das ist dann doch ziemlich unsexy. Zur Vorbereitung auf die Rolle habe ich mich mit einem ehemaligen Dokumentenfälscher der RAF getroffen, der mir dazu einiges erzählt hat.

Warum wollten Sie mit ihm sprechen?

Magdalena Kopp galt ja als ausgezeichnete Dokumentenfälscherin. Und dieser Ex-RAF-Mann hat mir in einem Hinterzimmer in Kreuzberg einen kleinen Crashkurs im Dokumentefälschen gegeben, wie man damals so einen alten Pass hergestellt hat etwa. Wir trafen uns im Winter, es lag hoch Schnee draußen. Und er erzählte mir: 'Wenn ich damals auf Glatteis ausgerutscht wäre und eine OP im Krankenhaus gebraucht hätte – das wäre ein echtes Problem gewesen.' So zu leben, muss wahnsinnig anstrengend sein und lässt einen sicher schneller altern, deswegen braucht man aber kein Mitleid haben.

Das Verhältnis zwischen Carlos und Magdalena Kopp ist aber nicht nur deswegen schwierig.

Der Zeitgeist der siebziger Jahre verlangte ja, dass Frauen nicht nur am Herd stehen, sondern dass sie unter Anderem auch politisch ihre Frau stehen. Carlos wollte einerseits eine Frau-Frau – eine, die gut aussieht, repräsentativ ist und sich um alles im Haus kümmert. Andererseits wollte er aber auch eine Kombattantin. Und Kopp wollte auch beides sein, das war aber oft eine Überforderung für sie. Bei der ersten Aktion, bei der Carlos sie einsetzt, wird sie ja auch prompt verhaftet und sitzt dann über drei Jahre im Gefängnis.

Sie haben sich bewusst dagegen entschieden, die

Ich habe ihre Autobiografie zur Vorbereitung gelesen, aber ich wollte ihr nicht gegenübersitzen. Ich hatte das Gefühl: Die Magdalena Kopp, die ich jetzt antreffen würde, wäre eine ganz andere Person als jene, die ich eigentlich bräuchte. Sie hat sich ja komplett von dieser Zeit distanziert. Deswegen wollte ich lieber meine eigene Interpretation spielen. Ich habe mir dann ganz konkrete Fragen gestellt. Zum Beispiel: Was ist ihr größter Traumm, was ihr größter Albtraum? Wie geht es deinem Körper, wenn du drei Jahre im Gefängnis gesessen bist? Wie viel Licht hast du in der Zeit gesehen?

Ist es nicht etwas vermessen, zu denken, man könnte das wirklich nachvollziehen?

Diese Frechheit, sich da hineinzudenken, nehmen wir uns als Schauspieler ja immer. Bei jedem Film.

hat in Cannes ziemlich viel Applaus bekommen. Danach haben Sie dann erstmal einen

Carlos war so ein Mammutprojekt mit der ganzen Vorrecherche und neun Monaten Drehzeit. Da stellt man sich danach, wenn es vorbei ist, schon die Frage: Und was dreht man nach solch einem Erlebnis? Dann bekam ich dieses Angebot für Ein Fall für Zwei – und ich finde das kultig. Mit Herrn Matula zu drehen, fand ich cool.

Bekannt geworden sind Sie

Der Beruf des Schauspielers ist ein öffentlicher. Deshalb weiß man ja vorher, dass man sich zur Verfügung stellt für Figuren, für Rollen, sicher aber auch für Meinungen und Einschätzungen der Öffentlichkeit. Nur auch wenn man ungefähr weiß, was da auf einen zukommt, ist es schon verrückt, was da alles geschrieben wird. Ich versuche trotzdem, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Ich finde es zum Beispiel wichtig, dass man sich für einen Film entscheidet, weil man von ihm überzeugt ist – und nicht, weil man sich für seine Karriere dieses oder jenes ausrechnet.

Ihre Karriere verlief jedenfalls bisher nur in eine Richtung – steil nach oben.

Ich weiß, dass es von außen wie eine ungebrochene Erfolgsstory aussieht, aber ich kenne auch die andere Seite des Schauspieler-Berufs, wenn man eine Zeit lang einfach kein Engagement hat und sich Sorgen macht, wie es weitergeht – dieses prekäre Leben. Es ist aber wichtig, dass man lernt, mit diesem Loch umzugehen, etwas Sinnvolles mit der Zeit macht, in der man kein Engagement hat.

Was denn zum Beispiel?

Jeder Schauspieler geht anders damit um, der eine macht eine Bergtour, der andere studiert nebenbei und der dritte sitzt nur in Berliner Cafés herum. Mich bereichert es, einfach mal was zu machen, was mit dem Beruf nichts zu tun hat. Ich koche immer wahnsinnig gern – und in so einer Pause habe ich auch angefangen Gitarre zu lernen, einfach so für mich, ohne dass das zur Bühnenreife kommen muss.

Sie stammen aus einer österreichischen Adelsfamilie. Adlig zu sein, ist im Moment wahnsinnig hipp.

Es ist schon schön, um die Geschichte der eigenen Familie zu wissen. Aber wir leben im Hier und Jetzt. Schließlich ist 2010 – und es ist an einem selber, etwas aus seinem Leben zu machen. Ich habe deswegen auch nichts geschenkt bekommen.

Trotzdem gibt es diesen Hype um Guttenberg und Co. Wie erklären Sie sich, dass der Adel im Moment wieder eine solche Aufmerksamkeit und quasi Verehrung erfährt?

Ich glaube, dass es das gleiche Phänomen ist, dass die Kinobesucherzahlen gerade in Krisenzeiten nach oben schnellen lässt. Es ist die Sehnsucht nach etwas Heilem, nach einer klaren, tradierten Ordnung in einer unsicheren und unübersichtlichen Welt. Mit der Realität haben diese Projektionen nicht zwangsläufig etwas zu tun.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

Nora von Waldstätten wurde 1980 in Wien geboren. An der Universität der Künste in Berlin absolvierte sie ein Schauspielstudium und spielte anschließend in deutschen Fernseh- und Film-Produktionen. Für ihre Rolle in Schwerkraft wurde sie im Januar 2010 beim Max-Ophüls-Filmfestival mit dem Preis für die beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. In Carlos Der Schakal ist sie das erste Mal in einer großen internationalen Produktion zu sehen. Der Film kommt am 4. November in die deutschen Kinos.

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14:00 03.11.2010

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