Moment der Freiheit

Hinschmeißen Torhüter erfüllen mit ihren Ausrastern eine wichtige Stellvertreter-Funktion. Ein marokkanischer Keeper wechselte sich nun nach einem Fehler selber aus. Loser oder Held?

Fußball-Torhütern eilt per Berufswahl der Verdacht voraus, etwas Irres in sich zu bergen, das irgendwann zum Ausbruch drängt. Keine andere Position wird so mit legendären Ausrastern assoziiert wie jene des Keepers – man erinnere sich nur an Toni Schumachers Ausfall bei der EM 1982 in Spanien oder an Oliver Kahns Würgeattacke gegen den Österreicher Andreas Herzog. Zwischen Selbstüberschätzung und Versagensängsten hin- und hergerissen verbringen Torhüter die 90 Minuten auf dem Platz oft wartend auf einen Moment, in dem alles von ihnen abhängt. Und bei ihren Ausrastern führen sie vor, wie es aussieht, wenn ein Mensch die Kontrolle verliert.

Damit erfüllen sie auf der öffentlichen Bühne eine nicht zu unterschätzende Stellvertreter-Funktion – denn welcher Zuschauer kennt nicht das Gefühl, einmal richtig ausflippen zu wollen? Dieser kurze Moment der Anarchie, nur in der Imagination durchgespielt, bevor einen die sozialen Konventionen und der Gedanke an mögliche Konsequenzen wieder zurück in das Korsett der Ordnung drücken.

Khalid Askri hat diesem großen Drama der Torhüter nun eine weitere Szene hinzugefügt. Askri steht in der Ersten Liga Marokkos für den Hauptstadt-Club FAR Rabat zwischen den Pfosten – und gilt der weltweiten Netzgemeinde nun, je nach Grad der Häme, entweder als glücklosester oder dümmster Torwart der Welt. Einem größeren Publikum außerhalb Marokkos wurde er zunächst mit einem voreiligen Jubel über einen gehaltenen Elfmeter bekannt. Während er sich vom Publikum feiern lassen wollte, kullerte der abprallende Ball doch noch ins Tor.

Diese Szene hätte schon für ein paar Sekunden weltweiten Youtube-Ruhms ausgereicht. Nun legte der Pannen-Keper aber noch einmal nach. In einem Liga-Spiel dribbelte er mit dem Ball im Strafraum vor einem gegnerischen Stürmer herum – und zwar so dilettantisch, dass der Stürmer ihm den Ball vom Fuß weg ins Tor spitzeln konnte. Allein – diese Torwartfehler passieren jede Woche. Das Bemerkenswerte ist die Reaktion von Askri, er riss sich enttäuscht das Trikot vom Leib und verließ im Laufschritt das Stadion. Er habe sich selbst ausgewechselt, titelten die Zeitungen anschließend.

Doch anders als bei der voreiligen Feier nach dem Elfmeter ist dieser Moment nicht einfach komisch, sondern er hat eine gewisse Würde. Wir sehen einen Menschen, der sich von dem Gedanken an die Konsequenzen nicht bremsen lässt, der seinem ursprünglichen Impuls folgt und für einen Moment alle Zwänge hinter sich lässt. Askri denkt nicht daran, ob es würdevoller wäre, auf dem Platz zu bleiben und ein guter Verlierer zu sein. Er denkt nicht daran, was sein Trainer oder seine Mannschaftskameraden morgen sagen werden. Er ist frei.

Noch wird im Netz über Askri vor allem gespottet, aber seine Aktion erinnert an jene eines New Yorker Stewarts, der im August nach einem Streit mit einem Passagier über die Bordsprechanlage den versammelten Fluggästen die Meinung sagte und sich anschließend über die Rettungsrutsche des gelandeten Flugzeugs auf die Rollbahn absetzte, um befreit nach Hause zu fahren. Steven Slater wurde zum Working-Class-Hero, gefeiert von all jenen, die auch das ein oder andere Mal darüber nachdenken, ihren Job hinzuwerfen, um das zu tun, was sie wirklich machen wollen.

Ob Khaled Askri bald dieselbe Ehre zuteil wird? Nach Medienberichten kündigte er nach seinem zweiten Fehler an, seine Fußballkarriere beenden zu wollen. Insofern hat ihn sein erster Impuls offenbar nicht getäuscht. Zumindest für den Moment, in dem er ohne Trikot über das Spielfeld trabt und alles hinter sich lässt, müssen wir ihn uns als glücklichen Menschen vorstellen.

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16:00 30.09.2010

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