Nirgendwo daheim

Interview Georg Kreisler floh 1938 als Jude aus Wien in die USA. Nach 17 Jahren kehrte er zurück – und fühlt sich doch bis heute im Exil

Wie nähert man sich einer Legende? Erst mal die Hand schütteln. Ganz allein sitzt Georg Kreisler in der Lobby eines Business-Hotels in Weimar. Ein dünner alter Mann in einem Sakko, das ihm von den Schultern schlackert. Mit einer riesigen Brille und Augen, die das Gegenüber neugierig bis amüsiert betrachten. In zwei Stunden wird Kreisler im Zelt, das für den Sommer auf dem Platz vor dem Hotel als Veranstaltungsort errichtet wurde, auf die Bühne gehen und zusammen mit seiner Frau Barbara Peters Gedichte lesen, ein wenig von früher erzählen – und einige seiner alten „Everblacks“, seiner schwarzhumorigen Lieder, rezitieren. Seit 2001 singt er nicht mehr und spielt auch nicht mehr Klavier auf der Bühne. Weil es nicht mehr so wie früher gehe, sagt er. Im Juli wird Kreisler 89 Jahre alt. Er stemmt sich langsam aus dem Ledersessel und läuft mit kleinen Schritten zu einem Tisch in der leeren Hotel-Bar, hier könne man ungestört reden.

Der Freitag: Herr Kreisler, warum haben Sie eigentlich so eine große Brille?

Georg Kreisler: Viele glauben, das sei Teil der Show, aber das stimmt nicht. Ich habe diese Brille seit vielen Jahren, das war früher Mode. Heute sind so große Modelle nur noch schwer zu finden, man kann sie aber extra anfertigen lassen.

Als Künstler sind Sie vor allem bekannt für Ihren tiefschwarzen Humor.

Das wird immer so verkürzt dar­gestellt. Schwarzhumorige Lieder finden Sie bei mir nur uralte. In den fünfziger Jahren habe ich ein paar geschrieben, aber seitdem habe ich alles mögliche andere gemacht: Theaterstücke, Romane, Opern, Gedichte.

Auf Ihr bekanntestes Lied „Tauben vergiften“ werden Sie nicht mehr so gern angesprochen ...

Ach, es ist mir wurscht, ob ich darauf angesprochen werde oder nicht – es ist halt nicht mehr aktuell. In Wien gab es in den fünfziger Jahren eine Taubenplage, und das Vergiften der Vögel stand einige Wochen in allen Zeitungen. Ich wollte damals etwas schreiben, das sich über das so genannte goldene Wiener Herz und die Wiener Gemütlichkeit lustig machte. Später habe ich zur selben Melodie den Text immer wieder abgewandelt.

Zum Beispiel?

In den sechziger Jahren gab es eine Fassung, die hieß: „Spielen wir Unfall im Kernkraftwerk.“ Für die 68er textete ich „Lass uns Bewusstsein erweitern zu Haus’“ und für den Papst „Gehen wir Herzen vergiften in Rom“.

1956 sorgte „Tauben vergiften“ aber für einen Aufschrei und wurde zensiert.

Das lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen. In Rundfunk und Fernsehen war es damals unvorstellbar, dass so etwas gespielt würde. Alle meine makabren Lieder wurden zensiert. Die Haltung der Zensoren war: Wir leben in einer heilen Welt – und nicht in einer, in der unschuldige Vöglein vergiftet werden.

Sie sind als Jude 1938 aus Wien in die USA geflüchtet und erst 1955 zurückgekehrt. Hat Ihnen der schwarze Humor geholfen, um mit den Erfahrungen des Antisemitismus und dem Irrsinn des Nationalsozialismus fertig zu werden?

Nein, die Zeit war zu ernst, um Humor als Schutzschild zu benutzen. Natürlich gab es Leute, die so eine Art Galgenhumor hatten – aber das war bei mir nicht so.

In Ihren autobiografischen Texten beschreiben Sie 1938 als großen Wendepunkt in Ihrem Leben.

Das war ein tiefer Einschnitt. Wien war von einem Tag auf den anderen voller Hakenkreuzfahnen. Natürlich gab es zuvor auch Antisemitismus, aber das war ein privater gewesen. Wenn jemand Antisemit war, war das halt so. Mit Hitler ging das plötzlich vom Staat aus. Man durfte als Jude nicht mehr ins Kino gehen, konnte zu jeder Zeit auf der Straße verhaftet oder verprügelt werden.

Erinnern Sie sich an eine bestimmte Szene?

Ich war 16 und ging noch zur Schule. Kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen kam ein Lehrer in die Klasse und sagte: ‚Sämt­liche Juden haben in der 10-Uhr-Pause die Schule zu verlassen und werden ab sofort in eine jüdische Schule gehen.‘ Am Ausgang bildete sich ein Spalier der Mitschüler, und jeder, der hindurchgehen musste, bekam links und rechts noch eine auf den Kopf gehauen. So etwas vergisst man nicht.

Verliert man nach so einer Erfahrung grundsätzlich das Vertrauen in andere Menschen?

Nein, so weit geht das auch nicht. Man will sich ja nicht sein ganzes Leben dadurch bestimmen lassen.

Sie hatten dann Glück. Ein Verwandter besorgte Ihnen und Ihren Eltern Visa für die USA.

Ja, man musste für ein Visum nachweisen, dass man den Unterhalt der Neuankömmlinge notfalls bestreiten könnte. Mein Cousin hatte als Drehbuchautor einen glänzend dotierten Vertrag in Hollywood, deshalb war das für ihn kein Problem. Los Angeles war eine völlig andere Welt für mich. Orangen-Bäume wuchsen an der Straße, und die Supermärkte mit ihrer riesigen Auswahl waren etwas ganz Neues – das gab’s in Europa damals noch nicht.

Sie wollten in Kalifornien Musik studieren.

Ursprünglich wollte ich Komponist oder Dirigent werden. Ich hatte aber keinerlei Schulzeugnis. Also stellte ich mich bei Arnold Schönberg vor, der damals an der University of California in Los Angeles unterrichtete. Er schrieb mir einen Empfehlungsbrief. Mit diesem bin ich zum Rektor gegangen, aber der nahm mich nicht, weil ich keine Zeugnisse hatte. Ich habe dann an einer anderen Universität Musik studiert.

Als amerikanischer Staatsbürger wurden Sie Soldat und kamen nach Kriegsende auch nach Deutschland. Wie war das für Sie?

Es war seltsam, nach all den Jahren die deutsche Sprache wieder zu hören. Ein bisschen Siegergefühl war auch dabei. Genugtuung wäre wohl zu viel gesagt. Es gab einen Befehl der amerikanischen Armee, dass man mit Deutschen außerhalb der offiziellen Kontakte nicht sprechen sollte. Da haben wir uns auch dran gehalten – außer bei den Mädchen. Mit denen stand man heimlich in Ecken und hat verhandelt, was möglich ist.

In der Armee waren Sie für die Unterhaltung zuständig.

Ich kam zu einer Einheit, die mit Historikern und Politologen besetzt war und Nazis verhörte. Mich hatte man dahinversetzt, weil ich lustige Lieder singen konnte und die etwas Zerstreuung haben wollten. Von Zeit zu Zeit habe ich auch so genannte Vor-Verhöre gemacht: ‚Wo sind Sie geboren? Wann?‘ Solche harmlosen Fragen. Die wirklichen Vernehmungen haben Fachleute geführt.

Sie haben Nazi-Größen wie Hermann Göring und Julius Streicher, den Chef des NS-Hetzblattes „Der Stürmer“, befragt.

Mit Göring habe ich nur einmal kurz gesprochen. An Streicher kann ich mich noch gut erinnern. Er war ein alter Mann, der seine rutschende Hose immer wieder hochzog und blöd dreinschaute. Ich fragte ihn: „Was sind Sie gewesen?“ Er hat lange überlegt und gesagt: „Volksschullehrer.“ Ich sagte: „Vielleicht waren Sie noch was anderes?“ Er überlegte wieder und sagte: „Gauleiter.“ Wenn man daran dachte, was diese Leute gemacht hatten, hat es einen einfach nur geekelt, mit ihnen zu sprechen.

Sie haben die Armee dann auch bald verlassen.

Es gab ein Punktesystem, nach dem man entlassen werden konnte, und ich hatte genug Punkte zusammen. Man stellte mich vor die Wahl, als Übersetzer nach Nürnberg zu den Kriegsverbrecherprozessen zu gehen – oder entlassen zu werden. Ich habe mich für Letzteres entschieden, weil ich nicht gerne Soldat war. Im Rückblick war das natürlich ein Fehler, weil ich ein weltgeschichtliches Ereignis verpasste. Aber ich war 23 und interessierte mich für andere Dinge.

Zum Beispiel für die Arbeit in Hollywood?

Ja, 1946 habe ich am Set des Charlie-Chaplin-Films Monsieur Verdoux gearbeitet. Ich war Chaplins musikalischer Helfer. Er konnte – wie ich erst viel später erfahren habe – Cello spielen, aber er konnte keine Noten lesen. Die Musik, die er haben wollte, pfiff er mir vor. Ich schrieb es auf und brachte die Noten nach Malibu zu Hanns Eisler, der das Ganze instrumentierte. Weder ich noch Hanns Eisler stehen im Abspann. Ich nicht, weil das zu wenig war, um erwähnt zu werden – und Eisler nicht, weil er sich mit Chaplin zerstritten hatte und seinen Namen zurückzog.

Eisler war nicht einfach?

Er war ein abweisender, schroffer Mensch und hat mich meist vor der Tür warten lassen. Chaplin dagegen war ungeheuer freundlich und geduldig. Am Set hatte er einmal einen Unfall, ein Licht fiel runter und verletzte ihn am Arm. Vier Wochen konnte nicht gedreht werden. Chaplin bezahlte trotzdem alle Beteiligten weiter – was er nicht gemusst hätte, weil es damals noch keine Gewerkschaften in Hollywood gab. Aber ich habe mir auch immer mein Geld geholt.

1955 gingen Sie nach einer Zwischenstation in New York wieder zurück nach Wien. War der Neuanfang schwierig?

Ich verstand den Wiener Dialekt nicht mehr. Ich hatte ja 17 Jahre nur Englisch gesprochen, aber ich wollte wieder mit der deutschen Sprache arbeiten. Bei meinen ersten Liedern musste ich immer andere fragen, ob man das in Wien so sagen kann. Das kam dann aber schnell wieder.

Sie sind viel umgezogen – haben in München, Berlin, Basel gelebt und wohnen heute in Salzburg.

Ich bin ein Weggeher. Immer wenn‘s mir nicht mehr gefallen hat, bin ich abgehauen.

Durch viele Ihrer Texte zieht sich das Motiv der Rückkehr, die nicht gelingt. In Ihrem Gedichtband „Zufällig in San Francisco“ schreiben Sie: „Ich erinnere mich genau an die Zeit, als ich ins Exil ging und bis heute dortblieb.“

In dem Gefühl der Fremdheit wird man durch den Antisemitismus bestärkt, den man immer wieder bei Kleinigkeiten zu fühlen bekommt. Er gibt einem dieses Gefühl des Andersseins. Dadurch kann kein Zugehörigkeitsgefühl entstehen. Ich fühle mich meiner Frau zugehörig – und meinen Freunden, aber ich würde mich niemals als Salzburger bezeichnen.

Werden Sie im Alter milder oder radikaler?

Ich werde etwas toleranter bei Kleinigkeiten. Wenn ich in ein Restaurant gehe, um meine Lieblingsspeise zu essen, und die gibt’s an dem Abend nicht, nehme ich halt, was da ist. Aber in den wesentlichen Dingen – in den politischen Ansichten – werde ich durchs Alter nicht toleranter.

Beschäftigen Sie sich mit dem Tod?

Ich habe keine Angst, aber man denkt schon dran – es kann ja nicht mehr lange gehen. Es tut mir vor allem leid für meine Frau, die jünger ist. Sie wird dann allein sein, aber das kann ich nicht ändern. Ich fange jetzt nichts Großes mehr an, etwa eine Oper oder einen Roman, weil das die Arbeit von einem Jahr ist. Das mutet man sich nicht mehr zu. Jopi Heesters – halbblind, wie er ist – nehme ich mir jedenfalls nicht zum Vorbild.

Im Nachwort von „Zufällig in San Francisco“ beschreiben Sie ausweglose Situationen im Leben, die man einfach hinnehmen müsse. Als Beispiel nennen Sie Kinder, die man großgezogen hat und die nichts mehr von einem wissen wollen. Das kennen Sie aus persönlicher Erfahrung ...

Obwohl mein Vater und ich ganz verschiedene Menschen waren, hatten wir immer Kontakt, er ist sogar in meinen Armen gestorben. Zu meinen drei Kindern habe ich heute aber gar keinen Kontakt mehr. Dass sie sich so von mir entfremdet haben, kann ich mir nicht erklären. Sie haben eigentlich alles darangesetzt, mich zu kränken und zu beleidigen. Als sie über 30 waren, habe ich gesagt: „Jetzt habe ich mir genug Böses angehört, jetzt ist Schluss.“

War das wirklich so schlimm?

Nur ein Beispiel: Meine Tochter singt auch Lieder, auch welche von mir. Vor einiger Zeit hätte sie in Wien ein Engagement bekommen, aber nur unter der Bedingung, dass sie keine Lieder von mir singt. Meine Tochter hat dagegen protestiert, indem sie sagte: „Warum denn? Ich kenn doch den Mann kaum.“ Sie hat es dann nicht gemacht. Aber nicht aus Rücksicht auf mich, sondern weil die Hälfte ihres Programms aus meinen Liedern bestand und sie sonst nichts gehabt hätte.

Hoffen Sie, dass sich das Verhältnis zu Ihren Kindern noch mal ändert?

Nein, das kann sich nicht mehr ändern. Es gibt Dinge, über die kein Gras wächst.

Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau / Geh mer Tauben vergiften im Park! / Wir sitzen zusmam in der Laube / Und a jeder vergiftet a Taube / Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark / Beim Tauben vergiften im Park. / Schatz, geh bring das Arsen gschwind her / Des tut sich am besten bewährn.

Mit Texten wie diesem vorgetragen mit einem breiten Lächeln und heiterer Klavier-Musik wurde Georg Kreisler in den fünfziger Jahren bekannt. Bis heute genießen seine Everblacks Kult-Status und haben eine eingeschworene Fan-Gemeinde. In dem Gedicht Ein Ärgernis von 2010 betont Kreisler aber: Ein für alle Mal: Ich bin kein Kabarettist! Seine sonstigen Werke Opern, Theaterstücke, Romane würden zu wenig gewürdigt, beklagt er (siehe Interview).

Kreisler wurde am 18. Juli 1922 in Wien als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts und dessen Frau geboren. Nach der Emigration in die USA 1938 wurde er amerikanischer Staatsbürger, was er bis heute geblieben ist. Von ihm zu verlangen, er müsse die österreichische Staatsbürgerschaft nach seiner Rückkehr erst neu beantragen, sei unwürdig, sagte er dazu in einem früheren Interview.

Unter dem Titel Letzte Lieder (Arche Verlag) veröffentlichte Kreisler 2009 seine Autobiografie. 2010 erhielt er für sein Lebenswerk den Friedrich-Hölderlin-Preis. Im selben Jahr erschien im Verbrecher Verlag Zufällig in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte. Im Juni bringt ebenfalls der Verbrecher Verlag eine überarbeitete Neuausgabe von Kreislers Roman Der Prophet ohne Zukunft heraus. Mit einigen wenigen Auftritten in deutschen Provinzstädten hat Kreisler nun Ende Mai und Anfang Juni seinen Abschied von der Bühne begangen. Er wolle aber weiterhin schreiben. jap

09:00 10.06.2011

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