Jan Pfaff
26.08.2011 | 14:00 2

Out of Office

Porträt Douglas Coupland erfand die "Generation X" und eroberte so die Herzen des Kreativ-Prekariats. In seinem neuen Buch traut sich der Medienjunkie in die Vorhölle namens Büro

Die Lobby des Savoy, eines noblen Berliner Hotels unweit des Bahnhofs Zoo, kurz nach 11 Uhr an einem Sonntagmorgen. Die Sonne scheint durch die großen Fenster. Douglas Coupland kommt ein paar Minuten später als verabredet aus seinem Zimmer herunter. Er trägt ein blaues Poloshirt, schwarze Jeans – und natürlich ein iPhone. Man könne sich ja an einen Tisch auf dem Bürgersteig setzen, schlägt er vor. Er verbringe zu viel Zeit drinnen.

Der Freitag: Herr Coupland, Sie gelten als Medien-Junkie. Waren Sie heute schon online?

Douglas Coupland: Ja, vor dem Frühstück. Seitdem ich in Berlin gelandet bin, geht die Uhr meines iPhones drei Stunden nach. Ich habe versucht herauszufinden, wie ich das ändern kann. Aber sie geht weiter falsch, deswegen bewege ich mich im Moment in meiner eigenen Zeitzone.

Sie beschäftigen sich viel mit dem Medienwandel und haben eine Biografie über Marshall McLuhan geschrieben. In einem Artikel zu McLuhans 100. Geburtstag spekulierten Sie vor Kurzem, dass er heute wohl die Frage stellen würde, wie Google und Youtube uns verändern.

Die Frage würde McLuhan interessieren. Er beobachtete ja den Aufstieg des Fernsehens in den fünfziger und sechziger Jahren. Man kann den Medienwandel heute mit dem Siegeszug des Fernsehens vergleichen. Was allerdings völlig anders ist, ist die Geschwindigkeit: Wenn man heute nur an das Jahr 2004 zurückdenkt – kein Twitter, Facebook, Google Maps –, kommt einem das schon wie eine völlig andere Zeitrechnung vor.

Aber macht uns dieser Wandel zu anderen Menschen?

Auf jeden Fall. Unsere Wahrnehmung der Zeit ist heute eine andere. Wir sind viel ungeduldiger geworden, weil wir es gewohnt sind, immer alles gleich zur Verfügung zu haben. Genauso haben sich unsere Vorstellungen von Raum und Gemeinschaft verändert. Ich bekomme normalerweise ziemlich schnell Heimweh, wenn ich auf Reisen bin. Deswegen hasste ich es früher, nach Europa zu kommen. Ich hatte das Gefühl, ich sei völlig abgeschnitten von allem, was daheim passierte. Dieses Gefühl ist heute verschwunden. Das iPhone hat das Heimweh gekillt.

Google mache uns nicht dümmer, sondern zeige uns nur, dass Allwissenheit auf die Dauer etwas langweilig sei, schreiben Sie.

Wenn mir vor 20 Jahren jemand gesagt hätte: "2011 wirst du in einer Straße in Berlin sitzen, und wenn du etwas über die kristalline Struktur der Sandkörner unter deinem Stuhl wissen willst, musst du nur einmal kurz was in ein kleines Gerät eintippen" – dann hätte ich gedacht: Wow, das ist spannend! Aber wenn man es ein paar Mal gemacht hat, ist es halt bald wieder langweilig. Spannend sind die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen dieses großen Experiments.

Zum Beispiel?

Eine völlig vernetzte Welt braucht keine Mittelklasse mehr. Die Jobs, die die Anzugträger der Mittelklasse früher gemacht haben, sterben aus. Für ihre Buchhaltung beschäftigten Unternehmen Hunderte von Leuten. Heute füttern einige wenige die Buchhaltungssoftware, die das viel schneller erledigt – oder es wird gleich in Indien gemacht. Mit dem Verschwinden dieser Jobs geht auch der Lebensstil der Mittelklasse verloren, dieser Sinn für Kontinuität und jahrzehntelanges Abbezahlen der Haus- Hypothek. Kaum jemand macht heute noch so langfristige Pläne.

Eine Wespe kreist um Couplands Kaffeetasse. Er macht eine wegwischende Handbewegung. Die Wespe schwebt über dem Tisch, kreist wieder um die Tasse, fliegt seinen linken Arm entlang. Er nimmt sein iPhone und droht: "Wenn du nicht abhaust, kill ich dich damit. Ich mache einen Anruf und du wirst von der Handy-Strahlung gebraten."

In Ihren Büchern schreiben Sie meist mit viel Sympathie über die neuen Medien. In Deutschland gibt es mehrere Sachbücher, in denen Autoren versuchen, eine Zeit lang ganz ohne Internet oder Handy zu leben.

Oh – und sind sie dabei verrückt geworden?

Nein, sie beschreiben es eher als Befreiung.

Seltsam, ich würde nicht zu den alten Zeiten zurückkehren wollen. Als ich 1992 für das Magazin

"Was ist das?" Es waren Satellitenfotos von Wolken über Nord-Kalifornien, wahnsinnig langweilig. Es hatte so gar nichts mit meinem Leben zu tun. Daran sollten wir uns vielleicht mal erinnern, wenn wir heute über zu viele Angebote und Informationen klagen.

Kommt Ihre Offenheit für neue Technologien aus Ihrer Erziehung? Ihre Eltern wollten „moderne Kinder“, und in Ihrem Haushalt habe es keine Dinge gegeben, die älter als fünf Jahre waren, haben Sie mal erzählt.

Wir wohnten in einer Neubau­siedlung in Vancouver, da gab es einfach nicht viele alte Sachen. Die Einrichtungsgegenstände und technischen Geräte hatten meine Eltern alle neu gekauft – das Einzige, was etwas älter war, waren die Gewehre, die mein Vater als Jäger sammelte. Eine bewusste Ent­scheidung meiner Eltern war, dass meine Brüder und ich fern jeder Ideologie aufwachsen sollten. Deshalb redeten wir zu Hause nie über Politik oder Religion.

Woher kam dieser Wunsch nach Ideologiefreiheit?

Es war eine Abgrenzung gegenüber ihren Familien. Meine Eltern wuchsen beide im Osten Kanadas in sehr religiösen Familien auf – sie wollten das hinter sich lassen. Aber man entkommt seinem Familienerbe nie wirklich. So eine Leerstelle zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Ich denke oft darüber nach, wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn meine Eltern mich auf eine katholische Schule geschickt oder jeden Samstag in eine Synagoge geschleppt hätten. Die meisten meiner Freunde, die religiös erzogen wurden, haben ihren Glauben als Teenager verloren. Ich hatte nichts zu verlieren. Heißt das, dass ich vorher auch nichts gewonnen hatte? Keine Ahnung.

Sie haben mal geschrieben, dass die Pop-Kultur die Funktion der Religion übernommen habe, Menschen einen gemeinsamen Hintergrund zu liefern. Der Typ, der dieselbe Fernseh-Serie anschaut wie ich, hat etwas mit mir gemeinsam – wenn auch nicht wahnsinnig viel.

Ja, der kleinste gemeinsame Nenner. Wie das früher bei der Religion auch der Fall war. Nur weil Menschen an Gott glaubten, hatten sie ja trotzdem verschiedene Meinungen. Ich glaube, dass Pop-Kultur in der Tat diese Funktion übernommen hatte – bis vielleicht zum Jahr 2000. Aber in letzter Zeit hat sie nicht mehr diese dominante, alles verbindende Rolle.

Warum nicht?

Natürlich gibt es weiterhin Pop-Kultur, aber vieles zerfällt im Internet doch in Spezial-Communitys, wo sich nur noch Spider-Man-Fans oder Tarantino-Freaks unter sich austauschen. Es wird heute schwieriger, etwas alle Verbindendes zu finden – das prägt vor allem die Facebook-Jugend.

Coupland greift wieder nach seinem iPhone, schaltet dessen Videokamera an und filmt. Er schwenkt langsam über den Tisch bis hinüber zur Straße. "Sorry, mir ist gerade eingefallen, dass ich jeden Tag des Jahres einen Clip machen will, der ein paar Sekunden lang ist", sagt er. Am 31. Dezember schneide er dann alle Schnipsel zu einem einzigen Film zusammen. "Das gibt so traum­artige Szenen, weil viele Bilder auch unscharf sind – mein Traum von 2011."

In einer Abwandlung von Marshall McLuhans "The Medium is the message" könnte man also sagen "The medium makes the generation"?

Die Art, wie man Informationen verarbeitet, hat einen entscheidenden Einfluss. Ich gehöre noch zur Generation, die mit Fernsehern ohne Fernbedienung aufgewachsen ist. Das fühlte sich an wie im Gefängnis. Und meine Fähigkeit zu switchen ist gegenüber 20-Jährigen, die mit Videospielen groß geworden sind, sicher unterentwickelt. Aber es gibt natürlich auch andere Faktoren. Als ich neulich in den USA war, gab Obama bekannt, dass sie Osama bin Laden getötet hatten. Auf den Straßen feierten junge Leute um die 20 spontane Partys. Für sie war das ein großes Ding. Teil ihrer Generationserfahrung war ja, dass das Böse immer das Gesicht von bin Laden hatte.

In Ihrem nun in Deutschland erscheinenden Buch JPod schreiben Sie über Computerspiele-Entwickler um die 30, die sich in ihrem Büro zu Tode langweilen und dauernd gegenseitig mit sinnlosen E-Mails bombardieren

Ich finde es seltsam, dass nicht mehr Autoren über Büros schreiben. Das ist schließlich der Ort, an dem die meisten Menschen die meiste Zeit ihres Lebens verbringen. 1986 habe ich als Designer in Tokio in einem Büro gearbeitet – das war eine der extremsten Er­fahrungen, die man machen kann. Wir saßen an einem winzigen Tisch zu viert. Es gab null Privatsphäre, jeden Morgen musste man an gemeinsamen Gymnastik-Übungen auf dem Dach teilnehmen und ständig mit einer Verbeugung jeden grüßen, den man auf dem Flur traf.

In JPod wirkt das Büro auch wie die Vorhölle.

Eigentlich sind die Kollegen, mit denen man in einem Büro zusammenarbeitet, ja wie eine zweite Familie. Aber gerade in einer Familie gibt es oft Spannungen, man kann manche Leute auf den Tod nicht ausstehen. Zudem kommt man auf dumme Ideen, wenn man zu lang zusammen rumhängt. Etwa darauf, dem Kollegen die Buchstaben „M“ und „N“ auf der Tastatur zu vertauschen – so etwas treibt den Anderen in den Wahnsinn.

Sie mussten in einem Bürojob mal Fax-Geräte promoten.

Das war eine traumatische Erfahrung. Ich arbeitete bei einem Wirtschaftsmagazin, und die Anzeigenabteilung wünschte sich, dass wir etwas für das Image der damals neuen Fax-Geräte tun sollten. Aber es ist nicht einfach, ein Fax-Gerät sexy zu machen. Ich versuchte es mit dem "Celebrity Fax of the Month". Das erste Fax war ein Kussmund des Topmodels Linda Evangelista, dann verschickte ich das Bild eines signierten Eishockey-Pucks, aber mir gingen bald die Ideen aus. Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich den Bürgermeister von Halifax überredete, einen Brief zu schreiben, in dem stand, wie stolz er sei, Bürgermeister einer Stadt zu sein, in deren Name das Wort „Fax“ vorkommt.

Klingt wirklich grauenhaft …

Aber ich hatte meine Rache. Ein Fax-Kopier-Gerät kann man in die Knie zwingen, indem man ein völlig schwarzes Papier einlegt und es in einer Endlos-Schleife immer wieder kopieren lässt. Irgendwann fängt das Gerät an durchzuglühen, weil es zu heiß wird. Übrigens, da fällt mir gerade ein: In dieser Straße hier hat vor ein paar Tagen ein Auto gebrannt, das jemand angezündet hatte. Eines der brennenden Autos von Berlin. Wahrscheinlich steckt dahinter dieselbe Haltung, die einen dazu bringt, Fax-Kopierer durchglühen zu lassen. Und das hat damals echt Spaß gemacht.

Nach dem Erfolg Ihres ersten Buchs, des Bestsellers Generation X, war es aber vorbei mit den Büro-Jobs.

Dafür bin ich bis heute dankbar. Ich wurde danach oft als Sprecher einer Generation bezeichnet, was ich überhaupt nicht sein wollte und konnte. Das war nervig, aber dieses Buch hat mir auch viel Freiheit gegeben. Für eine Weile sah es ja so aus, als ob es nie ver­öffentlicht würde. Der kanadische Verlag hatte es abgelehnt – und beim amerikanischen lag es lang herum, ohne dass ich etwas hörte. Ich frage mich manchmal, wo ich wäre, wenn Generation X nie erschienen wäre. Wenn ich heute schreibe, versuche ich auch für diesen anderen Doug Coupland zu schreiben.

Aber haben Sie jemals den Buchtitel bereut? Sie sind schließlich dafür verantwortlich, dass unzählige Journalisten mit dem Wort "Generation" alle möglichen Begriffe gebildet haben.

Oh ja, das geht auf meine Kappe. Aber das Buch brauchte halt einen Titel. Sorry.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

Generationen-Romane und Nerd-Kultur: Douglas Couplands Bücher

Zwei Begriffe machten Douglas Coupland weltberühmt, als er 1991 mit dem Episodenroman Generation X sein erstes Buch veröffentlichte. Der Titel gab den damals Mittzwanzigern einen Namen einer Generation, deren hervorstechendstes Charakteristikum es war, genau zu wissen, dass es ihr materiell nicht mehr so gut gehen werde wie den Eltern. Die Bezeichnung McJob erfand Coupland für einen niedrig dotierten Job im Dienstleistungsbereich mit wenig Prestige, wenig Würde, wenig Nutzen und ohne Zukunft.

Generation X verkaufte sich allein in den USA über 400.000 Mal. Das Buch machte aus einem kanadischen Kunststudenten, der nach seinem Abschluss als Designer gearbeitet und für kleinere Magazine geschrieben hatte, einen literarischen Superstar. Geboren wurde Coupland am 30. Dezember 1961 auf einem Nato-Stützpunkt in Deutschland. Sein Vater war Arzt bei der kanadischen Air Force. 1965 zog die Familie nach Vancouver, wo Coupland bis heute lebt. Als einer der ersten Schriftsteller entdeckte er auch die Welt der Nerds. Er recherchierte in den Büros von Microsoft und veröffentlichte 1995 den Roman Microsklaven über eine Gruppe von Programmierern.

Sein nun auf Deutsch erscheinendes Buch JPodwidmet sich ebenfalls diesem Milieu und wurde von Kritikern als Update für die Google-Generation bezeichnet. Wegen eines Verlagswechsels erscheint der 2006 in Englisch veröffentlichte Roman erst jetzt im Tropen Verlag. Die Ablenkungen, denen die Protagonisten vor ihren Computern jeden Tag ausgesetzt sind, finden sich in der Form des Buchs wieder, etwa wenn seiten lang Zahlenreihen und Spam-E-Mails abgedruckt werden. Ebenfalls im Tropen Verlag erschienen ist Couplands Marshall-McLuhan-Biografie. jap

Kommentare (2)

archinaut 27.08.2011 | 13:36

"....über Büros schreiben. Das ist schließlich der Ort, an dem die meisten Menschen die meiste Zeit ihres Lebens verbringen."
- und man muss sich als Büroarbeiter oft fragen, ob diese Zeit sinnvoll verbrachte Lebenszeit ist....
Hausschweine warten im Stall auf die tägliche Fütterung, bis sie selbst zu Menschenfutter verarbeitet werden....
aber da draußen leben die Wildschweine!

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Ehemaliger Nutzer 28.08.2011 | 17:10

Sehr interessantes Interview.

>>>Eine völlig vernetzte Welt braucht keine Mittelklasse mehr. Die Jobs, die die Anzugträger der Mittelklasse früher gemacht haben, sterben aus.

Wozu aber werden dann die Gehirne dieser heute gesellschaftstragenden Schicht gebraucht? Wozu sind diese Gehirne fähig? Was wird die Technik bewirken, die diese Menschen ihrer Funktion beraubt hat?

Diese Gehirne werden verzweifelt auf dem Arbeitsmarkt herumirren und nach jenem Sinn suchen, der ihnen eingbleut wurde. Sie werden ihn nicht mehr finden. Außer ein paar Innovatoren, über deren "Erfolg in der Garage" die Gazetten berichten werden, wird es ein Downsizing von Wissen und Bildung für die breite Masse der Bevölkerung geben.

In Computerspielen, die die Mehrheit dieser Menschen aufgrund ihrer Degeneration nicht mehr von einer Wirklichkeit unterscheiden können wird, entsteht ein neues Mittelalter.

Oder ist es möglich, diese Technik für die Demokratisierung von Ökonomie, Organisation und Kommunikation der Gesellschaft zu verwenden?