Punk ist, wenn alle platt sind

Eventkritik Von wegen tot: Wie eine in die Jahre gekommene Jugendbewegung sich in Berlin-Kreuzberg selber feiert - und dabei ganz ganz friedlich bleibt. Echt jetzt

Ist es Punk, nicht zu duschen? Wenn ja, dann beginnt der Abend wirklich punkig. Es riecht scharf in dem Gedrängel vor dem kleinen Hinterhofkino in Berlin-Kreuzberg. Eine Mischung aus altem Schweiß und Bierdunst. 50 bis 60 Punks sind gekommen, um sich in der Nacht zum 1. Mai mit dem Film Chaostage einzustimmen. Hoch aufgestellte Irokesenkämme und wasserstoffbleiche Igelstachel, die Unmengen an Haarspray verschlungen haben müssen. Die Mädchen tragen Netzstrümpfe, Lederjacken und Nietenhalsbänder. Für eine Jugendbewegung, die Nonkonformismus einst zum Programm erklärte, ist der Dresscode recht einheitlich. Aber man definiert seine Zugehörigkeit dann doch lieber über das Aussehen als über den Geruch.

Als den „ersten wirklichen deutschen Punkfilm“ hat Regisseur Tarek Ehlail Chaostage angekündigt. Er hat Veteranen der Bewegung interviewt und dazwischen eine fiktive Handlung inszeniert, die sich mit den vermeintlichen Hauptbeschäftigungen von Punks beschäftigt: Saufen, Sex, Konzerte und vor allem Schlägereien, abwechselnd mit Polizisten und Rechten.

Auch Punk braucht Glamour

Weil ein richtiger Kinofilm – und sei er auch noch so punkig – natürlich Glamour braucht, hat Ehlail eine Reihe bekannter Schauspieler zum Mitmachen überredet. Die Liste würde den Produzenten einer Sat1-Komödie vor Neid erblassen lassen: Helge Schneider, Ben Becker, Martin Semmelrogge, Claude-Oliver Rudolph und Rolf Zacher haben in Chaostage kurze Auftritte. An diesem Abend soll dann auch der eine oder andere Schauspieler vorbeischauen, verspricht Ehlail.

Großzügig verteilt er Freikarten an seine Freunde. Ehlail hat kurzgeschorene Haare und trägt eine rote Trainingsjacke. Eigentlich wirkt er, als ob er nach dem Film noch zu einem Hip-Hop-Konzert weiterziehen würde. Seit er 14 Jahre alt ist, fühlt er sich aber als Punk. Und der Film soll so etwas wie ein Denkmal für eine Bewegung sein, die Denkmäler immer verachtet hat.

Bevor die Vorstellung losgeht, muss Ehlail aber noch seinen „Freund Claude“ vor die Leinwand schieben. Claude-Oliver Rudolph hat es zum Beruf gemacht, fies auszusehen. In Filmen wird er deshalb meist als Zuhälter oder Schläger besetzt. In Chaostage blieb da nur die Rolle des Polizisten, die Rudolph hingebungsvoll böse ausfüllte. Jetzt steht er mit einer riesigen Sonnenbrille vor der Leinwand und mimt den Stargast. Das Publikum ruft: „Anfangen, anfangen.“

Der Film hat in den Interviewszenen schön melancholische Zitate, die zeigen, wie schwierig es ist, als Mitglied einer Jugendbewegung älter zu werden. Ein Veteran in den Fünfzigern bekennt: „Ich weiß, es ist blöd, mit faltiger Fresse heute noch auf Punk-Konzerten rumzustehen.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Aber ich weiß nicht, welche Musik ich sonst hören soll.“ Die Zuschauer im Kino gröhlen vor Freude.

Und sie jaulen gequält auf, wenn Ben Becker auf der Leinwand zu sehen ist. Becker hat einen schwarzen Hut auf, trägt einen silbernen Totenkopf am Ringfinger und erinnert sich selbstverliebt an seine Jugend als Punk. Er schwärmt von dem Gefühl, „wenn man eine Straße runterrennt und alles kurz und klein schlägt“. Mit der Ben-Becker-liest-die-Bibel-Stimme sagt er dann: „Wenn ihr das machen wollt – meinen Segen habt ihr dafür.“ Buh-Rufe aus dem Publikum.

Auch sonst haben die Punks vor der Leinwand einige Probleme mit den Punks auf der Leinwand. Die fiktive Handlung zwischen den Interviews ist wirr, überlagert von einer Stimme aus dem Off, deren Kommentare von Pathos nur so triefen. „Was hat das mit Chaostagen zu tun?“, ruft ein Zuschauer. „Gar nichts“, antwortet es ihm aus dem Dunkeln.

Nach dem Film geht es weiter ins SO 36, einen legendären Kreuzberger Punk-Club, der nach 30 Jahren gerade gegen seine Schließung kämpft, weil sich ein Nachbar über den Lärm beschwert. Selbst im alternativen Kreuzberg haben es Punks heute nicht mehr so leicht. Vor dem SO steht Ehlail in seiner roten Trainingsjacke und verteilt wieder Freikarten an seine Kumpels. Drinnen kann man später dann ein weiteres Stück Punkgeschichte bewundern. Die 1979 gegründete Band The Exploited, die ein Konzert gibt. Ihr Song „Punk‘s not dead“ gilt seit knapp 30 Jahren als trotziges Bekenntnis dafür, dass es die Bewegung immer noch mit ihrer ganzen Wut und Kraft gibt.

Leben die noch?

Bevor es losgeht, vergewissert sich dennoch ein Zuschauer: „The Exploited? Leben die noch?“

Auf der Bühne steht von der Originalbesetzung auch nur noch Sänger Wattie Buchan, unübersehbar mit rotem Irokesenkamm. Die Musiker, die ihn begleiten, haben Dreadlocks oder kurze Haare. Sie sind im Schnitt 20 Jahre jünger.

Buchan tritt auf der Bühne vor und zurück. Er röhrt ins Mikrofon, man versteht kein Wort. Wie jede echte Punk-Band sind The Exploited stolz drauf, sich musikalisch in all den Jahren nicht weiterentwickelt zu haben.

Vor der Bühne schiebt und stößt man sich. Es ist heiß, es ist laut. Nach einer Dreiviertelstunde verschwindet die Band wieder. 20, 30 Zuschauer klettern auf die Bühne und stimmen einen Exploited-Klassiker an: „Sex and Violence.“ Es ist der einzige Moment an diesem Abend, an dem etwas nicht Geplantes, etwas nicht im Ablauf Vorgesehenes passiert.

Dann kommt die Band für eine Zugabe zurück, die Zuschauer lassen sich anstandslos wieder von der Bühne führen.

Zwei Stücke röhrt Sänger Buchan noch ins Mikro. Dann geht das Licht an, Jung- und Alt-Punks strömen zum Ausgang, erschöpft von einer Stunde schneller Musik. Neben den Toiletten pennt einer seinen Rausch aus. Am Ende ist es dann doch so, wie sich ein Veteran im Film erinnerte: „Wenn nachher alle platt sind – das ist Punk.“

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16:25 08.05.2009

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