Schenkelklopfer im Netz

Politische Satire Thorsten Schäfer-Gümbel macht Wahlkampf auf Twitter, mit unerwarteter Konkurrenz. Ein Parodist hat sich ebenfalls als TSG angemeldet. Der Fall zeigt Twitters Grenzen

Auf den ersten Blick sind Original und Fälschung nicht auseinanderzuhalten: Das kleine Bild mit dem lächelnden Spitzenkandidaten ist gleich, das Kürzel tsg benutzen beide, nur der echte Schäfer-Gümbel hat das Anhängsel "hessen", während der falsche sich als "tsghessenspd" bei Twitter angemeldet hat. Der Branchendienst Turiberichtet, dass hinter der Online-Satire der ehemalige Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn steckt. Der falsche TSG bloggt etwa: "Unterstützerteam (Mutter) und ich rufen ALLE Schäfer-Gümbels in GANZ HESSEN an, schließen die Reihen. Es geht um 7 Stimmen!" Ein mauer Witz, aber auf diesem Niveau plätschert die Satire meist dahin - und zeigt damit auch die humoristischen Grenzen des neuen Mediums auf. Auf 140 Zeichen lässt sich kaum eine Pointe aufbauen, bleibt Humor auf platte Schenkelklopfer reduziert.


Die Grenzen von Twitter lernt aber auch der echte Schäfer-Gümbel kennen, wenn er versucht seine politischen Botschaften auf die 140-Zeichen-Größe zu verknappen. "Heute bildungstag. Mehr ganztagsschulen, talentförderung. 16 Uhr, Konferenz in Frankfurt", schreibt TSG und will mit dem Hackstil die jugendliche Zielgruppe erreichen. Politische Forderungen werden - Wahklkampfplakaten ähnlich - auf einzelne Stichworte reduziert. Die Schnipselbotschaften zeigen, dass Twitter immer nur als Ergänzung funktionieren kann, denn ohne den über andere Medien vermittelten Kontext der hessischen Bildungsmisere blieben diese Schlagwörter hohl.


Das Prinzip Twitter funktionierte im Obama-Wahlkampf so gut, weil ein charismatischer Kandidat seinen Anhängern damit eine Nähe suggerierte, die allein angesichts der Anzahl von über 170.000 registrierten "Freunden" natürlich illusorisch war. Dennoch hatten viele das Gefühl, allein durch das Verfolgen von Obamas Bewegungen Teil eines wichtigen Ereignisses zu sein. Wenn nun aber Schäfer-Gümbel in der hessischen Provinz seinen knapp 1.200 registrierten "Freunden" mitteilt, dass er sich gerade in der Auffahrt eines Drive-through-McDonald's befindet, wird es schwierig die Satire noch von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Wer braucht diese Information? Und wird der Kandidat wirklich volksnäher, wenn er die Netz-Öffentlichkeit an seinen schlechten Ernährungsgewohnheiten teilhaben lässt?


Mit nichtssagenden Einträgen wie jenem aus der McDonald's-Auffahrt führt Schäfer-Gümbel seine Twitter-Kampagne ad absurdum. Dazu braucht es dann gar keine Parodie mehr.

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