Sei kein Glasshole!

Überwachung In den USA wird man als Google-Brillen-Träger manchmal sogar angegriffen. Und in Deutschland? Ein Selbstversuch mit Attrappe
Jan Pfaff | Ausgabe 10/2014
Sei kein Glasshole!
Plastikding mit Filzstiftpunkt: Aus der Nähe betrachtet ist es eindeutig eine Attrappe

Foto: Der Freitag

In Amerika hat sich da etwas gedreht. Vergangenen Sommer beschrieb der Schriftsteller Gary Shteyngart im New Yorker noch, wie er als einer der ersten Tester von Google Glass auf den Straßen New Yorks gefeiert wurde. Fremde Menschen jubelten ihm zu und machten Fotos von seiner Hightech-Brille. Näher würde er dem Status eines Rockstars nie wieder kommen, seufzte Shteyngart.

Seitdem ist die Stimmung gekippt. Selbst technikbegeisterte Amerikaner halten es nicht mehr für eine gute Idee, dass Menschen mit einem Kleincomputer auf der Nase herumlaufen, mit dem man auf einem winzigen Display vor dem rechten Auge ständig im Netz surfen, seine E-Mails checken oder mit einer Kamera im Brillengestell Videos aufnehmen kann. Google Glass könnte der entscheidende Schritt auf dem Weg zum Cyborg sein, der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Kritiker fürchten aber vor allem die Verwandlung der Gesellschaft in ein Panoptikum.

Das Schimpfwort "Glasshole" – in etwa "Brillenarsch" – hat Einzug in den US-Wortschatz gehalten. Google sah sich sogar genötigt, Benimmregeln für die "Explorer" herauszugeben, jene Menschen, die gerade die Brille im Alltag ausprobieren. Die wichtigste Maxime: Niemanden ungefragt filmen! Vergangene Woche kam es wegen der Videofunktion sogar zu Handgreiflichkeiten. Eine Brillenträgerin wurde in einer Bar in San Francisco angegriffen, weil Gäste sich heimlich aufgenommen fühlten.

Strenge Regeln für "Explorer"

Und in Deutschland? Bisher scheint die Debatte hier noch gar nicht angekommen. Oder täuscht das? Um das herauszufinden, rufe ich beim Pressesprecher von Google Deutschland an. Ob ich mir eine Datenbrille für einen Tag ausleihen könne? Ralf Bremer antwortet nett, aber entschieden: Pressevertreter würde man gelegentlich zu Vorführungen einladen, dort könnte man Google Glass auch aufsetzen, aber einfach loslaufen dürfe man damit nicht. Dafür bräuchte es eine längere Einweisung.

Für einen Alltagstest könne man die Brille jedenfalls nicht rausgeben. "Die haben nur die Google Explorer", sagt Bremer. In Deutschland gebe es nach seiner Kenntnis bisher nur zwei von ihnen: Sarah Williams, eine Britin, die Horn bei den Berliner Philharmonikern spielt und über ihre Brillen-Erfahrungen auf ihrer Website berichtet. Und Kai Diekmann, der Bild-Chef, der seine Brille unter einigem medialen Getöse aus dem Silicon Valley mitgebracht hat.

Ich erinnere mich kurz, dass es einer der ältesten Marketingtricks ist, neue Produkte vor ihrer Einführung zu verknappen, um das Interesse zu steigern. Was die Brille schon in den Köpfen auslöst, bevor sie wirklich da ist, zeigt sich aber auch daran, dass Fans das Design nachbauen und für 3D-Drucker zum Kopieren ins Netz stellen: Jeder kann sich ein maßstabsgetreues Modell herstellen. Der Blogger Hannes Schleeh hatte auf der Internet-Konferenz Re:publica bereits im vergangenen Mai die Reaktionen des Fachpublikums auf die Brille mit einem solchen Nachbau getestet.

In Berlin gibt es einen 3D-Druck-Shop in Kreuzberg, sagt mir Google. Ich schicke eine E-Mail mit den Koordinaten des nachempfundenen Designs. Zwei Stunden müsste der Drucker dafür laufen, lautet die Antwort. 25 Euro kostet eine Stunde, mit 50 Euro bin ich also dabei.

Am nächsten Tag hole ich das graue Plastikgestell ab. Wo die Kameralinse sitzen würde, ist eine kleine Vertiefung, die ich einfach schwarz anmale. Als Mini-Monitor soll der milchige Plastikstreifen eines Post-It-Blocks durchgehen, per Hand dran geklebt. Aus der Nähe erkennt man sofort, dass das Gestell eine Attrappe ist, aber auf vier, fünf Meter könnte es durchgehen.

Die Plastikbügel drücken auf der Nase und es ist ungewohnt, einen Störer im Sichtfeld zu haben, aber bitte, Günter Wallraff würde sich davon auch nicht abschrecken lassen. Ich beginne meinen Versuch mit einem Spaziergang durch Berlin-Mitte. Der erste Eindruck nach rund zwanzig Minuten: Ja, es gibt ein digital gap. Anfang- bis Mittzwanziger rufen mir freudig zu: "Google Glass, Google Glass!" Da ist keine NSA-Angst, nur reine Technikbegeisterung.

Leute über vierzig schauen mich dagegen erschreckt bis besorgt an. Wer noch nichts von der Google-Brille gehört hat, könnte vermuten, dass ich ein Teilnehmer eines biometrischen Experiments über Blicklenkung im Straßenverkehr bin. Oder dass ich an einer seltenen Augenkrankheit leide. Vielleicht auch, dass ich eine Profilneurose habe – und mich mit dem komischen Gestell zwanghaft von all den 70er-Jahre-Brille-Hipstern unterscheiden will.

Mit Brille ins linke Café

Später Vormittag, ich steige in eine U-Bahn. Die echte Google-Brille bedient man, indem man mit ihr spricht. Sich in der Öffentlichkeit mit dem Gestell auf seiner Nase zu unterhalten, kostet einige Überwindung. Schließlich ist es noch nicht so lange her, dass Menschen, die mit Gegenständen sprachen, als behandlungsbedürftig angesehen wurden. "Okay Glass, take a video", murmele ich. Bei der echten Brille würde nun die Aufnahme starten. In der U-Bahn zeigt niemand eine Reaktion. Ich wiederhole den Satz noch einmal lauter. Ein Mittdreißiger scheint jetzt noch angestrengter wegzuschauen als zuvor. Immer diese Irren in der U-Bahn.

Dann also ins "Café Morgenrot", laut Selbstdarstellung ein Laden in kollektiver Selbstverwaltung, der sich als "Teil linker Strukturen in Berlin" versteht. Da müssten doch ein paar datenschutzbesorgte Reaktionen drin sein! Am Nachbartisch werden Studenten auf die Brille aufmerksam, die ich vor mir auf den Tisch gelegt habe. "Die zeigt ja mit der Kamera genau in unsere Richtung“, witzelt eine junge Frau.

Ich frage den Mann hinter der Theke – graue Strubbelhaare, schwarzes T-Shirt –, ob sie im Café-Kollektiv schon diskutiert hätten, wie sie mit Google-Glass-Trägern umgehen. Nein, sagt er, aber ein befreundeter Wirt einer linken Kneipe habe schon erklärt: Wenn bei ihm jemand damit reinkäme, fliege der sofort wieder raus. Dann hat der Thekenmann noch eine Frage an mich: "Was macht diese Brille eigentlich?"

Ich geb‘s auf. Mit Google Glass wird es vermutlich so kommen wie mit Google Street View – da ging die Debatte auch erst richtig los, als das ganze Land längst abfotografiert war.

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06:00 11.03.2014

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