Sei kein Troll!

Porträt Sjón hat früher Gedichte bei Rock-­Konzerten vor­getragen. Heute schreibt er Romane, die Islands Traditionen mit Popkultur verbinden. Und ab und zu einen Song für Björk

Er sei mobil, schreibt Sjón in seiner E-Mail – und er entdecke gern neue Orte in Berlin, man solle ruhig ein Café nach Belieben vorschlagen. Also gut, dann muss er halt nach Friedrichshain. Auf die Minute pünktlich steht er vor der Tür des Cafés am Ostkreuz.

Der Freitag: Sjón, Sie leben zurzeit in Berlin.

Sjón: Wie ein Haufen anderer isländischer Künstler auch.

Island ist für viele Deutsche ein Sehnsuchtsort – die Natur, die Insellage, die Sagen von Elfen und Trollen. Aber warum zieht man als Isländer nach Berlin? Da gibt’s ja nicht mal ein Meer.

Vor einigen Jahren habe ich bei meinem ersten Aufenthalt hier gemerkt, dass unsere Länder viel gemeinsam haben. Island ist nämlich der letzte Außenposten des nordeuropäischen Kulturraums: Norddeutschland, Skandinavien, Island – wir sind alle stark vom Protestantismus geprägt, bis hinein in die Alltagsmoral. Ich kann dieses Erbe hier immer noch fühlen, das gefällt mir. Und dann ist hier natürlich viel mehr los.

Wie ist es denn, in Reykjavík aufzuwachsen?

In den Sechzigern und Siebzigern, als ich dort groß wurde, war es noch etwas ganz anderes als heute. Mit den vielen Flugverbindungen ist mittlerweile jeder Fünfjährige schon ein paar Mal im Ausland gewesen. Ich habe die Insel mit 15 das erste Mal verlassen, damals war ich ein paar Tage in Kopenhagen.

Wie war das?

Es war, als ob man auf einmal Anschluss an den Rest der Welt gefunden hätte. Ich habe zwei Koffer voller Platten zurück nach Hause geschleppt, weil es ja noch kein iTunes gab. Es war eine sehr überschaubare Welt damals: Das isländische Fernsehen hat donnerstags nichts gesendet, im Juli wurde der Sendebetrieb ganz eingestellt.

Wieso das?

Warum sollte man im Sommer Fernsehen schauen? Da sollte man draußen sein und die Natur genießen, war die allgemeine Überzeugung. Donnerstags wurde nichts gesendet, weil die Leute an diesem Tag ihren Hobbys nachgehen sollten – im Chor singen, sich in ihrer Lesegruppe treffen, töpfern ...

Das klingt nach einer längst vergangenen Epoche.

Fernsehfreie Donnerstage gab es bis Mitte der achtziger Jahre. Island war damals noch relativ arm, aber die Menschen kamen ganz gut damit zurecht.

Das hat sich in den Nullerjahren geändert. Island zählte für eine Weile zu den reichsten Nationen der Welt und war eines der Länder, die sich am heftigsten den Finanzspekulationen hingegeben haben. Die Bankenkrise traf das Land dann besonders hart.

Ach, eigentlich geht’s uns trotz der Krise noch ganz gut. In Island verhungert niemand, alle haben ein Dach über dem Kopf – wenn man das mit wirklich armen Ländern wie Haiti vergleicht, sind unsere Probleme läppisch. Es gibt aber natürlich berechtigten Zorn darüber, dass alle für die Exzesse einiger weniger bluten müssen. Die Banker und Finanzspekulanten haben ja nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausgemacht.

Als im vergangenen Sommer der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach und wegen der Asche keine Touristen mehr auf die Insel fliegen konnten, druckten einige Isländer T-Shirts mit dem Spruch: ‚We may not have cash, but we’ve got ash!’ Ist das der typische Umgang der Isländer mit der Krise?

Wir sind nicht so schwermütig, wie viele Europäer denken. Eigentlich sind wir ein ziemlich optimistisches Völkchen. In meiner Verwandschaft haben auch ein paar Leute ihre Jobs verloren. Damit hatte man aber gerechnet, das hat keinen umgehauen. Man schüttelt sich und macht weiter.

Viele Künstler sind unter dem Einfluss der Krise so politisch geworden, dass sie nun selbst Politik machen. Die Best Parti wurde von dem Komiker Jón Gnarr gegründet. Was halb als Scherz, halb als Happening begann, führte direkt ins Rathaus von Reykjavík. Gnarr wurde Bürgermeister.

Dabei hatte er zuvor versprochen, so korrupt wie möglich zu sein und alle seine Wahlversprechen zu brechen. Die Wahl der Best Parti zeigt, wie sehr die Menschen den Glauben an die Politiker und das bestehende System verloren haben. Die meisten Kandidaten der Best Parti kommen aus dem linken Künstlermilieu. Ich kenne Gnarr noch von früher. In den Achtzigern war er ein von Surrealismus und Punk beeinflusster Dichter. Und er schrieb den gewalttätigsten Sex-Roman, der je in isländischer Sprache erschienen ist.

Macht er jetzt im Rathaus wirklich alles anders?

Es ist noch zu früh, um das beurteilen zu können. Er ist kein Jahr im Amt und hat schwer mit den fehlgeschlagenen Investments seines Vorgängers zu kämpfen, man sollte ihm mehr Zeit geben. Das Bemerkenswerte ist aber, dass die Wähler entschieden haben, dass Erfahrungen, die man als freier Künstler macht, einen genauso gut dafür qualifizieren, eine Stadt zu regieren, wie wenn man Jura oder Wirtschaftswissenschaften studiert hat. Das ist der große ideologische Wandel, den wir momentan als Folge der Krise erleben. Möglicherweise kann Island da auch ein Vorbild für andere Länder sein.

Ein großes Umdenken?

Ja, genauso wie es vor 20 Jahren in die andere Richtung stattgefunden hat. Es war ja kein Zufall, dass kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks bei uns eine rechte Regierung ins Amt kam und bis zur Finanzkrise blieb. Das war nur möglich, weil der Fall des Eisernen Vorhangs zu einer völligen Diskreditierung aller linker Ideen führte – wie weit entfernt vom Staatssozialismus sie auch immer gewesen sein mögen. Das hat die Linke wirklich erschüttert. Sie hat lange gebraucht, ihre Stimme wieder­zufinden.

Haben Sie auch selbst darüber nachgedacht, nun in die Politik zu gehen?

Nein. Als ich ein Teenager war, hatte der Punk gerade seine große Zeit. Deswegen bin ich – wie viele aus meiner Generation – mit anarchistischen Ideen und einem totalen Misstrauen gegenüber der Politik aufgewachsen. Vielleicht kann die Best Parti wirklich etwas Neues schaffen – abwarten. Aber die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass Künstler immer den Kürzeren gezogen haben, wenn sie sich mit Politikern und Parteien eingelassen haben.

Von dem sich einmischenden Intellektuellen halten Sie nichts?

Nein, Günter Grass ist da ein gutes Beispiel. Er glaubte immer, er könne bei der SPD etwas bewegen, aber am Ende ist er doch nur eine bunte Feder, mit der sich die Partei schmückt und trotzdem weiter unbeeindruckt ihr Programm durchzieht. Ich glaube, dass es die gesellschaftliche Aufgabe eines Schriftstellers ist, Literatur zu produzieren, nichts sonst. Deswegen schreibe ich auch keine journalistischen Artikel.

Der echte Literat äußert sich nie politisch?

Seine Literatur kann durchaus politisch verstanden werden. Aber er sollte sich nicht auf den Diskurs und die Sprache der Politiker einlassen, sondern innerhalb seiner Sphäre bleiben. Wenn ich schreibe, denke ich nie an 30.000 Leser, sondern nur an einen. Ich ziele immer auf den Einzelnen. Das ist ein großer Unterschied zu Texten, die sich – wie dieses Interview auch – von vornherein an eine möglichst große Leserschaft richten.

Sie behaupten jetzt aber nicht, dass es Ihnen egal ist, wie oft sich Ihre Bücher verkaufen?

Natürlich bin ich glücklich, wenn sie sich gut verkaufen. Aber ich habe in der Selbstverleger-Szene begonnen, das hat mich geprägt: Meinen ersten Gedichtband habe ich mit 16 mit dem Geld gedruckt, das ich bei einem Schülerjob verdient hatte. Ich habe damals nicht erwartet, dass er sich verkauft – und ich erwarte das heute von meinen Büchern auch nicht. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich mit anderen Projekten genug Geld zum Leben verdiene.

Sie haben zahlreiche Songs für Björk geschrieben. Die bringen

sicher ganz gute Tantieme.

Das hat sich so ergeben. In den achtziger Jahren war in Island die einzige Möglichkeit für Dichter, ihre Gedichte vor einem größeren Publikum zu lesen, sie bei Rock-Konzerten vorzutragen. Also habe ich in den Umbaupausen zwischen zwei Bands Gedichte vorgetragen. Deswegen kannte ich auch die ganzen Musiker. Björk war damals die Freundin meines besten Freundes, und wir haben ab und zu bei verschiedenen Projekten zusammengearbeitet. Als sie mich später fragte, ob ich ihr ein paar Songs schreiben könnte, war das nur eine logische Fortsetzung unserer Zusammenarbeit.

Da war sie schon ein Weltstar.

Das hat unsere Beziehung aber nicht verändert. Wenn man jemand aus Teenager-Tagen kennt, denkt man nicht groß drüber nach, dass der Andere mittlerweile weltweit bekannt ist.

Ihre Bücher werden dafür gelobt, dass Sie es schaffen, isländische Traditionen mit zeitgenössischer Pop-Kultur zu verbinden.

Alle ernsthaften Schriftsteller schreiben über das Lokale – man erzählt von dem kleinen Stück Erde, das man ganz gut kennt. Damit das aber nicht langweilig wird, muss man etwas Neues hinzunehmen, etwa die globale Pop-Kultur. Nur im Wechsel zwischen Lokalem und Globalem kann etwas spannendes Neues entstehen.

In Ihren Romanen kritisieren Sie immer wieder auch eine zu große Selbstbezogenheit der Isländer.

Das ist meiner Ansicht nach das größte Problem der isländischen Gesellschaft. Als ich 1997 nach einem Auslandsaufenthalt in London zurückkam, dachte ich: Was ist denn hier los? Damals wurde die Firma Decode gegründet, die eine große genetische Datenbank mit Informationen über jeden Isländer anlegen wollte. Mit diesem Projekt sollen irgendwann die schlimmsten Krankheiten der Menschheit geheilt werden. Das appelliert an eine Vorstellung, die viele Isländer haben – dass wir eine große historische Mission hätten, einmal die Welt zu retten.

Klingt nach ganz schöner Hybris.

Es ist eine völlig fantastische Vorstellung – ein Häuflein von 320.000 Menschen mitten im Meer könnte die ganze Welt retten. Die Gefahr ist natürlich, dass diese Hirngespinste irgendwann mal politisch ausgenutzt werden.

Sind Pop-Kultur und Pop-Musik für Sie ein Gegengift gegen diese Selbstbezogenheit gewesen?

Ja, mein Lehrer war dabei David Bowie. Ich erinnere mich noch, wie ich mit 12 Jahren bei einem Verwandten das erste Mal Starman hörte. Diese Zeile: "There’s a starman waiting in the sky." Ich saß vor der Anlage, hatte die Kopfhörer auf und schaute aus dem Fenster. Es war dunkel und schneite – und ich hatte auf einmal das Gefühl, mit etwas Größerem verbunden zu sein, etwas, das über meine kleine Welt hinausreichte.

Und wie hat Sie Ihr Lehrer Bowie dann unterrichtet?

Seinetwegen habe ich möglichst schnell Englisch gelernt, weil ich alle Interviews mit ihm lesen wollte. Und Bowie war ein großer Namedropper, in jedem Interview empfahl er mehrere andere Musiker, Maler und Autoren, die für ihn wichtig waren. Das wurde dann meine Einkaufsliste. So brachte Bowie mich zu William Burroughs und seiner Cut-Up-Technik, zur Musik von Kraftwerk und Velvet Underground.

Haben Sie Bowie später mal persönlich getroffen?

Nein, aber ich bin mal vor ihm aufgetreten. Als die Sugarcubes mit Björk in Amerika groß wurden, spielten sie ein wichtiges Konzert im Roxy in New York. Ich hatte für sie Luftgítar geschrieben, und als sie diesen Song als Zugabe spielten, baten sie mich auf die Bühne, um ihn mit ihnen zu singen. Ich wusste, dass im VIP-Bereich David Bowie und Iggy Pop standen, die Helden meiner Jugend. Auf einmal war ich also auf der Bühne und spielte Luftgitarre vor meinen Idolen. Von dem Moment an wusste ich: Alles, wirklich alles ist im Leben möglich.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

Sjón heißt eigentlich Sigurjión Birgir Sigurdsson. Er wurde am 27. August 1962 in Reykjavík geboren und wuchs dort als Sohn einer alleinerziehenden Mutter auf. Als Jugendlicher las er sich durch den Bücherschrank seiner Großmutter und lernte so die isländische Sagenwelt kennen. Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte er 1978, seinen ersten Roman 1987.

Sjón arbeitete lange mit Jugendlichen in einem Gemeindezentrum, bevor er von seinen Texten leben konnte. International bekannt wurde er vor allem als Songschreiber für Björk. Für ihre frühere Band Sugarcubes schrieb er unter anderem den Titel Luftgítar. In dem dazugehörenden Musikvideo (siehe oben) trat er als Johnny Triumph als Co-Sänger und Luftgitarrist auf. 2001 wurde Sjón für den Björk-Song Ive seen it all aus Lars von Triers Film Dancer in the Dark für einen Oscar für Filmmusik nominiert.

In seinen Romanen verbindet Sjón isländische Erzähltraditionen mit zahlreichen Verweisen auf die internationale Pop-Kultur. 2005 erhielt er dafür den Literaturpreis des Nordischen Rates.

Im S. Fischer Verlag ist nun sein Roman Das Gleißen der Nacht erschienen. Die Handlung spielt im 17. Jahrhundert und ist inspiriert von den Schriften eines Zeitgenossen, der den Siegeszug des Protestantismus in Island sehr kritisch sieht. Er beschreibt die Abkehr von der katholischen Kirche als einen Zerfall der sozialen Institutionen, den Protestantismus als ein Zeitalter der Individualisierung, der Gier und des Egoismus. Es hat mich interessiert, wie brutal es sein kann, wenn feststehende Glaubenssätze über Nacht zerstört werden, sagt Sjón. Ähnlich wie das in der großen Spekulationsblase auch bei uns der Fall war. jap

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09:00 18.03.2011

Ausgabe 42/2021

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