Und allzeit: Gut grün!

Eventkritik Es gibt traditionelle Kleingärtner – und postmoderne. Bei einer Buchpräsentation in der Potsdamer Kolonie "Uns genügt's" trafen sie aufeinander

Spätestens seit es diese Bilder von Michelle Obama im Gemüsebeet vor dem Weißen Haus gibt, gilt der Garten als Lifestyle-Objekt. Prominente zeigen sich mit Gießkanne, der SPD-Kanzlerkandidat nennt „im Garten buddeln“ als Hobby, Journalisten schreiben über Blumenzwiebeln und Schneckenplage.

Eberhard Bartsch kennt die Bilder der gärtnernden Präsidentengattin nicht. Er würde ihr aber wohl raten, den Rasen um das Weiße Haus vollständig umzupflügen, um mehr Gemüse anzubauen. Denn nur wer aus seinem privaten Stück Grün möglichst viel herausholt, ist für ihn ein echter Gärtner.

Bartsch ist Vorsitzender des Kleingartenvereins „Uns genügt’s“ in Postdam-Babelsberg. Ein kräftiger Mann mit weißem Bart, 60 Jahre alt, seit 1991 Vereinsvorsitzender. „Hier war nach der Wende großes Chaos, ich musste erstmal für Ordnung sorgen“, sagt er. Mit einem Plastikbecher Bier steht er in der Sonne vor dem Vereinsheim und ist etwas aufgeregt, denn „jetzt wird’s gleich literarisch“. Die Kleingartenanlage feiert ihr Sommerfest, Bierbänke und eine große Anlage sind aufgebaut, der DJ spielt Wolfgang-Petry-Lieder. Unter einem weißen Sonnenschirm steht Stefan Leppert neben einem Tisch mit einem Stapel Büchern. Er stellt hier sein neues Buch vor.

Ökologisch und frei

Autor Leppert ist so etwas wie die Antithese zu Bartsch. Leppert – 50, graue Locken, schwarze Windjacke – ist ein akademischer Gärtner. Er hat Garten- und Landschaftsbau studiert, viele Jahre bei einer Garten-Fachzeitschrift gearbeitet. Früher habe er auf Schrebergärtner immer herabgeschaut, erzählt er. Doch dann nahm er sich mit seiner Frau vor sieben Jahren eine Parzelle in einer alternativen Kleingartenanlage in Münster. „Bei uns ist nichts mit strengen Vereinsregeln.“ Ökologisch und frei gehe es dort zu – anything goes, postmoderne Kleingärtner also.

Weil Leppert so begeistert von seinem Garten ist, und weil er möchte, dass die Kleingärtner ihr spießiges Image hinter sich lassen und sich mehr öffnen, statt sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen, hat er ein Buch geschrieben, das allerdings einen recht biederen Namen hat: Paradies mit Laube. Es geht um die Geschichte der Kleingärtnerei, von den ersten Schrebervereinen im 19. Jahrhundert bis zum heutigen Ökogarten. Man erfährt, dass mehr als eine Million Deutsche im Verein einen Kleingarten bewirtschaften, in Garmisch die südlichste Anlage ist, es auch auf Helgoland Schrebergärten gibt. Und dass es in den Parzellen mittlerweile viel bunter zugeht, als man gemeinhin vermutet.

Um etwas Aufmerksamkeit für seine Buchpräsentation zu bekommen, hat Leppert einen Wettbewerb initiiert. Eine fünfköpfige Jury hat die Schrebergartenanlage mit dem schönsten Namen ausgewählt, ein Künstler einen goldenen Gartenzwerg als Preis entworfen. Nur interessiert sich die Öffentlichkeit trotzdem kaum. Außer drei Journalisten sind nur zwei Freunde des Autors gekommen. Die Kleingärtner stört das nicht.

Der DJ blendet die Musik aus, Vereinsvorsitzender Bartsch greift zum Mikrofon. Bevor er „an den Literaten übergebe“, möchte er noch eigene Anekdoten erzählen, sagt er. Von einem Zettel liest er ab, wie er einmal in ein Wespennest griff und wie er vergeblich versuchte, den Aprikosenbaum vor Frost zu schützen. Ältere Männer und Frauen stehen um ihn herum, manchmal lachen sie laut.

Dann bekommt Leppert das Mikrofon. Er erzählt, dass seine Freunde – „die Studierten“ – skeptisch waren, als er den Schrebergarten pachtete. Und dass sein Buch etwas für jeden Gartenfreund sei. Schließlich überreicht er den goldenen Gartenzwerg. Die Kleingärtner schütteln sich vor Lachen. „Der wird einen würdigen Platz in unserem Vereinsheim bekommen“, sagt Bartsch. Es sei nicht einfach als Vorsitzender, erzählt er später. Er müsse sich dauernd um die „schmutzige Wäsche“ kümmern. „Der eine pflegt seinen Garten nicht, beim anderen ist es zu laut – nichts als Ärger.“ Warum tut er sich das an? „Macht ja sonst keiner.“

Er will den Besuchern die schönsten Gärten von „Uns genügt‘s“ zeigen. Die erste Station ist die Parzelle eines Rentnerpärchens. Die Beete sind frisch geharkt, die Tomaten wachsen in einem Unterstand, der Pfirsichbaum ist voller Früchte. „Piekfein dieser Garten“, sagt Bartsch. Der Besitzer erzählt, dass er den Pfirsichbaum aus einem Stein gezogen hat, den er zu DDR-Zeiten aus Bulgarien mitbrachte. Seine Frau präsentiert die ersten Pfirsiche des Jahres in einem Plastikkörbchen. „Früher hatten wir nie Pfirsiche, sind immer erfroren“, sagt Bartsch. „Das ist der Klimawandel.“

Manchmal könnte er kotzen

Ein paar Parzellen weiter bleibt er vor einem Garten stehen, in dem links Tomaten wachsen, rechts ein Stück glattrasierter Rasen. „Wenn ich das sehe“, ereifert sich der Vereinsvorsitzende, „könnte ich Tag und Nacht kotzen.“ Das sei doch kein Garten. So habe man doch nichts von der Natur, wenn man nicht mehrere Nutzpflanzen anbaue, nicht etwas mit seinem Garten wolle.

Und wo Bartsch gerade schon dabei ist, erzählt er, weiter vorne habe es einen „Ökogarten“ gegeben. Er spuckt das Wort aus. Die Pächterin habe da alles wachsen lassen, wie es wollte. „Aber da kannst du vor Gericht nichts machen.“ Mehrere Prozesse habe er geführt, mit dem Kleingartengesetz und der Vereinssatzung argumentiert. „Alles vergeblich, aber jetzt ist sie gestorben.“ Der Garten ist neu verpachtet, nun herrscht wieder Ordnung. Buchautor Leppert steht daneben und sagt nichts.

Weiter geht es in einen Seitenweg der Anlage, wo Bartsch die Gärten besser gefallen. „Hier wird richtig konkurriert, wer die ersten Kartoffeln hat.“ Eine Frau drängt zur Rückkehr zum Vereinsheim. „Das Essen wird kalt.“ Leppert signiert noch ein paar verkaufte Bücher mit dem Kleingärtnergruß „Gut grün!“ Dann verlasssen die Besucher das Sommerfest. Die Kleingärtner feiern allein weiter. Ihnen genügt‘s.

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07:00 09.09.2009

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