Wer hat hier die Krise?

Erklärungsmodell Die Wirtschaft wächst wieder. Wenn die Krise wirklich geht, wird sie einigen aber auch fehlen. Schließlich lieferte sie in diesem Jahr für alles die Erklärung

Was ist eigentlich aus den Krisentickern geworden? Auf dem Tiefpunkt des wirtschaftlichen Abschwungs hatte jedes Nachrichtenportal, das etwas auf sich hielt, einen solchen Ticker. Klickte man ihn an, konnte man im Minutentakt das Eintrudeln der schlechten Nachrichten beobachten. Geplatzte Kredite, pleite gegangene Traditionsunternehmen, hastig geschnürte Rettungspakte. Die Krise in Echtzeit – gruselig und faszinierend zugleich.

Bei Spiegel Online tauchte der Krisenticker das letzte Mal Mitte August auf. Schon eine Weile her. Es mehren sich die Anzeichen, dass uns die Krise, dieses vertraut gewordene Wesen, bald verlassen könnte. In Deutschland wächst die Wirtschaft, in der Eurozone gibt es nach fünf Quartalen erstmals wieder ein leichtes Plus. Auch wenn Experten warnen, dass auf dem Arbeitsmarkt das Schlimmste noch bevorstehen könnte: Zurzeit sinkt die Zahl der Kurzarbeiter, die der Arbeitslosen bleibt stabil – was zeigt, dass die Unternehmen ihre Produktion wieder hochfahren. In den Jahresrückblicken wird auf die ökonomische Misere bereits zurückgeschaut wie auf etwas, das man mit dem ausklingenden Jahr nun wirklich verabschieden will.

Wenngleich aus guten Gründen ein Ende herbeigesehnt wird: Sollte die Krise sich wirklich verabschieden, wird sie uns auch fehlen. Das Leben mit ihr hatte – bei allen Sorgen, bei aller Unsicherheit – doch eine angenehme Seite. Die Krise war bequem, weil sie in diesem Jahr für so ziemlich alles die Erklärung lieferte. Im Bereich der Wirtschaft, aber auch weit darüber hinaus. Die Krise half dem Chef, der beim Entlassungsgespräch mit missliebigen Mitarbeitern nur auf die weltwirtschaftlichen Verwerfungen verweisen musste. Sie half dem Entlassenen, weil er Freunden und Bekannten nicht die Gründe für den Jobverlust erklären musste. Jeder wusste ja, was los war.

Keiner sprach von Rezession

Die Zeitungen waren voll von Berichten taumelnder oder insolventer Unternehmen. Die Wirtschaftsmeldungen hatten die hinteren Seiten verlassen und die Titelseiten besetzt. Der ökonomische Abschwung sickerte ins Kulturelle, Gesellschaftliche, Private. Auch sprachlich. Kaum jemand redete noch von einer Rezession, dem wirtschaftlichen Fachbegriff. Das Wort „Krise“ klang einfacher und war umfassender. Hatte nicht jeder schon mal eine erlebt? Die Krise war allgegenwärtig und doch diffus. Ihre Beliebtheit als Erklärungsmodell steigerte dies nur noch. Sie wurde zu einem Begründungspassepartout.

Als Ursula von der Leyen im Februar verkündete, dass in Deutschland mehr Kinder geboren würden, tauften Journalisten diese „Krisenbabys“ und erklärten die steigende Zahl damit, dass verunsicherte Frauen sich aus der Arbeitswelt ins Private zurückzögen und deshalb mehr Kinder in die Welt setzten. Als dann im August eine EU-Statistik zeigte, dass die Geburtsrate in Deutschland als einzigem EU-Land doch nicht gestiegen war, erklärte man auch dies wieder mit der Krise: Die Rezession mache Angst, deswegen zögerten viele die Verwirklichung ihres Kinderwunschs auf ungewisse Zeit hinaus.

Der Spiegel rief eine neue Generation aus – „Wir Krisenkinder“ – und widmete ihr ein Spezial-Heft. Mit der altersmäßigen Abgrenzung nahm man es dabei nicht allzu eng. Großzügig wurden „junge Erwachsene zwischen 20 und 35 Jahren“ zusammengefasst. Ob Abiturient, der nicht weiß, was er nach der Schule machen soll, ob Bankberater, der mit Anfang 30 gekündigt wurde, ob promovierter Geisteswissenschaftler auf der Suche nach einer Stelle – alles Krisenkinder. Gemeinsam sollte ihnen sein, dass sie tief verunsichert, angepasst und brav seien. Es war die Neuauflage der alten Klage, dass die Jüngeren sich nie so verhalten, wie es sich die Älteren wünschen. Nur wusste man diesmal genau, wer schuld war: natürlich die Krise.

Konsequenterweise erfand man gleich noch einen neuen Beruf, den Krisenkolumnisten. Spiegel-Wirtschaftsredakteur Thomas Tuma schrieb Kolumnen darüber, warum der Abschwung Frauen härter als Männer treffe und warum es auch mit der Krise zu tun habe, dass Harald Schmidt nicht mehr so lustig sei. Wie ein satter Mittelständler habe Schmidt es verpasst, sich „dem eisigen Wind der Globalisierung zu stellen“. Nun stehe er ratlos vor der Rezession – und könne nichts mit ihr anfangen, keinen humoristischen Funken aus bankrotten Banken und insolventen Versandhäusern schlagen, weshalb seine Sendung nicht mehr lustig und vor allem bedeutungslos sei.

Der Tod und die Finanzmisere

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung war kürzlich zu lesen, dass der Tod in diesem Sommer „die Rolle seines Lebens spielte“. Wer war 2009 nicht alles gestorben: Farrah Fawcett und Patrick Swayze, Monica Bleibtreu, Robert Enke und vor allem Michael Jackson. Dazu die Krebsliteratur von Christoph Schlingensief, Jürgen Leinemann und Georg Diez. Allerdings, so SZ-Autorin Kerstin Greiner, seien unter dem Strich doch nicht mehr Prominente zu Grabe getragen worden als in den Jahren zuvor. Aber: „All die Nachrichten von Tod und Leid in diesem Sommer fielen auf einen fruchtbaren Boden.“ Diesen habe – selbstredend – die Finanzkrise bereitet. Prominente Tote, Jahresende und Weltwirtschaftskrise fallen in Greiners Text schließlich im Goethe-Wort „Stirb und werde“ in eins.

In der Koppelung mit einer neuen Trauerkultur erfährt das Erklärungsmodell Krise seine ultimative Überhöhung. Existenzieller geht’s nicht mehr. Die Krise grenzt ans Transzendente – was soll nun noch kommen? Vielleicht der Aufschwung.

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15:00 09.12.2009

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