Wer Räder liebt ...

Porträt Dustin Nordhus musste noch keines seiner Fahrräder schieben. Der Kanadier fuhr Rennen, arbeitete als Kurier und hat nun seinen eigenen Laden

Wer den Fahrradladen von Dustin Nordhus in Prenzlauer Berg betritt, macht eine Zeitreise. Nichts zu sehen von wuchtigen Mountainbikes oder Shimano-Gangschaltungen, hier gibt es nur italienische Rennräder aus den siebziger und achtziger Jahren. Bremsen, Schaltung, Reifen, alles Originalteile – und die Räder sehen fast aus, als wären sie neu. Nordhus trägt kurze Hosen, ein Radlertrikot und ein weißes Cap. Er gibt einem Reifenhändler am Telefon noch eine Bestellung durch, hilft einem Kunden schnell beim Schlauchwechseln. Dann hat er Zeit für ein Gespräch über seine große Leidenschaft: das Radfahren.

Der Freitag: Herr Nordhus, Sie kommen eigentlich aus Kanada. Nicht gerade ein Fahrradland.

Dustin Nordhus: Stimmt, bei uns in Vancouver ist das Fahrrad nur ein Sportgerät für einige wenige. Es ist nichts, was man für alltägliche Dinge wie das Einkaufen benutzt. Ich hatte hier in Berlin mal Besuch von einem kanadischen Pärchen. Als wir eine Fahrradtour machen wollten, sagte die Frau, ihr Rad sei nicht in Ordnung, die Bremse greife nicht. Sie hatte dauernd etwas einzuwenden. Irgendwann gab sie dann zu, dass sie eigentlich nicht Radfahren konnte. Das war ihr sehr unangenehm, ist aber nicht selten in Kanada.

Wie wird man dann als Kanadier zu einem Fahrrad-Aficionado?

Ich habe mein erstes Rad mit vier Jahren zu Weihnachten bekommen, eines mit Bananensattel, damit ging’s los. Mein erstes Erwachsenenrad hatte ich dann mit zwölf. Das war Anfang der 80er, ich wollte unbedingt damit auffallen. Also habe ich es neongelb und neon-orange lackiert. Fand ich sehr schick.

In den 80er Jahren wollten doch alle Jungs BMX-Räder fahren. Meine Eltern bestanden nur dummerweise darauf, dass mein BMX-Rad auch Licht hat.

Die Deutschen und ihre Straßenverkehrsordnung, unglaublich. Ein BMX-Rad mit Licht und Dynamo geht ja gar nicht.

Das hat es mir auch total versaut.

Ich hatte ein BMX von der Marke GT. Das war voll verchromt, sehr schön. Da habe ich super viel Geld reingesteckt. Seit der fünften Klasse habe ich immer gejobbt, um mir meine Räder leisten zu können. Wichtig war, dass jedes Rad etwas Besonderes hatte.

Und warum geht man dann als Fahrradfan nach Berlin? Die Stadt ist ja nicht gerade als Rad-Mekka bekannt.

Nach meiner Ausbildung als Bauzeichner fand ich Vancouver ziemlich langweilig – tolle Landschaft, aber nicht viel los. Deswegen habe ich mir ein Flugticket nach London gekauft und bin mit einem Mountainbike durch England, Dänemark und Deutschland gefahren. In Berlin habe ich dann ein paar Monate gewohnt und begonnen, als Fahrradkurier zu arbeiten. Das war im Winter 95/96.

Ausgerechnet im Winter?

Dann gibt es weniger Konkurrenz. Im Sommer will jeder als Kurier arbeiten, da ist es ein Traumjob. Aber damals war das der kälteste Winter meines Lebens. Minus 20 Grad über zwei Monate lang, das ist echt hart auf dem Rad. Und alle haben sich über mich lustig gemacht – ein Kanadier, der friert. Dabei gibt es in Vancouver nur ganz selten weniger als null Grad.

Fahrradkuriere pflegen gern ein besonders hartes Image. Es gibt Statistiken, dass ihre Lebens­erwartung nicht besonders hoch ist, weil sie irgendwann von einem Auto überrollt werden.

Das kommt darauf an, wie man fährt. Man kann schon verrückt fahren, ohne Rücksicht auf Verluste. Habe ich anfangs auch gemacht. Wenn man kurz vor einem Auto über die Kreuzung zieht, gibt das einen Adrenalin-Kick, den man sonst nur erlebt, wenn man mit 70 Stundenkilometer den Berg runter rast. Bloß wenn man so fährt, hat man jeden Tag Stress, mit Autofahrern, mit Taxis, mit Fußgängern, mit der Polizei. Wenn man ruhiger fährt und sich mehr dem Verkehrsfluss anpasst, hat man diesen Ärger nicht.

Wie viele Kilometer fährt man am Tag?

Zwischen 100 und 130 Kilometer, wenn man zu den Top-Fahrern zählt. Das sind 25.000 bis 30.000 Kilometer im Jahr. Am Anfang hatte ich noch einen Tacho am Rad. Den habe ich aber irgendwann abgenommen, weil er einen müde macht. Wenn darauf 130 Kilometer stehen, denkst du: Für heute reicht’s. Ich bin kaputt, ich muss nach Hause. Wenn du aber nicht weißt, wie viele Kilo­meter du schon gefahren bist, nimmst du noch einen Auftrag an und verdienst mehr Geld.

Wie ist der Konkurrenzkampf unter den Fahrern?

In Berlin gibt es zwei Firmen, die die Aufträge über Funk rausgeben – wer sich zuerst zurückmeldet, bekommt den Job. Bei anderen Firmen werden die Aufträge dagegen gleichmäßig verteilt. Ich finde es aber besser, wenn es danach geht, wer sich zuerst meldet. Wenn du schnell bist, kannst du einiges mehr verdienen als die anderen. Nur werden die anderen Fahrer dann neidisch.

Lassen sie einem die Luft aus den Reifen?

Das nicht, aber sie schwärzen einen beim Chef an und erzählen, man hätte dieses und jenes falsch gemacht. Ich hatte lange Diskussionen deswegen.

Wieviel verdient man denn?

Früher hat man wirklich gut verdient. Zu D-Mark-Zeiten habe ich im Monat zwischen 2.000 und 4.000 Mark auf die Hand bekommen. Das war in Berlin viel Geld. Seitdem ist alles teurer geworden, bloß die Bezahlung für Fahrrad­kuriere ist seit 15 Jahren gleich geblieben. Es gibt heute zu viele Kurierfirmen, die große Kon­kurrenz macht die Preise kaputt.

Als Kurier bekommt man aber einen guten Blick für die Stadt.

Ja, man kommt überall hin. Man sieht, in welchen Büros die Leute arbeiten, was sie dort für Kleidung tragen, über welche Witze sie lachen. Und man sieht die sozialen Veränderungen. Als ich 1995 nach Deutschland kam, war es hier so ähnlich wie in Kanada. Es gab eine sehr große Mittelklasse, wenige reiche und wenige arme Leute. Heute sehe ich in Berlin viel mehr arme Leute. Das ist jetzt eher wie in den USA.

Fahrradkuriere gehören selbst eher zum Großstadt-Prekariat.

Es gibt schon Schattenseiten. Man hat keine Rentenversicherung, wenn man sich nicht privat kümmert. Und da geht dann natürlich viel Geld weg. Außerdem verdienst du nichts, wenn du krank bist oder dein Rad geklaut wird. Ich habe vor sechs Jahren mit dem Job aufgehört, weil ich älter geworden bin. Es gibt zwar auch einige ältere Fahrer – ein Freund von mir arbeitet seit 24 Jahren als Fahrradkurier –, aber ewig kann man das nicht machen.

Die Kuriere tragen auch ihre eigenen Rennen aus, Alleycat, also Straßenkatzen-Rennen, nennen sie die.

Ja, wer da gewinnt, bekommt ziemlich viel Respekt in der Szene. Ich habe das Halloween-Rennen in Berlin dreimal gewonnen – und in New York war ich einmal Dritter. Der Trick dabei ist, nicht zu schnell zu fahren.

Wieso das?

Wenn man zu schnell fährt, geht das ganze Blut in die Beine und man kann nicht mehr denken. Das ist aber wichtig, weil man eine Checkliste mit Fragen abarbeiten muss. Etwa, wie viele Tische stehen vor dem Café an der Kreuzung Kopenhagener/Sonnenburger Straße. Wer da einen Fehler macht, wird disqualifiziert. Ist mir auch ein paar Mal passiert, dann ärgert man sich im Ziel schwarz.

Sie sind auch mit dem Fahrrad von Berlin nach Kairo gefahren.

Das ist natürlich ein ganz anderes Radfahren, ruhig und meditativ. Aber ich kann das nur jedem empfehlen. Wenn man gerade irgendwelche Probleme in seinem Leben hat, sollte man einfach mal auf eine Radreise gehen. Man kommt als anderer Mensch zurück.

Klingt etwas esoterisch.

Ist aber so. Du machst neue Erfahrungen und nimmst die Landschaft, wenn du sie auf dem Rad durchquerst, ganz anders wahr als sonst. Die zurückgelegte Strecke bekommt eine ganz andere Bedeutung. Ich erinnere mich an den Grenzübertritt zwischen der Türkei und Syrien. Da fährt man erstmal zehn, zwölf Kilometer durch Niemandsland mit Geisterstädten, dann kommt man über die Grenze und ist plötzlich in einer völlig anderen Landschaft. Das war ein irres Gefühl.

Wie entstand dann die Idee, einen Laden für alte Rennräder zu eröffnen?

Ich war ein paar Mal in Italien im Urlaub – weil ich die alten Räder dort toll fand, hab ich zwei mitgenommen, in Berlin wieder schick gemacht und mit etwas Gewinn verkauft. Dann dachte ich: Warum mache ich das eigentlich nicht öfter? Irgendwann stand meine ganze Wohnung voller Räder, also war klar, dass ich mir einen Laden suchen musste.

War schon abzusehen, dass alte Rennräder ein Trend werden würden?

Überhaupt nicht. Ich habe das aus Liebe zu den Rädern gemacht. Heute macht in Berlin jeder abgebrochene Literaturstudent so einen Laden auf.

Warum ist das so hip geworden?

Schwer zu sagen. Die Fahrrad­kuriere haben sicher einen Teil dazu beigetragen, dass es cool wurde. Zum Beispiel das mit den Bahnrädern ...

... den Fixies, die keine Bremse haben.

Ja, auf einmal begannen sich Grafikdesigner und Werber für solche Räder zu interessieren, weil sie im Internet nach etwas Aufregendem schauten, um ihren Büroalltag aufzupeppen. In New York sind die Kuriere schon in den 80er Jahren mit Bahnrädern gefahren, damals hat das keinen interessiert. Ich habe sie 1998 bei der Fahrrad­kurier-Weltmeisterschaft das erste Mal gesehen und war dann der Zweite oder Dritte in Berlin, der mit einem fuhr.

Zurzeit gibt es kaum ein Modemagazin, das nicht Rennräder oder Fixies auf seinen Seiten zeigt.

Die Modewelt ist auf den Trend aufgesprungen. Adidas und Nike produzieren jetzt spezielle Schuhe für Fixies. Die Skater-Kleidungs­firmen steigen gerade groß ein. Fahrräder sind – zumindest in den Großstädten – das neue Statussymbol. Mit einem besonderen Rad fällt man auf. Früher war das nur etwas für Insider.

Wie haben sich die Preise entwickelt?

Die haben sich in den letzten fünf Jahren für alte Rennräder verdoppelt. Zum einen gibt es immer weniger Originalteile, zum anderen wollen immer mehr Leute alte Räder haben. Ich bekomme E-Mails von Sammlern aus Australien oder Japan, die bestimmte Ersatzteile suchen.

Was zum Beispiel?

Etwa eine Campagnolo-Super-Record-Schaltung von 1978. Ich schaue dann, ob ich die auf­treiben kann.

Wo kriegt man so etwas her?

Das läuft nur über Kontakte. Man kennt etwa jemanden in Italien, der noch ein paar alte Teile hat. Irgendwann hat der aber auch keine mehr, dann muss man wieder nach jemandem neuen suchen, der noch 70er-Jahre-Ersatzteile haben könnte. Ein endloses Spiel, aber das macht auch Spaß.

Sammeln Sie auch selbst Räder?

Ja, ich habe so um die 30.

Welches ist das wertvollste?

Ich habe ein Fahrrad von einem italienischen Rennfahrer, Maurizio Fondriest. Der ist mit diesem Rad 1988 Weltmeister geworden. Es ist schön, so etwas zu besitzen. Ich glaube ein bisschen an Karma. Und wenn man ein solches Rad hat, bekommt man in der Fahrradwelt sicher ein gutes Karma.

Was ist das Rad denn wert?

Das kann man nicht so genau ­sagen. Im Internet gehen solche Räder manchmal für riesige ­Summen weg, aber in einem ­normalen Laden kann man das gar nicht verkaufen. Ich habe ­einmal einen Fehler gemacht: Da hatte ich ein Rad, auf dessen Rahmen ­Miguel Indurain stand. Der hat die Tour de France fünfmal gewonnen.

Also ein ganz besonderes Stück.

Ich hatte aber irgendwie kein gutes Gefühl dabei und habe das Rad günstig an einen Freund verkauft. Später habe ich rausgekriegt, dass die Rahmennummer und die Signatur des Rahmenbauers korrekt waren. Das Rad war tatsächlich von Indurain. Da war es bloß schon zu spät. Aber ich kann das Rad bei meinem Freund ja immer anschauen, wenn ich will.

Fahrräder gehören einem doch nie wirklich so ganz. Wie viele wurden Ihnen schon geklaut?

Bisher nur eins.

Ganz schön viel Glück.

Das ist das gute Fahrrad-Karma.

Das Gespräch führte Jan Pfaff

Die Geschichte des Fahrrads beginnt in Mannheim. Dort unternahm der Erfinder Karl Freiherr von Drais am 12. Juni 1817 die erste Fahrt mit seiner Laufmaschine, einem Zweirad ohne Pedale. Drais Entwicklung erfreut sich heute als Kinderlaufrad wieder großer Beliebtheit. Wer das erste Mal Pedale daran schraubte, ist aber umstritten: Die Franzosen Pierre Michaux und Pierre Lallement experimentierten beide Anfang der 1860er Jahre mit Pedalantrieben. 1903 wurde dann das erste Mal die Tour de France ausgetragen, das wichtigste Radrennen der Welt.

Neben Frankreich ist Italien das zweite europäische Land mit großer Radsporttradition. Besonders rund um Mailand siedelten sich zahlreiche Radmanufakturen und Rahmenbauer an. Der 1901 geborene Italiener Tullio Campagnolo war selbst Rennfahrer. Als er bei einem Rennen in den Dolomiten im November 1927 wegen klammer Finger sein Hinterrad nicht schnell genug ausbauen konnte, erfand er den Schnellspanner. 1930 entwickelte er dann die erste Kettenschaltung. Seine 1933 gegründete Firma Campagnolo hat unter Radsportfans bis heute einen legendären Ruf und zählt zu den wichtigsten Herstellern von Fahrradkomponenten.

Während im Profi-Bereich weiterhin an technischen Innovationen gearbeitet wird, ist das Fahrrad für den Alltagsgebrauch hingegen verstärkt Modetrends unterworfen. So dominierten in den 70er Jahren bei Jugendlichen Bonanza-Räder mit Bananensattel und viel Chrom. Anfang der 80er wurden diese durch BMX-Räder verdrängt. In Steven Spielbergs E.T. konnte das BMX-Rad sogar fliegen und schaffte es auf das Filmplakat. Bereits Ende der 70er hatten kalifornische Hippies an größeren Rädern fürs Gelände gebastelt. Die Mountainbikes traten Ende der 80er ihren Siegeszug an, vor allem auch in den Großstädten. Dort sieht man im Zuge der Vintage-Mode seit zwei, drei Jahren zudem wieder viele Retro-Rennräder auf den Straßen. Ihre Herkunft: meist Italien. jap

15:30 12.08.2010

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