Total öffentlich

Netzgeschichten Familienministerin von der Leyen musste es ebenso einsehen wie die Polizei in Nordrhein-Westfalen: Durch das Internet bleibt nichts mehr im kleinen Kreis

Der Psychologe Paul Watzlawick sagte einmal den schönen Satz: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Wie Familienministerin Ursula von der Leyen und die Polizei in Nordrhein-Westfalen feststellen mussten, hat das Internet Watzlawicks Axiom nun eine neue Variante hinzugefügt. Sie lautet: „Man kann nicht nicht öffentlich sein.“

Von der Leyen sprach jüngst auf einer Wahlkampfveranstaltung der CDU in Sulzbach an der Saar. Über ihren Kampf gegen Kinderpornografie im Internet, der sie mit umstrittenen technischen Mitteln begegnen möchte. Mit schneidendem Ton vermittelte sie in Sulzbach die Botschaft, „die Linken“ wollten den Kampf gegen Kinderpornos vereiteln, weil ihnen die Freiheit im Netz wichtiger sei. Die zumeist älteren Damen und Herren, die an orangefarben eingedeckten Tischen saßen, ihr Wasser tranken und lauschten, müssen die Ministerin glauben gemacht haben, sie rede hier vor einem ausgesuchten Publikum. Tat sie aber nicht, denn jemand filmte von der Leyens Auftritt und stellte ihn online. Dort wurde er umgehend von Bloggern aufgegriffen und kommentiert. Fazit: Von der Leyen habe nichts verstanden. Der Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht bescheinigt der Ministerin auf carta.de gar eine „atemberaubende Doppelbödigkeit“ bei ihren Auftritten. Eine Strategie, die nicht länger aufgeht, wenn sich Öffentlichkeiten vermischen. Selbst Stammtischparolen bleiben durch das Internet nicht mehr im kleinen Kreis.

Was totale Transparenz bedeutet, erfuhr auch die Polizei in Nordrhein-Westfalen. Kürzlich erschoss ein Rentner in Schwalmtal drei Männer und verletzte einen weiteren schwer. Die Polizei bot Hubschrauber und ein Sondereinsatzkommando auf. Was sie nicht wusste: Ein Zivilist hatte den Polizeifunk abgehört und die taktischen Anweisungen live mitgetwittert. Das ist verboten, weil es Kriminellen zum Beispiel Hinweise für ihre Flucht geben könnte. Anderseits ist der Funk nicht geschützt. Auf einen abhörsicheren Digitalfunk warten die Beamten seit Jahren. Vielleicht nicht mehr lange, wenn ihre Dienstherren in der Politik nun verstehen, dass übers Netz jede ungeschützte Information eine auch den Tätern zugängliche Öffentlichkeit finden kann.

Die Studenten der kanadischen Simon Fraser University in Burnaby werden es noch schneller lernen müssen. Wer sich für Hausarbeiten im Netz bedient, ohne seine Quelle zu zitieren, erhält künftig eine neu eingeführte Note fürs Plagiieren: FD – Failed for Dishonesty, durchgefallen wegen Unehrlichkeit.

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