#Akzelorationistische Manifest

Philosophie Das akzelorationistische Manifest versucht die Kapitalismus Kritik zu modernisieren und spannt einen Bogen von Marx zu Matrix und Techno
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Um den Marxismus und der Kapitalismuskritik ist es in den letzten Jahren still geworden. Nun hat sich eine neuen Theorie entwickelt und wurde auf vielen Kulturseiten besprochen. Diese mit einem Hashtag daher kommende Wortungetüm hat eine Debatte unter Philosophen und Kulturleuten ausgelöst. In dieser sehr poppig geschriebenen Theorie wird Gesellschaftskritik von Karl Marx mit Zitaten aus dem Film Terminator und von bekannten Techno-DJs gewürzt. Accellaration kommt aus dem Englischen und bedeutet Beschleunigung. Bekannt wurde die Theorie im Dezember 2013 mit dem akzelorationistischen Manifest des Literaturwissenschaftlers Armen Avenissan. Unsere ganze Gesellschaft ist von einer Beschleunigung erfaßt. Die Geschwindigkeit der Warenströme und des Handels haben mit dem Internet enorm zugenommen. Dinge, die vorher Tage zur Erledigung brauchten, können heute mit ein paar Mausklicks erledigt werden. Das Manifest bearbeitet aber wenig die sozialen Folgen dieser Entwicklung und bleibt bei der Beschreibung der Beschleunigung stehen. Daher fragt man sich beim Lesen: Was ist denn so schlimm an der Beschleunigung des Kapitalismus. Die Folgen dieser Beschleunigung sind in allen Bereichen zu spüren. Das Smart-Phone dominiert immer mehr Lebensbereiche. Wir werden immer mehr von Maschinen beherrscht. Die dunklen Science-Fiction Filme von Matrix und Terminator werden real. Doch die Gleichung Beschleunigung- Moderne-Kapitalismus der allen Menschen Freiheit und Wohlstand sichert funktioniert nicht mehr. Viele Arbeitsplätze werden abgebaut und Menschen in schlecht bezahlte Jobs gedrängt. Freizeit und Arbeit verschwimmen mit der multimediale Arbeitnehmer immer erreichbar ist. Menschen reden weniger miteinander sondern chatten und schicken sich SMS. Avenissan sieht durchaus das Brisante an der Entwickung, daß die neuen Medien die Beschleunigungkräfte des Kapitalismus enorm gesteigert haben. Hier greift er auf Karl Marx zurück. Marx sah den Arbeiter als verlängerten Arm der Maschinen, so sieht Avennisson den modernen Smartphonebesitzer. Ähnlich wie Marx sieht er in der Steigerung der wie Marx es nennt Produktivkräfte die Grundlage für den nahenden Zusammenbruch des Kapitalismus. So bekommt die Beschleunigung eine anti-kapitalistische zerstörerische Kraft die das Ende des Kapitalismus enorm beschleunigt.Die vorhandenen Strukturen reichen nicht um die Probleme zu lösen. Hier kann ich im ihm folgen. Die sozialen Marktwirtschaften steuern in eine immer größere Krise. Gewerkschaften kommen hier als Akteur nicht vor. Da die alten Strukturen nichts mehr bewegen können, möchte Avenisson ein neues Internet gründen, aus dem die Kraft zur Rebellion kommen soll. Die Zeiten indem mit Demonstrationen und Flugblättern etwas bewegt werden kann, sind vorbei.
Auch der Wirtschaftsphilosophin Jette Giddner reicht ein neues, subversives Internet nicht.
"Die Akzelerationisten haben in einem Punkt schon recht. Nämlich. Es gibt kein Zurück. Weder durch Entschleunigung. Noch durch irgendeine Rückkehr zu humanistischen Idealen. Kapitalismuskritik muss schon aus der entfremdeten Situation heraus kommen, in der wir leben. Die Frage ist nur: Wie macht man das? "(26.4 .15 Essay und Diskurs Deutschlandfunk ) Rebellion und Subversion wird im Kapitalismus zu einem Vermarktungsobjekt, wie man am Schicksal der Punk-Kultur verfolgen kann. Ich kann hier Frau Giddens beipflichten und nur den Film Great Rock´n Roll Swindle der Punkband Sex Pistols empfehlen, den den damaligen Rebellen ihren Spiegel vorgehalten hat.
Auch Georg Diez, der Spiegelautor, sieht das Manifest als wenig innovativ an. Vieles wie die Technikgläubigkeit und der Vorstellung des Sieges des Kapitalismus sei in den 90er Jahren nach dem Zusammenbruch des Sozialismus entstanden. Daher sei das beschleunigte Denken nicht neu. Diez sieht auch einen Zusammenhang mit der Genforschung, die beweißt, daß der Mensch in DNA Strukturen zerlegt und neu zusammengesetzt werden kann. Diese Technologie verändert unser Leber genauso wie das Internet. Damit sich der Akzelorationismus zu einer Theorie mausern kann, muß er mehr gesellschaftliche Entwicklungen erklären. Hier würde ich Diez zustimmen.
Das Manifest hat wichtige Fragen aufgeworfen. Doch ich glaube man kann nicht einfach den Abschied von alten Strukturen einleiten und auf die rebellische Kraft eines neuen Internets setzen. Die Fragen müssen in den alten Strukturen wie Gewerkschaften und Parlamenten geklärt werden. Daher finde ich Diskussionen über den Einfluß von Technologien auf die Arbeitswelt wie die Initiative Gewerkschaften 4.0 wichtig. Die lezten Streiks zeigen doch, daß der alte Dino Gewerkschaften immer noch ein starkes Gegengewicht im entfesselten Kapitalismus geblieben ist.

11:17 19.07.2015
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Geschrieben von

jan Stephan

Mich interessiert Arbeitsmarkt, Außenpolitik und die Bundeswehr. Doch ich schreibe auch gerne über Film und Fernsehen
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