Alles Müller oder ? Berliner Lokalpolitik

Stadtpolitik Berliner Lokalpolitik zwischen Gucci, Prada und Provinzdebatten
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Alles Müller oder ? Berliner Lokalpolitik
Unter der weltstädtischen Fassade findet sich in Berlin auch noch Provinzgeist. Der Stadt schadet das nicht

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Berliner Lokalpolitik ein Hort der Provinzialität ?
In der Zeitung die Welt hat sich Ulf Poschardt über den Zustand der Berliner Lolkalkpolitik beklagt. Während die Weltfirmen wie Gucci und Parda sich in Berlin versammeln, bleibt die Lokalpolitik in ihrem Provinzialismus stecken. Porchardt beschreibt, wie sich aus der alten West-Berliner Alternativszene und der Ost-Berliner Technoszene der 90er Jahre eine weltstädtische Kulturmischung ergeben hat. Der Berliner Bürgermeister Wowereit machte aus Berlin eine urbane Marke der Weltkultur. Doch sein Geist sei in den Tiefen der Provinz steckengeblieben.

Ortsbegehung

Ich bin vor 15 Jahren aus Berlin nach Hamburg gezogen und glaubte bis heute den Aufstieg zur Weltstadt im beschaulichen Hansestädtchen verpaßt zu haben. Deshalb machte ich mich auf in die Hauptstadt und wollte den Grund für die Provinzialität der Berliner Politik suchen. Damals glaubte man, Berlin würde eine Metropole wie London oder New York werden. Doch niemand dachte, dass Metropolen auch hohe Mieten hervorrufen. Berliner waren sehr verwöhnt. Ateliers und Übungsräume waren billig. Das war das Erbe von West-Berlin. Der Aternativ-Berliner lebte in seinem Kiez, so nennt der Berliner sein Wohnviertel, wie in einem Dorf. Dabei gibt es unterschiedlichste Kieze in Berlin, viele sind nicht sehr weltstädtisch.

Lichtenrade Kiez für Wohlfühl-Berliner?

Der Kiez, in dem Wowereit und der neue Bürgermeister Müller aufgewachsen und politisch großgeworden sind, nennt sich Lichtenrade. Ich mache mich auf, in diesem Stadtteil. Mit der S-Bahn habe ich diesen Kiez schnell erreicht. Dieser Kiez besteht aus Einfamilienhäusern, 3- stöckigen Mietshäusern und einem Aldi, Lidl und Edeka-Markt. Auf den Parkplätzen der Supermärkte befinden sich Döner- und Hähnchenbuden. Dort findet der Kiezbewohner seine Schnellgerichte, wenn er sich auf dem Nachhauseweg macht. Es gibt aber auch Italiener und Sushi-Läden. Am Wochenende ist der Flohmarkt auf dem Parkplatz des Metromarktes das Zentrum des Kiezlebens. Hier hat sicher auch Wowereit einige Schnäppchen erstanden. Das weltstädtische Flair von der Mitte Berlins ist weit entfernt, dafür gibt es Ruhe und Vogelgezwitscher. Daher vermuten viele Presseleute, dass Müller und Wowereit im innersten Lichtenrader Provinzpolitiker geblieben sind. Doch halt: hat nicht der Weltbürger Helmut Schmidt in einem ähnlichen Stadtteil in Hamburg gelebt. In seinem spießigen Reihenhaus in Langenhorn gaben sich die Staatsgäste von Breschenew bis Kissinger die Klinke in die Hand. Außerdem frage ich mich, ob denn das Model-Casting für Gucci und Versace Ausdruck von Weltstadt-Kulturleben ist. Ich glaube Herr Müller verpasst nichts, wenn er nicht mit den Gucci Desingnern im Berhhain plaudert, sondern den Abend mit einem Buch in einem Lichtenrader Reihenhaus verbringt. Auch wenn Herr Müller dort nicht so hochrangige Gäste beherbergt, wie einst Helmut Schmidt.

Der Kreuzberg-Kiez ein gallisches Dorf?

Wie sieht es mit der Provinzialität bei den Grünen aus? Sie sind zwar im urbanen Kreuzberg aufgewachsen, doch auch da scheint der Geist der Provinzpolitik nicht verschwunden zu sein. Man fühlte sich wie ein kleines wehrhaftes Asterix-Dorf. Es wurde nicht von Römern belagert, sondern von bösen Konzernen. Was für Asterix und Obelix die Römer waren, waren für den alternativen Kreuzberger Konzerne, wie Gucci oder Apple. Davon ist auch das Abgeordenetenhaus geprägt. Viele Menschen sind im Berlin der 80er und 90er Jahre sozialisiert worden. Das hält sie natürlich nich davon ab, sich ein i-Phone an ihr Ohr zu halten. Die Angst vor Investoren, die Häuser kaufen, teuer sanieren und die Mieten steigern prägt die Politik? Lähmt sie aber auch die Stadt?

London Calling?

Droht Berlin von London abgehängt zu werden? In London hat ein Weltbürger das Bürgermeisteramt gewonnen. Bürgermeister Johnson kommt mit einem hippen Rad angefahren und macht den optischen Eindruck einen Start-up Unternehmers. Bräuchte Berlin nicht so einen cosmopolitischen Bürgermeister? Doch Bürgermeister Johnson ist kein Gegner der Gentrifizierung, sondern knallharter Konservativer. Ein Bürgermeister wie Boris Johnson in London, der Mieten von 20 Euro pro Quadratmeter für normal hält, würde in Berlin als Gentrifizierer aus der Stadt gejagt werden. So stellt sich die Frage, was man den Berlinern wünschen soll. Vielleicht ist ein Provinzbürgermeister Müller, der sich als Schutzmann der kleinen Leute sieht, gut für den sozialen Frieden der Stadt. Ein bischen Provinzgeist, wie in einem gallischen Dorf, tut Berlin scheinbar ganz gut.

20:02 07.03.2016
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Geschrieben von

jan Stephan

Mich interessiert Arbeitsmarkt, Außenpolitik und die Bundeswehr. Doch ich schreibe auch gerne über Film und Fernsehen
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