Der Trümmermann

Im Gespräch Der Schriftsteller Eugen Ruge über die Erfahrungen des Vaters in den Lagern Stalins, seinen Erfolg und die Frage, warum er Uwe Tellkamps „Turm“ als Gegner empfindet

Der Freitag: Auf Ihrem Pullover ist ein ziemlich großes Nike-Zeichen.

Eugen Ruge: Ehrlich gesagt, habe ich den an, weil ich verschlafen habe. Ich arbeite vormittags, laufe dann und mache hinterher 15 Minuten Mittagsschlaf. Aber ist das wirklich ein Nike-Pullover? Für mich ist das eher eine Trainings­jacke. Aber da geht es schon los: Trainingsjacke ist ja so ein DDR-Wort, das habe ich lange vermieden. Außerdem trage ich den eigentlich nur zu Hause. Es ist das erste Mal, dass ich das Ding in der Öffentlichkeit anbehalten habe.

Ich benutze diese DDR-Worte ja wieder bewusst. Mein Sohn ist vier und sagt Kaufhalle. Supermarkt ist doch ein dämliches Wort.

Supermarkt ist ein idiotisches Wort! Es gibt überhaupt eine Menge idiotischer Worte. Man macht sich gern über DDR-Ausdrücke wie Zerspanungsfacharbeiter lustig, andererseits sind solche Begriffe wie „Im Angebot“ genauso dämlich. Am Anfang habe ich das nie verstanden. Im Angebot? Ich dachte: Alle Waren werden doch angeboten, was sonst?

In Ihrem Roman

Nomenklatura ist übertrieben. Die beiden Alten sind zwar Stalinisten bis zum Schluss, und Wilhelm, wie der Großvater im Buch heißt, bekommt 1989 noch den Vaterländischen Verdienstorden. Aber er war nicht mehr als ein Wohnbezirksparteisekretär. Die Familie, die ich beschreibe, gehörte zur Elite, das schon. Aber als Nomenklatura bezeichnete man die herrschende, machtausübende Elite.

Es gab einen Kritiker, der schrieb: Wer interessiert sich denn noch für die DDR und ihre langweiligen Bewohner? Wozu schon wieder über diese graue Diktatur schreiben? Aber abgesehen davon, dass die halbe Weltliteratur in Diktaturen spielt, interessieren sich nachweislich ziemlich viele Leser für mein Buch, wobei es in beiden Teilen des Landes in verschiedener Weise rezipiert wird. Die Ostdeutschen haben das Gefühl, dass jemand ihre Biografie ernst nimmt, nachdem ihre Lebensläufe nach der Wende entwertet wurden, auch von den Ostdeutschen selbst. Nach einer gewissen Zeit kann man sich nun wieder dazu bekennen. Ich persönlich habe auch lange versucht, die DDR hinter mir zu lassen.

Aber Ihr Roman ist doch eine Art Gegenbuch zum

Ich habe nicht gegen den

Welche denn?

Tellkamp hat, würde ich sagen, ein ablehnendes Verhältnis zur DDR. Ich beziehe – als Erzähler – politisch nicht Stellung. Ich versuche bei den Dingen, den Vorgängen, den Personen zu bleiben, setze aus verschiedenen Perspektiven ein Mosaik zusammen und enthalte mich als Autor der Deutung.

Ich glaube, dass Sie radikaler sind.

Das kann ich nicht beurteilen.

Eigentlich haben wir es doch mit dem

Sie haben Recht, beide Bücher stehen für verschiedene Haltungen. In gewisser Weise sind sie sogar Gegner. Nach dem Mauerfall hat in der DDR ein Elitenwechsel stattgefunden, die Dinge wurden einer flächendeckenden Neubewertung unterzogen. Ich würde Tellkamps Roman als Teil dieser Neubewertung ansehen. Er beurteilt die DDR so, wie die heutigen Eliten das tun. Dennoch sehe ich meinen Roman nicht als Antithese. Er ist gar keine These. Er beschreibt Menschen aus einem anderen Milieu – und verteidigt sie. Interessant ist aber, dass neben besagtem Kritiker auch die orthodoxe Linke meinen Roman anfeindet.

In Wahrheit haben Sie dem Westen ein Ei ist Nest geschmuggelt.

Eigentlich schon. Andererseits habe ich das Gefühl, dass der Westen das verstanden hat. Von vielen wird mein Buch in dem Sinne zur Kenntnis genommen, dass ihr DDR-Bild doch zu einseitig, zu einfach war. Insofern leistet das Buch eine Art Widerstand. Meine Absicht war nur, ein Stück jener Welt, die ich kannte, zu bewahren. Aber damit sage ich auch: Ich halte diese Welt für bewahrenswert.

Ist die Zäsur, die Ihr Buch bedeutet, begriffen worden?

Mein Buch wurde in einem positiven Sinn naiv gelesen. Die Leser sind in das Leben der Protagonisten eingestiegen und haben sich eingefühlt. Als ich in Amerika aus dem Buch vorlas, haben viele verstanden, dass auch sie diese Figuren sein könnten: Menschen in bestimmten Umständen, die sich so und so verhalten. Politisch bedeutet das, sich von vorschnellen Urteilen über die Biografien anderer Menschen zu verabschieden. Aber interessant ist, dass das, was Sie in dem Buch mit Recht sehen, sehr wenig thematisiert worden ist. Das Buch ist eine Rehabilitation des ostdeutschen Lebens. Obwohl – und das ist mir wichtig – dem Buch keine These vorausging. Ich wollte meine Familiengeschichte erzählen.

Aber Sie beschreiben keine normale DDR-Familie. Ich kenne keine so ausführliche Schilderung der ehemaligen Elite, die gleichzeitig so positiv rezipiert worden ist. Die Kurzformel, auf die Ihr Roman gebracht wurde, lautet: Es ist die Geschichte über den Verfall einer Familie. Aber stimmt das?

Schon, auch wenn der Roman stark fiktiv ist. Meine Großeltern, die in den 1930er Jahren für den Geheimdienst der Komintern in Moskau gearbeitet haben, waren zur Wendezeit längst gestorben. Die im Roman dagegen erleben den Mauerfall noch. Die Frage als Autor für mich war: Wie wäre es gewesen, wenn sie ihn erlebt hätten? Auch mein Vater gehörte eindeutig zu den Wendeverlierern, das hat er selbst so gesehen. Sein Lebensziel, der wahre und gerechte Sozialismus, war gescheitert. Die Akademie der Wissenschaften der DDR wurde abgewickelt, er hatte keine Publikationsmöglichkeiten mehr.

Aber nun sind Sie ein gefeierter Autor. Jetzt veröffentlichen Sie postum den Lagerbericht Ihres Vaters Wolfgang Ruge,

Ja, das ist ein seltsames Gefühl. Ich habe aus den Trümmern und Scherben meiner Familiengeschichte etwas gemacht, was zum Erfolg geworden ist. Mir persönlich ging es ja auch nicht gut. Ich hatte kaum mehr Geld, hinzukam der Verdacht einer schweren Krankheit. Der jetzige Erfolg ist halb makaber, halb sehe ich ihn mit blasphemischer Freude. Ich habe dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen.

Wie ist ein Vater, der im Lager war?

So allgemein kann man das nicht sagen. Walter, der Bruder meines Vaters, war auch im Lager. Er hat über diese Erfahrungen nie gesprochen. Mein Vater, der von Stalin nur deshalb interniert wurde, weil er Deutscher war, hat über seine Lagerzeit stets offen gesprochen, sodass ich noch nicht einmal erinnere, wann ich zum ersten Mal davon erfuhr. Interessant war, dass seine Erzählungen immer pointiert und anekdotisch waren. Mit einem Lächeln vorgebracht. Darin lag natürlich viel Abwehr. Aber das ist mir erst viel später klar geworden. Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass mein Leben gegenüber dem meines Vaters nur schwer Bestand hat. Zumal mein Vater unter diesen Bedingungen nicht nur überlebt, sondern in der Verbannung noch halb illegal zu studieren angefangen hatte, um später in der DDR binnen kurzer Zeit eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Er kam mit 39 aus Russland zurück und war ein paar Jahre später bereits Professor an der Akademie der Wissenschaften. Er war extrem leistungsfähig und hatte mir gegenüber immer hohe Erwartungen. Das lastet natürlich auf einem. Auch hatte ich immer das Gefühl, mein eigenes Leben sei klein, langweilig und bedeutungslos. Eine Biografie wie die meines Vaters stellt alles in den Schatten. Ich bin mir nicht sicher, ob er damit immer vorsichtig umgegangen ist.

Die Memoiren Ihres Vaters lesen sich schockierend. Beinahe täglich verlieren ihm nahestehende Menschen ihr Leben. In den dreißiger Jahren in Moskau durch die Säuberungen Stalins, später dann durch die menschenverachtenden Zustände in den Lagern.

Mein Vater hat schwere Traumata erlitten. Ich habe ihm schon früh geraten, eine Autobiografie zu schreiben. Er winkte stets ab, obwohl er in Wirklichkeit längst daran arbeitete. Er brauchte viele Jahre, um sich an sein früheres Leben heranzuschreiben.

Der emotionslose Ton, in dem Ihr Vater seinen Bericht verfasst hat, erinnert an Jorge Semprun oder Imre Kertesz.

Offensichtlich verbietet es sich, in Extremsituationen Gefühle zu zeigen. Ich glaube, dass Menschen mit Lagererfahrungen nachträglich darunter leiden, dass sie ihren eigenen Moralvorstellungen nicht gerecht werden konnten. Damit zu leben ist sehr schwer. Wenn man überleben wollte, war Kameradschaft oft unmöglich.

Interessanterweise haben Sie Mathematik studiert, heute sind Sie Schriftsteller. Hängt dieser Weg mit Ihrem Vater zusammen?

Im Scherz könnte man sagen, die Jahre, die mein Vater im Lager verloren hat, habe ich an die Mathematik verloren. Übrigens war es mein Vater, der mir, – obwohl selbst Historiker und seit frühester Jugend in der Partei –, geraten hat, einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen und auf keinen Fall in die SED einzutreten.

Das klingt schizophren.

Ja, er wollte mich vor Schwierigkeiten bewahren, aber auch davor, mich politisch zu positionieren. Allerdings gab es noch andere Gründe. Mein Vater war ein ausgesprochener Bildungsbürger, Kommunist und Bildungsbürger. Er wollte, dass ich einen richtigen Beruf erlerne. Ich wollte schon damals Schriftsteller oder Musiker werden. Aber ich habe auf meinen Vater gehört, was ich manchmal bedauere.

Welches Buch ist wichtiger?

Natürlich ist mein Buch in irgendeiner Weise die Fortsetzung der Aufzeichnungen meines Vaters. Einer der Gründe, warum ich meinen Roman so spät geschrieben habe, ist, weil ich warten wollte, was er schreibt. Beide Bücher haben ihre Berechtigung. Ich habe meinen Roman für die Generation meiner Söhne und Töchter geschrieben. Sie sollten erfahren, woher ihre Eltern stammen, was diese DDR war, von der immer erzählt wird. Genauso wie es für mich wichtig war, die Geschichte meines Vaters zu kennen. Das gehört zu meiner Geschichte, zu meiner Identität.

Eugen Ruge erhielt 2011 für seinen Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts den Deutschen Buchpreis. Seither hat sich die Geschichte über eine Familie der DDR-Elite gut 350.000 Mal verkauft und gehört neben Uwe Tellkamps Der Turm zu den erfolgreichsten Nachwende-Romanen über die DDR. Beide Bücher nehmen eine unterschiedliche Haltung zur DDR ein. Nun veröffentlicht Ruge den Lagerbericht seines Vaters Wolfgang Ruge: Gelobtes Land.

12:20 12.01.2012
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