Die Jahrhundertfrau

Nachruf Die Schriftstellerin Christa Wolf ist heute im Alter von 82 Jahren gestorben. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts geht damit noch einmal zu Ende

Die Romane von Christa Wolf sind ja keine Bücher im eigentlichen Sinne gewesen. Sie waren immer viel mehr. Waren Zeitmesser, Schnitte, Zäsuren, Endpunkt und Neubeginn zugleich. An ihnen lassen sich die Etappen der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Etappen der Geschichte der DDR ablesen und festmachen, viel mehr noch als an historischen Daten.

Immer wieder aufs Neue gaben die Titel ihrer Bücher der Zeit, die sie beschrieben, einen Namen: Der geteilte Himmel (1963), Nachdenken über Christa T. (1968), Kindheitsmuster (1976), Kein Ort. Nirgends (1979), Kassandra (1983), Störfall (1987), Sommerstück (1989), Was bleibt (1990). Immer wieder gelang ihr aufs Neue , was vielen Autoren höchstens einmal im Leben passiert. Der Glücksfall des großen Wurfs, Christa Wolf hat ihn in ihrem Werk zur Regel gemacht. Ein Wort wie Ausnahmeautorin ist eigentlich viel zu klein für sie.

Nun ist Christa Wolf im Alter von 82 Jahren gestorben. Mit ihrem Tod geht die Geschichte des 20. Jahrhunderts noch einmal zu Ende. Sie hinterlässt ein Werk, das zu den bedeutendsten der deutschen Literatur des letzten Jahrhunderts zählt. Sie wird die wichtigste deutschsprachige Erzählerin ihrer Generation bleiben. Den Nobelpreis hätte sie, – wäre ihr die deutsche Geschichte und die leidige, überflüssige, aber doch wieder fast exemplarische Auseinandersetzung um ihre Rolle in der DDR und ihre Stasi-Mitarbeit, auf die sie in ihrem letzten Buch Stadt der Engel noch einmal Antworten gesucht hat, wäre ihr dieser neuerliche Ausschlag der deutschen Geschichte nicht in die Quere gekommen, – den Nobelpreis hätte sie mehr als verdient gehabt.

Andererseits aber ist diese Wendung nur ein weiteres Indiz, ein Beweis ihres Schreibens: Christa Wolf hat sich den Dingen ausgesetzt, mit Haut und Haar hat sie, die im Jahr 1929 in polnischen Landsberg an der Warthe geboren wurde und mit ihren Eltern nach dem Ende des Krieges nach Mecklenburg kam, teilgenommen. Hat sie die Zeitläufte in sich einschreiben, durch sich hindurch laufen lassen. Die Geschichte, die Gesellschaft, das war für sie immer sie selbst. Da gab es keine Ausflüchte, kein Entrinnen.

Zweifel und Scheitern

Stellvertretend steht ihr Leben für jene Generation, die den zweiten Weltkrieg als Kind erlebt hat, und die an den Aufbau des Sozialismus als richtige Antwort auf die Grausamkeiten der nationalsozialistischen Diktatur geglaubt hat, und die später, es begann bereits mit den harschen Zurechtweisungen der DDR-Künstler auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Jahr 1965 und gipfelte schließlich im offenen Protest an der Ausbürgerung von Wolf Biermann im Jahr 1976, in eine Identitätskrise geführt wurde, die mehr war als ein individuelles Gefühl. Früh hat Christa Wolf gesehen und gespürt und beschrieben, was da alles schief ging, beim Aufbau des anderen Deutschlands, beim Aufbau einer Utopie. Dennoch hat sie sich dieser Idee nicht entzogen, sie ist in der DDR geblieben und hat sich ihr weiterhin ausgesetzt, auch wenn der Zweifel und das Scheitern dadurch zu zentralen Kategorien ihres Schreibens geworden sind.

Ihr Roman Sommerstück aus dem Jahr 1989 beginnt mit einer Art Klagelied: „Wir wollten zusammen sein. Manche Tiere haben diese Witterung, lange ehe man sie zur Schlachtbank führt. Vergleiche, nicht zu rechtfertigen, auch nicht zurückzunehmen. Wir wussten nichts, es gab keine Anzeichen. Unter nichtigen Vorwänden suchten wir jeder die Nähe des anderen. Ein Alleinsein würde kommen, gegen das wir einen Vorrat an Gemeinsamkeit anlegen wollten. Wer kann sich dauernd auf der Tagesseite der Erde halten?“ Was hier als Beschreibung eines Sommers beginnt, an dem am Ende alle Häuser in Flammen aufgehen, es lässt sich im Nachhinein wie die weise Vorausschau auf das Ende der DDR lesen.

Dennoch gehörte sie nach dem Mauerfall zu den Initiatoren und Unterzeichnern des Aufrufes „Für unser Land“, in dem Intellektuelle und Künstler auf innere Reformen der DDR drangen und sich gegen eine schnelle Wiedervereinigung ausgesprochen haben. Das Ringen um die Utopie, sie hat es auch in die neue Zeit hinüber zu retten versucht.

Für Christa Wolf, die ihr Leben stets eng an der Seite ihres Mannes Gerhard Wolf verbracht hat, gab es keine Rückzugsräume, die nicht in ihrem Rückzug selbst politisch gemeint waren. Zeitgenossenschaft war ihr ein tägliches Anliegen, konsequent und folgenschwer hat sie sich den Dingen ausgesetzt. Das war ein beinahe körperlich spürbares Schreiben, das war ein zutiefst weibliches Schreiben, das hat sich kraftvoll gegen den Tod zu stemmen versucht, vor dem Christa Wolf auf eine beinahe kindliche Art bis zum Ende eine furchtbare Angst hatte. Das war eine ständige Selbstbefragung, ihre zahlreichen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe beispielsweise an Maxie Wander, Franz Fühmann oder Brigitte Reimann zeugen davon, in einer Ehrlichkeit und Konsequenz, für die ihr Millionen von Lesern dankbar waren, in allen Generationen, in Ost und West, überall auf der Welt.

17:10 01.12.2011
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