Die Wütenden

Frankfurter Buchmesse Facebook, Liebe per SMS und tägliche Horrorszenarien – ergibt das noch Sinn? Die jungen wütenden Autoren finden sich mit den bekannten Antworten nicht ab

Sagen wir ruhig gleich, wie es ist: Mit dem Roman Schimmernder Dunst über Coby County von Leif Randt beginnt eine neue Zeitrechnung in der deutschen Literatur. Solche Zäsuren finden weit weniger häufig statt, als in den Zeitungen gern behauptet wird. Geschenkt. Das letzte Mal passierte ein ähnlicher Einschnitt wahrscheinlich mit Faserland von Christian Kracht. Und noch lange Zeit hat die Öffentlichkeit, der behäbige Literaturbetrieb sowieso, gebraucht, um zu verstehen, was da passiert ist.

Bei Leif Randt wird es nun ähnlich sein. Das Buch des 27-Jährigen handelt von einer Stadt am Meer, in der es außer sich selbst verwirklichenden Menschen niemanden mehr gibt. Noch ist das Werk so etwas wie ein Geheimtipp. Zwar wurde es von der Kritik bejubelt, bisher aber wird es nur von jenen gelesen, die – wie Randt selbst – in Berlin Neukölln wohnen und ihre Tage – auch wie er selbst – mit wenig anderem verbringen, als E-Mails zu checken. Was aber gibt es darüberhinaus auch schon zu tun?

Auf die Frage, ob das Buch nicht einen Zustand beschreibt, für den es eigentlich noch kein Wort gibt, sagt Leif Randt: „Ja.“

Es geht um einen Zustand, der sich wie die totale Versöhnung des postmodernen, digitalen Menschen mit sich selbst anfühlen muss. Ohne Leere zu empfinden, ohne zynisch zu sein, ohne auf Ideologien zurückzugreifen. So jedenfalls wie der Held in Faserland damals, der betrank sich auf Sylt mit Champagner. Affirmation diente ihm als Pose der Provokation. In Coby County aber leben Leute, die es nicht stört, dass sie ihre Liebe ausschließlich per SMS leben; sie haben überhaupt aufgehört, nach einem Sinn zu suchen, wo keiner ist. Sie sind glücklich, ohne dennoch. Die Leute in Coby County haben einen Zustand erreicht, den man empfinden muss, wenn man ein furchtloser und unverzagter Enkel Samuel Becketts ist. Aber ist Leif Randt, aufgewachsen in Frankfurt am Main, das?

Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises war sein Roman nicht zu finden. Und irgendwie ist das auch gut so. Für das wirklich Neue fehlen solchen Vehikeln der Ordnung oft die Sensoren. Sie schaffen Übersicht in dem, was man als bekannt voraussetzen darf. Ignoranz ist also ein Indikator, auf den man sich in der Regel verlassen kann.

Antonia Baum, 26, ist ordentlich ignoriert worden, als sie mit einem Auszug aus ihrem Roman Vollkommen leblos, bestenfalls tot beim diesjährigen Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb antrat und gnadenlos durchfiel. Das ist ein Glücksfall für den, dem das passiert. Wenn man in Klagenfurt verstanden wird, dann hat man etwas falsch gemacht. Wenn nicht, reiht man sich in eine schöne Reihe von Autoren ein, von denen man hinterher im Zweifelsfall mehr hört, als von den Gewinnern. Rainald Goetz, Helmut Krausser und zuletzt Clemens Meyer wurden schließlich auch ignoriert.

Leif Randt bekam dieses Jahr dort immerhin den vierten Preis, was aber auch lächerlich ist. Wahrscheinlich überfiel die Jury ein schlechtes Gewissen.

Eine Generation beginnt zu sprechen

Eine neue Generation beginnt zu sprechen. Bisher sind es erst einmal jene in der ersten Hälfte der 80er Jahre Geborenen, die nun zur Frankfurter Buchmesse in auffälliger Gruppenstärke mit Büchern – Sachbücher wie Romane gleichermaßen – an die Öffentlichkeit treten. Auch wenn bei dem Wort Generation viele das Gesicht verziehen, auch wenn hier kein neuer Trend ausgerufen werden soll: Antonia Baum, Andrea Hanna Hünniger, Nina Pauer und Leif Randt versuchen, ihr Leben zu beschreiben. Das ist in jedem Fall interessant, auch wenn viele es als belanglos abtun. Aber nun werden die Jüngsten sichtbar. Und man kann fragen: Was haben sie zu berichten? Wovon erzählen sie? Man kann erfahren: Wie sind die?

Zurück zu den E-Mails. Genauer: zu dem Verhältnis von Ich und Welt, von Innen- und Außendruck. Das scheint aus dem Gleichgewicht zu sein. Darum geht es in den Büchern. Schon die Titel sagen eine Menge aus, sie kennen nur die Extreme: Nina Pauers Essay heißt Wir haben keine Angst; das Buch von Andrea Hanna Hünniger Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer und der Roman von Antonia Baum eben Vollkommen leblos, bestenfalls tot. Er handelt die ganze Zeit von Überforderung, erzählt sie. Leif Randt hingegen meint, dass zu Beginn seines Buches die Idee stand, einen „maximal entspannten Text zu schreiben“, während er sich selbst als immer eher aggressiv beschreibt.

Angst und Paradies, Überforderung und Entspannung, diese Worte schwanken sehr zwischen Depression und Hoffnung, zwischen Haltlosigkeit und Romantik. Beschreiben diese Autoren womöglich alle denselben Zustand und nennen ihn nur anders?

Kaum Erinnerungen an das analoge Leben

In den vergangenen, ungefähr 15 Jahren ist doch folgendes passiert: Durch die Globalisierung, viel mehr aber durch Medialisierung und Digitalisierung hat sich die industrialisierte Welt ihrem Wesen nach komplett verändert. Äußerlich jedoch ist sie ziemlich gleich geblieben. Nun passen beide Teile, das Innere und die äußere Hülle, nicht mehr richtig zueinander.

So leben die Menschen in einem Zustand, den man als eine Entkoppelung von Körper und Seele bezeichnen könnte. Es gelingt nicht mehr, uns zu all den Katastrophen ins Verhältnis zu setzen, auf die wir täglich im Internet reagieren sollen. Draußen – oder vielmehr auf dem Computerbildschirm – geht mindestens zweimal am Tag die Welt unter, und wir laufen an die nächste Ecke, um uns dort einen Kaffee zu holen. Sind die dauernden Schreckensszenarien wirklich wahr? Oder machen sie uns nur Angst, erhöhen den Innendruck im Kopf? Die in Borken, Münsterland, geborene Antonia Baum sagt: „Eigentlich war in meinem Leben alles normal, und doch fand ich es immer bedrohlich.“

Und während die Älteren noch Erinnerungen an ihr altes, analoges Leben haben, – an eine Existenz, in dem sich mediale Ereignisse auf gesündere Weise zu denen verhielten, die sie erlebten –, posten die Jüngsten jeden ihrer Schritte zum Coffee-Shop bei Facebook. Wie gesagt: Was gibt es darüber hinaus auch schon zu tun?

„Wir sind in die digitalen Welt hinein gerannt und haben uns dort verlaufen. Niemand hat uns gewarnt“, beschreibt die 28 Jahre alte Hamburgerin Nina Pauer das. „Ich-Geräte“ nennt sie die Computer und Smartphones, die helfen, die Seele, die in der Wirklichkeit keine Entsprechung mehr findet, endlos zu verdoppeln und damit auf allen Kanälen ein knallhartes Ich-Regime zu errichten: per SMS, auf Facebook, per Mail, per Twitter. Viele verbinden damit die Hoffnung, sich so einen Sinn zu geben. „Nur im Netz spüre ich, dass es meine Stimme wirklich gibt“, sagt Andrea Hanna Hünniger, die 1984 in Weimar geboren wurde.

Der Freitag: In den vergangenen 15 Jahren ist an der Oberfläche nicht viel passiert. Was sind Ihre entscheidenden Erfahrungen und Erlebnisse? Welche Linien ziehen sich durch Ihr Leben?

 

Leif Randt:

Als sich meine Elten trennten, dachte ich: Damit hätte ich rechnen müssen, meine Familie ist auch ein Klischee. Ich glaube, die besten Momente meines Lebens hatte ich beim Skateboardfahren.

 

Nina Pauer:

Die Ablösung der einzelnen Entwürfe von mir selbst markieren mein Leben. Größere Zäsuren von außen gab es nicht.

Antonia Baum:

Wir sind öfter umgezogen. Ich habe nie zu einem Ort eine Beziehung gefunden, ich bin ohne Wurzeln.

Andrea Hanna Hünniger:

Ostdeutschland in den neunziger Jahren war so, wie ich mir Westdeutschland in den fünfzigern vorstelle: die meisten haben ihren Hass auf das Neue an den Kindern ausgelassen.

Sind Sie wütend?

Hünniger:

Ohne Wut hätte ich mein Buch nie schreiben können. Ich fühle mich dauernd für blöd verkauft, in den Talkshows, in den Nachrichten. Niemand redet von einem gesellschaftlichen Prozess, alle reden nur noch von technischer Entwicklung.

Randt:

Ich bin wütend auf die Antifa-Mädchen, die sich für die besseren Menschen halten und doch nur Argumente der Eltern übernehmen. Es gibt keine frischen Blicke, keine neuen Konzepte, man erfüllt nur dämliche Muster.

Baum:

Aber der Grund der Wut ist nicht ohne weiteres zu benennen, und das allein macht ja schon wütend.

Pauer:

Ich bin wütend, dass wir unsere Ängste hinter ewig lässigen Fassaden verstecken. Dass es uns nicht gelingt, einen Kontakt zu Dingen mit Gewicht herzustellen. Wohngemeinschaften, lange Haare, Liebesaffären – bei unseren Eltern waren das politische Statements. Wie haben die das nur gemacht?

Nina Pauer unterzieht ihre Altersgenossen in ihrem Buch Wir haben keine Angst einer Gruppentherapie. In jedem Kapitel, das jeweils eigentlich eine Sitzung beim Therapeuten ist, geht es um eine andere Angst: vor dem verlorenen Ich, vor dem durchlässigen Netz, vor dem Erwachsenwerden, vor dem politischen Statement, also vor einer Festlegung. Zusammen entsteht so das Bild einer Generation, die die absurde, aber doch überall herumgeisternde Idee des sich völlig selbst verwirklichenden Menschen zu realisieren versucht.

„Es soll zu einer Deckungsgleichheit von Innen und Außen kommen“, beschreibt Pauer diese Bemühungen. Sie klingt dabei aber nicht so, als glaubte sie, dass es funktionieren könnte. Eher ist es wohl der Zeitgeist, der dieses Motto aus all dem Gerede und Gequatsche, das einen ja ständig umgibt, auf eigenartige Weise destilliert hat. Die Sehnsucht ihrer Generation jedenfalls bezeichnet Nina Pauer als eine andere: „Wir warten auf Widerstand. Wir warten auf etwas, das uns von außen formt.“

Antonia Baum treibt das Selbstverwirklichungs-Prinzip in ihrem Roman auf die Spitze. Der Innendruck ihrer Figuren ist unglaublich hoch. Das Buch ist eine Art Entwicklungsroman, würde man im germanistischen Seminar wohl sagen. Mit enormem Furor erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, die in die Großstadt kommt. Und dort – ja, was eigentlich? – einfach alles ziemlich abgefuckt findet.

Innen- und Außendruck sind aus dem Gleichgewicht

So sitzt die Protagonistin einsam in ihrem WG-Zimmer und macht ein Praktikum nach dem anderen. Die Leute in den Agenturen arbeiten rund um die Uhr, nach der Arbeit gehen sie zusammen essen oder nehmen Drogen. Dabei verlieben sich die Kollegen wechselseitig ineinander und spätestens dann, wenn Gefühle im Spiel sind, bricht Krieg aus, werden Scharmützel mit großer Brutalität inszeniert. Schließlich geht es um Liebe, Ehe, Kinder, also etwas, womit man sich gegen die Einsamkeit stemmen kann.

Die Eltern der Ich-Erzählerin haben sich scheiden lassen. Klar, was sonst. Und so heißt es im Buch in einer an den Vater adressierten Stelle: „Warum bist du so ein unerträglicher Brocken geworden, an dem jeder sich wund scheuert und von dir runterfällt?... Aber verstehst du, ich suche überall. In der Stadt, in Berufen, im Supermarkt, in Dir, aber ich finde nichts, gar nichts.“

Bei Leif Randt – oder eher in seiner fiktiven Stadt Coby County – geht zeitgenössische Liebe anders, nämlich: „Heute leben Carla und ich unsere erwachsen gewordene Liebe primär via Shortmessages aus. Wir waren noch nie gut im Telefonieren. Durch die Leitung klingt meine Stimme auch dann müde und genervt, wenn ich gar nicht müde und genervt bin. Carlas Art, schriftlich immer neue, simple Metaphern dafür zu finden, dass sie mich vermisst, gefällt mir.“

Oder an einer anderen Stelle:

„Carla fragt: „Was machen wir nach dem Croissant? Legen wir uns dann hin?“

„Nein, dann gehen wir joggen.“

„Lass uns doch heute mal so einen Tag machen, an dem wir alles so meinen, wie wir es sagen.“

„So einen Tag haben wir aber noch nie gemacht“, sage ich.“

Alle Dialoge in Leif Randts Buch sind kursiv gesetzt. Denn sprechen, also in einem eigenen, authentischen Sinn, dass die Worte einem selbst gehörten, das können die Leute von Coby County natürlich nicht mehr. Jeder Satz hört sich an wie aus einer Fernsehserie, einem Popsong oder einem Werbeclip. Aber weil sie das wissen, stört es sie auch nicht.

Außerhalb von Coby County aber, im richtigen Leben, kann es durchaus sein, dass daraus die Wut resultiert, von der die Autoren erzählen und schreiben. Dass man über jenes Ungleichgewicht aus Innen- und Außendruck, das man empfindet, nicht einmal mehr sprechen kann. Jedenfalls nicht, ohne wieder ein weiteres, bereits vorhandenes Klischee zu bedienen.

Wer nun glaubt, dass sich das literarische Sachbuch von Andrea Hanna Hünniger zwischen die Texte der westdeutschen Altersgenossen wie ein Riegel schieben würde, der irrt. All das Beschriebene kommt bei ihr auch vor, nur mit der kleinen oder großen Verschiebung, dass Hünniger im Nachwende-Osten aufwuchs. Zwar könnte man sagen, dass dort die Orientierungslosigkeit in gewisser Weise vorweg genommen wurde, so schnell war das Land binnen Wochen aus dem großen Zusammenhang herausgekippt, stand es plötzlich nur noch wie ein verlassenes Bühnenbild da. Aber Orientierungslosigkeit bleibt Orientierungslosigkeit.

Die Alten hatten ihre Rolle verloren und waren zu Statisten geworden, sie saßen in den leeren Stellwänden herum und konnten ihren Kindern nicht einmal mehr erklären, wie sie in diese Lage gekommen waren. „Die Vergangenheit ist kein fremdes, exotisches Land. Sie ist eine verscharrte Leiche, die nur als Zombie in Form von Talkshows oder Quizshows zu uns zurückkehrt und die wir nicht verstehen“, schreibt Hünniger. „Es gab nur Unsicherheit und Schuld“, heißt es an einer anderen Stelle. Und: „Ich teile mit vielen jungen Ostdeutschen die Erziehung durch melancholische, ja depressive, eingeknickte, krumme, enttäuschte, beschämte, schweigende Eltern und Lehrer.“

Das ist ziemlich starker Tobak. Aber andererseits: Es ist gut, dass Hünniger das mal sagt. Sie wird eine der ersten sein, der man ein Recht auf Gegenwart einräumt. Sie wird eine von denen sein, denen man nicht mehr vorhalten kann, dass sie mit solchen Sätzen doch nur die DDR zurückwünschen würden. Hoffentlich.

Wie sieht sie nun also aus, unsere Gegenwart? Der Autor Maxim Biller jedenfalls, rund 25 Jahre älter als diese Autoren hier, rief vor ein paar Tagen in einem programmatischen Text mit dem Titel "Ichzeit" in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung noch einmal aus: „Ihr müsst und könnt glauben, was ich schreibe, denn ich bürge mit meinem Körper, mit meiner Seele, mit meinem Leben dafür. Und darum ... verliert keine Zeit mehr mit der nichtssagenden postmodernen Ironie.“

Nun gut, das ist einfach gesagt. Aber es klingt, wenn man Leif Randt, Antonia Baum, Nina Pauer und Andrea Hanna Hünniger liest, ziemlich von gestern. An ein solch emphatisches Ich, eine feste Identität, die sich gegenüber den digitalen und medialen Inszenierungen behaupten könnte, kurzum: an ein Ich, das wirklich weiß, wer es ist – daran können die Jungen nicht mehr glauben.

Vielmehr ist es doch so: Außer ihrem Ich ist den Autoren nicht viel übrig geblieben. Längst hat es die Herrschaft übernommen, führt es ein gnadenlos Regime, ein Ich-Regime halt. Wer will, könnte also sagen, die Apologien der Generation Biller haben sich längst überlebt. Dies zu beweisen sind die neuen Autoren mit ihren Büchern nun angetreten. Damit ist ein erster Schritt gemacht, nun können weitere folgen. Denn dass das Ich wieder stärker in seine Schranken gewiesen werden muss, daran lassen diese knapp 30-Jährigen keinen Zweifel.

Vollkommen leblos, bestenfalls tot, Antonia Baum, Hoffmann und Campe 2011, 208 S., 19,99

Schimmernder Dunst über Coby County, Leif Randt, Berlin Verlag 2011, 224 S., 18,90

Wir haben keine Angst: Gruppentherapie einer Generation, Nina Pauer, S. Fischer 2011, 198 S., 13,95

Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer, Andrea Hanna Hünniger, Tropen bei Klett-Cotta 2011, 216 S., 17,95

10:10 06.10.2011
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