Druschba hieß Freundschaft

Krim-Krise Nach dem Ende der Sowjetunion kamen viele Russen und Ukrainer nach Berlin. Was denken sie eigentlich über die jüngsten Ereignisse? Ein Rundgang
Jana Hensel | Ausgabe 13/2014 8
Druschba hieß Freundschaft
Britta Pedersen/DPA

Die Frauen auf der Bühne haben kurze rote Kleider an, sie tragen ihre Haare bis über die Knie und singen ukrainische Kinderlieder. Es ist Sonntagabend, und während man sich jetzt auch eine neue Günther Jauch-Sendung zu der Frage, wie gefährlich Wladimir Putin wirklich ist, anschauen kann, findet im Berliner Gorki-Theater eine Solidaritätsveranstaltung für den Maidan statt. Davor hat der hier lebende Amerikaner Daniel Kahn ein Lied auf Jiddisch gesungen, dass die Soldaten unter dem Zaren wohl gesungen haben. Alle Nationalisten der Welt können mich an meinem antifaschistischen, jüdischen Arsch lecken, hat er gerufen, bevor er anfing. Wenn das Putin hören könnte, er will ja in diesen Tagen eine Art Retter aller Antifaschisten und Juden sein, als könnten die sich nicht selbst helfen. Eine Band aus Istanbul übermittelt Grüße vom Gezi-Park, eine Bosnierin singt auch. In der Pause rede ich mit einer Frau aus Kiew. Gerade dachte ich noch, sie sei ungefähr so alt wie ich, da erzählt sie mir, dass sie soeben Großmutter geworden ist. Ihr Vater lebt auf der Krim, ihre Mutter in Kiew, sie in Berlin. So leicht geraten die Zeiten und Orte durcheinander, denke ich. Eine politische Geographie, die nur aus der Ferne statisch scheint.

Aber auch die Sprachen geraten durcheinander. Während viele, die ich kenne, sich zwischen den Leitartikeln der deutschen Zeitungen zurechtzufinden versuchen, sitze ich vor dem Computer und versuche, all die Meldungen und Nachrichten und Interviews und Links, die Berliner Russen und Ukrainer auf Facebook posten, zu lesen und bedauere, dass ich so gut wie kein Russisch mehr spreche. Das konnte einem während der Demonstrationen am Istanbuler Gezi-Park schon so gehen, als plötzlich immer öfter auf Türkisch getwittert und gepostet wurde. Aber weder kann ich Türkisch, noch bin ich in der Lage, Ukrainisch von Russisch zu unterscheiden. Inzwischen habe ich gelernt, dass man sich Ukrainisch als eine Art Schwäbisch des Russischen vorstellen muss, aber was genau das heißt, weiß ich nicht. Die Welt wird größer, mit jeder Revolution, aber das ist eine Wahrheit, die könnte auch aus einem Glückskeks stammen.

Ich muss also diese Russen und Ukrainer, die früher alle Sowjetbürger waren, längst auch zu Deutschen geworden sind und nun eine Art Roll-Back ihrer Geschichte erleben, treffen, um zu erfahren, was sie denken. Zumindest ein paar von ihnen: den Politiker Sergey Lagodinsky, den Historiker Dmitrij Belkin und den Schriftsteller Wladimir Kaminer. Um es gleich zu sagen: Alle diese Menschen, auch die junge Großmutter im Gorki-Theater, eint, dass sie Angst vor einem Krieg haben. Im 20. Jahrhundert haben ähnliche Situationen oft in einen Krieg geführt oder in einen Zustand, der dem Krieg näher war als dem Frieden und mitunter lange anhielt.

Sergey Lagodinsky erwartet mich im Foyer der Heinrich-Böll-Stiftung, wo er als Referatsleiter arbeitet. Aber als ich an diesem warmen Märztag mit dem Fahrrad in die Straße am Deutschen Theater einbiege, bin ich nicht darauf vorbereitet, dass gegenüber der Stiftung die Ukrainische Botschaft ist. Ich hätte es wissen müssen. Nun fühlt es sich wie ein Schlag in den Magen an, all die Toten zu sehen, deren Bilder hier in gespenstischer Ordnung aufgereiht sind. Kerzen, Blumen, Namen, Gesichter. Wer will, kann den Maidan in Berlin also finden. Auch vor der Russischen Botschaft Unter den Linden finden Mahnwachen statt; es werden Demonstrationen und Veranstaltungen organisiert.

Das System Putin

Sergey Lagodinsky fragt sich, ob das, was Putin in den vergangenen Wochen getan hat, rational oder irrational ist. Er wurde 1975 im südrussischen Astrachan am Kaspischen Meer geboren, kam 1993 nach Deutschland, studierte in Göttingen Jura und in Harvard Public Administration, promovierte in Berlin, arbeitete beim American Jewish Committee; nachdem die SPD das Parteiverfahren gegen Thilo Sarrazin einstellte, wechselte er zu den Grünen. Auch er bedauert, dass im Westen nur Wenige Russisch sprechen. Während wir die Reden von Barack Obama verstehen, seine Worte empfinden und Wendungen einordnen können, ist das imperiale Denken des Systems Putin, „die Massivität der Propaganda“, nur schwer zu erahnen. „Das ist mehr als eine Frage der Ästhetik“, sagt Lagodinsky.

Während der russische Präsident ihm lange als eine „ambivalente Persönlichkeit“ erschien, ein „innerer Kampf“ zu beobachten war, schließlich hat der Mann aus St. Petersburg dort und später im Umfeld Boris Jelzins seine politische Karriere sogar einmal als Reformer begonnen, sei diese Ambivalenz nun „weggefallen“, Putin habe sich „entmenschlicht“. Und der Westen glaubt, ihm gegenüber „keine Verhandlungsmasse“ zu haben. Die Gelegenheit, diese Verhandlungsmasse zu vergrößern, habe die EU verpasst, als sie viel zu spät und zu zaghaft Sanktionen verhängte.

Zu Sowjetzeiten war die Ukrainische SSR in den Vielvölkerstaat ebenso eingebunden wie die anderen Teilrepublik auch. Nationalitäten spielten keine große Rolle. In diesem Sinne war die Sowjetunion wirklich egalitär oder wie Wladimir Kaminer sagt: „Egal, ob du Tschuktsche oder Georgier warst, alle kamen für zehn Jahre ins Lager.“ Nachdem die UdSSR auseinanderfiel und viele Republiken in den Jahren 1988 bis 1990 erst ihre Souveränität – Russland tat das übrigens im Juni 1990, einen Monat vor der Ukraine – und ein Jahr später ihre Unabhängigkeit erklärten, hat nur Russland so etwas wie die Nachfolge der Sowjetunion angetreten.

Anders gesagt, nur an den Russen blieb das schmutzige Erbe des Totalitarismus kleben, während die anderen schnell versuchten, sich in die Freiheit und gen Westen aufzumachen. Noch am 31. Dezember 1999 sagte Boris Jelzin in seiner Rücktrittserklärung: Er bitte um Verzeihung, die „Hoffnungen derer nicht erfüllt zu haben, die glaubten, mit einem Schlag, mit einem Sprung würden wir das Grau, die Stagnation, den Totalitarismus der Vergangenheit verlassen und in eine glänzende, wohlhabende und zivilisierte Zukunft treten. Ich habe es selber geglaubt. Es war nicht der Fall.“

Für Dmitrij Belkin liegt in diesem Umgang mit der eigenen Geschichte, den es natürlich auch andernorts in Osteuropa so oder so ähnlich gegeben hat, ein wichtiger Grund für die Auseinandersetzungen. Der Historiker wurde 1971 im ukrainischen Dnepropetrovsk geboren, kam 1993 nach Deutschland, studierte und promovierte am Tübinger Institut für Osteuropäische Geschichte; arbeitete unter anderem am Jüdischen Museum in Frankfurt/ Main. Belkin lebt erst seit einigen Wochen in Berlin. Für ihn kämpft Putin noch immer gegen die angeblichen oder tatsächlichen Demütigungen von damals, strebt eine Art Revision des Zerfalls an: „Er ist der festen Überzeugung, die Ukraine gehört mir. Nun hat er das Machtvakuum in Kiew und die Schwäche des Westens, die sich zuletzt in der Syrienfrage gezeigt hat, ausgenutzt.“

Aber Belkin sieht, anders als Lagodinsky auch die Demonstrationen auf dem Maidan kritisch. Der Politiker Lagodinsky setzt erst einmal auf die demokratischen Kräfte dort, der Historiker Belkin hingegen fragt: „Wo sind die Demokraten? Auf dem Maidan sind sie nicht wirklich. Aber ich hoffe, dass anderswo im Land ein bürgerliches Bewusstsein geweckt worden ist.“ Tatsächlich glaubt er nicht daran, dass man eine neue Ukraine aus der alten Idee des Nationalismus errichten kann; sie ist für ihn die falsche Antwort auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts: „Der Westen akzeptiert den Nationalismus, weil er hofft, es käme etwas auch wirtschaftlich Gutes dabei heraus.“ Belkin ist ein Anhänger der Idee einer postnationalen europäischen Identität. Aber kann es nicht im 21. Jahrhundert einen Zusammenhang zwischen Nationalismus und Demokratie geben, auch wenn es dafür in Europa noch kein gelungenes Beispiel gibt? Das wiederum entgegnen ihm manche seiner Freunde.

Verratene Träume

Wenn man mit Wladimir Kaminer spricht, weiß man nie, ob er Witze macht oder nicht. Lustig ist, dass er ernst schaut, wenn man über das lacht, was er erzählt. Als wir uns im Prenzlauer Berg treffen, hat er eine gelbe Lederjacke an. Das kann in diesen Tagen politisch gemeint sein, muss aber nicht. Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren, kam 1990 nach Berlin und wurde zum wahrscheinlich berühmtesten Russen Deutschlands. Seine Bücher haben sich weit mehr als drei Millionen Mal verkauft. Seine Texte, so kommt es mir vor, sind seit dem Ausbruch der Krim-Krise politischer und ernsthafter geworden. Man kann sie auch bei Facebook lesen, in einem sehr schönen über die Krim heißt es: „Vielleicht ist deswegen der Sand an der Schwarzmeerküste besonders fein und leicht wie Asche, er besteht aus den zermalmten Knochen, aus vertriebenen Völkern und zerschlagenen Armeen, aus verratenen Träumen, nicht erfüllten Hoffnungen.“ In einem anderen schreibt er: „Ich schäme mich für meine Heimat.“ Während wir reden, wählt er drastische Worte, die Verzweiflung erkennen lassen: „Putin erniedrigt das Land und zwingt den Westen, es abzustoßen.“ Und: „Nun fällt Russland aus Europa heraus wie ein Stück Dreck“. Die Uneinigkeit des Westens, seine oft kritisierte Zaghaftigkeit, Kaminer verteidigt sie: „In solchen Zeiten zeigen sich Demokratien ganz weich.“ Das ist schön, wie er das sagt. Ich bin froh, Teil einer weichen Demokratie zu sein.

Im Gorki-Theater ist es spät geworden, die Günther Jauch-Sendung längst vorbei. Nun spielt die Band Rotfront, zwei der Musiker tragen T-Shirts, auf denen „Gypsy Jewish and Gay“ steht. Wieder denkt man, wenn Putin das sehen könnte. Dann singen sie auch noch das passende Lied dazu: „Gypsy Jewish and Gay“. Und die Leute im Saal beginnen zu tanzen. Das wirkt so, als hätten sie die Toten vom Maidan, die Krim und den drohenden Krieg schon wieder vergessen. Aber es kann gut sein, dass ich mich täusche.

 

06:00 09.04.2014
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