Fassadendämmerung

News of the World Erst zu Guttenberg, dann Berlusconi und Strauss-Kahn, nun Rupert Murdoch: In den Skandalen der letzten Monate sind die Mächtigen plötzlich die Opfer

Für diejenigen, die sich die Welt als eine eigentlich gute vorstellen, müssen die vergangenen Tage, ja Wochen, nein Monate schlimm gewesen sein. Ein Skandal folgte auf den nächsten, dicht an dicht. Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, die Veröffentlichungen von Wikileaks, das Plagiat von Karl Theodor zu Guttenberg, die Sex-Parties von Silvio Berlusconi, Jörg Kachelmann, der Zimmermädchen-Überfall von Dominique Strauss-Kahn. Und nun, als vorerst letzter, der News-of-the-World-Skandal in Großbritannien. Er hat einerseits die unglaublichen Abhörmethoden des dortigen Boulevards ruchbar und andererseits eine bisher so nicht gekannte Nähe von Politikern und Journalisten sichtbar gemacht.

So unterschiedlich all diese Skandale auch sein mögen, in einem Punkt gleichen sie sich: Eine lang gehegte, gut geschützte und vor allem sicher geglaubte Fassade fiel in sich zusammen. Fassadendämmerung könnte man dieses Phänomen nennen. Aber warum so plötzlich? Warum gerade jetzt und beinahe überall, zumindest in der Ersten Welt?

Die Antwort ist einfach und in ihren Konsequenzen komplex zugleich: Die Gesetze der Medien haben von allem Besitz ergriffen. Es gibt keinen Raum mehr außerhalb des medialen. Längst ist jede Sphäre, seien es die Politik, die Justiz, die Kirche und eben auch die Privatsphäre, gänzlich von ihren Regeln durchdrungen und dominiert. Und so geriet das ursprünglich einmal allein den Medien vorbehaltene Recht, nämlich das Recht, öffentlich über andere zu sprechen, in die Hände aller. Jetzt kommen auch jene zu Wort, die einst an den Fassaden der Mächtigen abgeprallt sind.

Deshalb haben diese jüngsten Skandale tatsächlich eine neue, bisher völlig unbekannte Dimension: Ihre Opfer sind die vermeintlich oder tatsächlich Mächtigen. Jene, die sich bis dato vor solchen Enthüllungen auf vielfältige Art zu schützen wussten. Durch Geld, Einfluss oder gegenseitige Abhängigkeiten.

Nun hat diese Skandal-Welle auch den global agierenden Medien-Mogul Rupert Murdoch erfasst. Jemand, der sein ganzes Leben darauf verwandt hatte, andere zu jagen, ist selbst zu einem Gejagten geworden. Sein Schicksal liest sich wie eine postmoderne Faust-Adaption und zeigt doch nicht mehr, als dass auch die Medien selbst diesen neuen Gesetzen zum Opfer fallen können.

Aber keine Angst, ein Gegengift ist schon gefunden. Die Welt darf schließlich nicht sein, wie sie ist. Das Gegengift heißt Moral. Nichts hat in diesen Ta­­gen, Wochen, Monaten der Fassadendämmerung eine derartige Konjunktur wie die Moral. Entweder weil man von der Ordnung der Welt, die eigentlich eine Unordnung ist, nichts weiß; oder weil man sie nur allzu gut kennt und sich anders vor ihren Abgründen nicht schützen kann. Beide Gründe können gute sein.

„Die Zeit solcher Freundschaftsdienste ist in Großbritannien vorerst vorbei“, schrieb Stefan Niggemeier gerade erst in der FAS. Er scheint genau zu wissen, was Gut und Böse trennt. Hinterher ist immer alles gut. Mit solchen Phrasen bereiten Journalisten das Feld für jede neue Affäre, sie schaffen die Voraussetzungen, dass auch der nächste Skandal noch für Aufregung sorgt und sich letztlich verkauft. Morality sells, könnte man sagen. Wahrscheinlich längst mehr als Sex.

So treten Journalisten an die Seite von Predigern, sie bemühen die klassische Narration von Schuld und Sühne. Sie machen die Zeitungslektüre zu einem Reli­gionsersatz. Schon von jeher flüchtete man in den Glauben, um Geister und Dämonen bannen zu können. Verschwunden aber sind sie bis heute nicht.

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17:00 21.07.2011
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Ausgabe 39/2020

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