Jana Hensel
29.09.2011 | 12:15 2

Filme interessieren mich nicht

Interview Oskar Roehler über sein Romandebüt "Herkunft", seine schreckliche Kindheit und die Frage, warum er der beste Regisseur seiner Generation ist

Einen Tag vor dem Interview rief die Pressefrau an, um auszurichten, dass Oskar Roehler nur 30 Minuten Zeit hat. Tagelang hatte man seine Filme geschaut, seinen 600 Seiten dicken Roman Herkunft gelesen. Ja, dieser gerade einmal 52-jährige Roehler hat etwas geschaffen, von dem viele träumen: ein Werk, ein Œuvre geradezu. Elf Filme, einen Roman. Und nun 30 Minuten Zeit. Wie soll man Oskar Roehler da all das fragen, was man wissen will? Doch kaum betritt man den Besprechungsraum im Berliner Ullstein-Verlag, fängt Oskar Roehler schon an zu reden. Die Auseinandersetzungen um sein Buch seien sehr emotional, erzählt er aufgewühlt, nun melde sich auch die Familie wieder, drohe ihm; Leute, mit denen Roehler jahrzehntelang nichts zu tun hatte. Es sieht so aus, als hole seine Vergangenheit ihn wieder ein.

Der Freitag: In Ihrem Roman

Wenn ich sage, dass meine Filme in gewisser Weise eine Vorstufe zu dem Roman waren, dann stimmt das. Plötzlich tritt ein Gewebe zutage. Das ist das Tolle an einem Roman, es ist ein üppiges, wucherndes Gewebe. Da, wo ich in Drehbüchern aufhören muss, kann ich im Buch nun erzählen. Deutsche Erzähler sind ja oft sehr prüde. Die schreiben Romane wie Reihenhäuser, klein und mit überschaubaren Kapiteln. Es herrscht extremer Purismus. Unter den deutschen Autoren gibt es niemanden, der mir wirklich was bedeutet. Eigentlich wirklich niemanden.

Können deutsche Regisseure deshalb auch keine brillanten Filme machen? Das ist doch eine interessante Parallele.

Weil sie nicht weit ausholen, weil sie immer glauben, sich disziplinieren zu müssen. Beim Drehbuchschreiben habe ich gelernt, Konflikte in langen Szenen zu erzählen, bei denen man noch nicht weiß, wohin das führt. Das macht doch die großen französischen und amerikanischen Erzähler aus. Balzac, Maupassant, meine großen Vorbilder, die ich mit der Muttermilch aufgesogen habe.

Mit der Muttermilch aufgesogen – das ist ein komischer Ausdruck für Sie.

Ich habe sehr früh angefangen zu lesen, völlig unabhängig von ­äußeren Einflüssen. Da konnte ich gut fliehen, mich an andere Orte begeben. Mein Vater war ab einem gewissen Moment extrem borniert.

Ihr Vater Klaus Roehler war in den späten fünfziger und sechziger Jahren der Lektor von Günter Grass, Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger. Sie wurden ja auch nach Oskar Matzerath aus der

 

Aber mein Vater hat seinen Respekt vor denen früh verloren. Er war voller Vorurteile, kannte kein Maß. Bei dem standen die ganzen Bretter von Günter Grass einfach so herum. Mit diesem Blick hat er mich nicht zur Literatur gebracht. Er hat sich für den klassischen Gesellschaftsroman nicht interessiert, wahrscheinlich Balzac nie gelesen. Das musste ich allein tun. Ich habe früh Knut Hamsun oder Marcel Proust gelesen.

Also ist das Filme-Machen für Sie eher ein Umweg gewesen? Etwas Fremdes, das mit den Eltern nichts zu tun hatte.

Ja, schon. Das Filmgeschäft ist sehr leicht zugänglich, Filme machen wollen viele, davon träumen alle. Aber ein Film verflüchtigt sich. Die Euphorie, die sich beim Schreiben einstellt, die gibt es da nicht. Die Einsamkeit des Schreibens ist mir viel näher. Ich habe ja schon mit 20 geschrieben, aber gemerkt, dass dabei nichts Rechtes herauskam. Dann habe ich wieder aufgehört und mich vielen Begegnungen ausgesetzt. So bin ich zum Film gekommen.

Ist das Schreiben ein Versuch, Ihren Eltern wieder näherzu­kommen? Eine Art Versöhnung mit der eigenen Biografie?

Nein, aber ich wollte Nähe zu meiner Kindheit herstellen. Ich will nicht – was der

Es überrascht im Nachhinein, dass Sie diesen Film gemacht haben. Sie haben darin versucht, Ihre Mutter Gisela Elsner zu verstehen. Der Roman zeigt jetzt aber, wie stark Ihre Verletzungen eigentlich sind.

Ich bin beim Schreiben aus einem Dornröschenschlaf aufgewacht. Bei meiner Mutter habe ich es wirklich mit einer Täterin zu tun, mit jemandem, der Böses in die Welt gesetzt hat. Trennung, Enttäuschung, Einsamkeit. Mein Vater dagegen hat immer im guten Glauben gehandelt und ist aus Unfähigkeit gescheitert. Meine Mutter ist aufgrund ihrer früh­reifen Begabung auf eine Schiene geraten, die wahnsinnig egoman und brutal war. Sie war die erste Frau nach dem Krieg, die literarisch erfolgreich war. Stilistisch war sie völlig outstanding. Ein Provinzmädchen, das sich die international angesagtesten Sachen angeeignet hat. Eine unglaubliche Weltsehnsucht, die andere nicht hatten. Eine Weltsehnsucht, die aber gefräßig und diabolisch war. Und als sie uns verließ, da war ich vier Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt hatten die gesellschaftlichen Mechanismen längst brutal gegen sie gegriffen. Sie war zu einer Persona non grata geworden. Das war der Preis, den sie für ihren Erfolg gezahlt hat.

Das klingt ja fast nach einer Entschuldigung. Ihr Urteil im Roman über sie ist viel härter.

Diese Nora ist eine Romanfigur, sie ist nicht identisch mit meiner Mutter. Außerdem muss ich sie ja auch nicht rehabilitieren. Eines Tages werde ich noch mal über sie schreiben. Wie sie später in England gelitten hat, wie verblendet sie durch den Hass und die Drogen war, weil sie die Unverzeihlichkeit, mit der man ihr begegnet ist, nicht ertragen hat. Aber die eigene Familie, das sind die größten Feinde, die versuchen wirklich, einen aufzufressen.

Interessanterweise werden Sie erst nach dem Tod Ihrer Mutter produktiv und fangen an, Filme zu machen.

D

as stimmt. Ich habe es irgendwann einmal ganz böse für mich empfunden, ein Spätentwickler zu sein. Ich habe das meinen Eltern so übel genommen, dass sie mir nie einen Kurs vorgegeben haben, etwas, was nicht destruktiv war. Das hat mich mindestens ein Jahrzehnt Lebenszeit gekostet.

Eine Inkubationszeit, die wahrscheinlich gut war.

Vielleicht. So bin ich viele Umwege gegangen, die auch interessant waren.

Insofern kann man gar keine Lebenszeit verlieren.

Nein, aber es ist erstaunlich, wie früh manche Leute sich ent­wickeln. Ein Umstand, der mich sehr verletzt hat, war, dass meine Mutter ihr Vermögen dem Dichter Ronald Schernikau vermacht hat. Er war früh erfolgreich, wahn­sinnig schlagfertig und eloquent – eine narzisstische Spiegelung ihrer selbst.

Wie wird man nach so einer Kindheit ein Mensch?

Über lange Umwege. Mit einem anderen Menschen, bei dem man lernen kann. Meine Frau ist so ein Mensch, der Liebe für mich in die Welt setzt. So kreatürliche Geschichten, die mir immer fremd gewesen sind.

Ab wann gehört einem das eigene Leben? Oder verbringt man nicht viele Jahre damit, das derer zu ordnen, die vor einem waren?

Kennen Sie Edward St Aubyn? Ein englischer Romancier, den ich sehr schätze. Ein durch und durch zynischer Autor. In seinem Roman

Das heißt, der Weg, den man zurücklegt, ist sehr kurz.

Bei den meisten Menschen ist das so. Erst als ich anfing, Filme zu machen, hatte ich das Gefühl, mein Leben gehört mir selbst. Dazu gehörte die Rückeroberung der eigenen Potenz als Künstler. Ich war lange Zeit ein Träumer.

Ist Ihnen der Roman wichtiger als die Filme?

Im Grunde schon. Das heißt nicht, dass ich nicht weitermache. Regisseur zu sein, ist ja mein Beruf, in dieser Branche bin ich zu Hause. Aber der Roman ist meine wichtigste Äußerung. Ich finde den maximalen Ausdruck in der Sprache. Bildern gegenüber empfinde ich mich eher hilflos, sie sind äußerlich. Filme haben kein Geheimnis.

Vielleicht sind Sie deshalb der beste Regisseur Ihrer Generation, weil Sie eigentlich ein Schriftsteller sein wollen?

Ach, das weiß ich nicht. Aber der Film

So. Geschafft. Das Aufnahmegerät zeigt Minute 58 an. Oskar Roehler ist sitzen geblieben und hat geredet. Am Ende bedankt er sich sogar, weil ihn das Gespräch von den Drohungen seiner Familie abgelenkt habe. Aber da kann man ihn beruhigen: Bei so einem Roman gehen Drohungen schon in Ordnung.


HerkunftOskar Roehler Ullstein 2011, 592 S., 19,99

Ein Spätentwickler: Erst mit 37 Jahren drehte Roehler seinen ersten Film

Oskar Roehler wurde 1959 als Sohn der Schriftsteller Gisela Elsner und Klaus Roehler geboren. Beide waren Mitglied der Gruppe 47; Gisela Elsner neben Ingeborg Bachmann die wohl wichtigste literarische Stimme der fünfziger und sechziger Jahre eine Exzentrikerin, deren Erstlingsroman Die Riesenzwerge ein großer Erfolg war. Oskar Roehler hat sie in seinem Film Die Unberührbare porträtiert. Er selbst war als Kind unerwünscht, ungeliebt; störte den ausschweifenden Lebensstil der Eltern, wuchs bei den Großeltern auf. Die achtziger Jahre verbringt Roehler in Berlin, es entstehen erste Drehbücher, u.a. für Christoph Schlingensief. Seit Mitte der neunziger Jahre dreht Roehler eigene Filme, für Die Unberührbare (2000) bekommt er zahlreiche Preise, u.a. den Deutschen Filmpreis. In den folgenden Jahren: Der alte Affe Angst (2003), Agnes und seine Brüder (2004), Elementarteilchen (2006), Lulu Jim (2009) und zuletzt Jud Süß Film ohne Gewissen (2010), der als sein bereits dritter Film im Wettbewerb der Berlinale lief. Gerade erschien sein stark autobiograisch gefärbter Roman Herkunft.

Kommentare (2)

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helena-neumann 11.10.2011 | 16:44

@ Ist Oskar Roehler der beste Regisseur seiner Generation? Für mich ist er jedenfalls einer der ganz Großen. Mit "Herkunft" hat er einen Schlüsselroman für seine Generation geschrieben. Dieses Grimmsche "Hänsel und Gretl" - Motiv, das durchzieht diese Herkunft auf ganz reale Weise. Oskar Roehler muss sehr zu Grunde gegangen sein, und es ist auch noch mal gut gegangen - immerhin bis hierher - was für ein Glück! „Herkunft“, schreibt die FASZ und ich empfinde, seine Offenheit „ist nicht nur gut, es ist stark, es berührt, erschüttert.“