Hinterm Rubikon geht’s weiter

Comeback Bettina Wulff legt nun ihre Sicht der Dinge dar. Sie will dabei, wenig überraschend: ein Opfer sein. Und wir sollen Mitleid mit ihr haben
Hinterm Rubikon geht’s weiter
Man sieht sich immer zweimal, schreibt Bettina Wulff in ihrem Buch. Es klingt wie eine Drohung
Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Ob das neue Buch von Bettina Wulff denn bei ihr schon ausliege, hatte ich die Buchhändlerin meines Vertrauens in leichter Panik am Telefon gefragt. Sie war meine letzte Hoffnung. Denn weder bei Dussmann noch bei Hugendubel noch in einer anderen großen Berliner Buchhandlung war ich fündig geworden. Montagmorgen, kurz nach elf Uhr. Es war keine Zeit zu verlieren. Der Countdown lief schon auf Hochtouren.

Knapp 48 Stunden vorher, also am Samstag, war in der Süddeutschen Zeitung eine große Geschichte von Hans Leyendecker, eigentlich der Klassensprecher des investigativen Journalismus, darüber erschienen, wie jenes Gerücht, dass Bettina Wulff, 38 und Gattin des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff, früher mal in einem Bordell oder bei einem Escort-Service gearbeitet haben soll, einst entstanden ist. (Hartmut Bachmann, 88, aus Hamburg wars. Und die niedersächsische CDU soll auch mitgeholfen haben.) Ganz nebenbei ließ Leyendecker dabei die Information fallen, dass jene ursprünglich für November angekündigten Erinnerungen Meine Sicht der Dinge nun vorgezogen und schon im September erscheinen würden.

Dann aber ging alles sehr schnell. Plötzlich waren sie da. Wie aus dem Nichts. Bettina Wulffs Memoiren, nun jedoch mit dem neuen Titel: Jenseits des Protokolls.

Damit hatte eine der wohl absonderlichsten Buchkampagnen, die es hierzulande je gegeben haben dürfte, ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht: Schließlich hat Bettina Wulff aus Werbegründen aus jenem Gerücht um ihre Vergangenheit – das wir in Wahrheit schon längst wieder vergessen hatten –, nun eine Nachricht gemacht, an der keiner mehr vorbeikam. Hans Leyendecker fungierte dabei als eine Art Wasserträger. Sie hat diese Verleumdung zum denkbar besten Zeitpunkt erneuert, vergrößert und so aufgeblasen, dass sich die Legitimation, in dem Buch nun frei heraus aus der Opferperspektive berichten zu können, wie von selbst ergeben würde. Offensichtlich erwartet Frau Wulff Mitleid.

Ein trauriges Aschenputtel

Was für eine absurde Geschichte: Ungefähr so absurd, als hätte Lady Di ihren Autounfall doch nur inszeniert und als säße sie nun gemeinsam mit Michael Jackson, der auch seinen Tod nur fingiert hat, auf einer Insel, als zählten beide gemeinsam das Geld, das sie mit all den Büchern, Platten, T-Shirts, Kerzen, das sie also mit den jeweiligen persönlichen Supergaus verdient haben. Bereits am Dienstag wurde das Buch bei Amazon auf Platz 8 gelistet.

Angesichts dieser gigantischen Selbstinszenierung leidet die Frage, worum es in dem Buch eigentlich geht, zugegebenermaßen unter einer gewissen Banalität. Dennoch, sie muss gestellt werden, schon um den ganzen Vorgang auf eine wohltuende Art zu erden und damit abzukühlen: Jenseits des Protokolls ist ein Beschwerdebuch, eine Klageschrift, eine traurige Aschenputtelgeschichte, eine Pretty-Woman-Erzählung ohne Happy End, die ihren Kern wohl in jenem Satz findet, der irgendwo in der Mitte des Buches steht: „Als Frau des Bundespräsidenten bist du zu einem großen Teil austauschbar. Genauso schnell, von heute auf morgen, wie du plötzlich dazugehörst, kannst du auch wieder draußen sein.“ Für das Ehepaar Wulff trifft diese Aussage zweifellos zu. Aber lässt sich dieser Satz ohne Umschweife verallgemeinern?

Außerdem erfährt man im Buch: Bettina Wulff, die damals noch Körner hieß, sucht ihre Männer nicht nach einem festgelegten Beuteschema aus. Den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff fand sie, bevor sie ihn persönlich kennengelernt hatte, auch langweilig und dröge. Als beide dann ein Paar wurden, überraschte sie das öffentliche Interesse an ihrer Person. Die Frau des Bundespräsidenten zu sein kann ganz schön anstrengend sein. Bettina Wulff hatte nicht damit gerechnet, „wer da plötzlich alles etwas von einem möchte“.

Nein, man wohnt dann auch nicht im Schloss Bellevue. Überhaupt lebt man als erste Familie im Staat nicht automatisch in Saus und Braus. Im Gegenteil, manchmal „wischte die Frau, die wenige Stunden zuvor noch irgendwelche Ministerpräsidenten oder Staatshäupter anderer Länder begrüßt hatte, schnell noch Staub, räumte die Spülmaschine ein, saugte durchs Wohnzimmer, stellte gegen 19 Uhr den Söhnen ein Abendbrot auf den Tisch, um sie dann gut eine Stunde später ins Bett zu bringen und ihnen noch eine Gutenachtgeschichte vorzulesen.“

Irgendwelche. Wohlgemerkt.

Sollten Sie also auch nur kurz darüber nachgedacht haben, Bundespräsident zu werden oder einen Mann oder eine Frau zu heiraten, der oder die dieses Amt in nächster Zeit antreten wird, denken Sie bloß noch einmal in Ruhe darüber nach! Ach, nein, lassen Sie lieber gleich die Finger davon. Das bringt einfach zu viele Unannehmlichkeiten mit sich.

In all diesen Beschreibungen erscheint Bettina Wulff, und dieser Eindruck legt sich dann zwangsläufig auch über ihren Mann, als das, wogegen sich beide in ihrer Amtszeit stets heftig gewehrt haben: Sie sind ein durch puren Zufall in dieses Amt gespülte Paar – ohne Idee, ohne Mission, ohne politischen Anspruch. An einer Stelle berichtet sie, wie ihr Mann sie fragte, ob er diesen Der-Islam-gehört-zu-Deutschland-Satz wirklich sagen solle. Darauf antwortet sie ihm: „Wenn dir das wichtig ist, dann sag es. Ich aber würde es nicht tun. Ich finde es schwierig. Das wird viele Debatten nach sich ziehen.“

Die beiden sind nach jenem Anruf von Angela Merkel am 1. Juni 2010 irgendwie ins Schloss Bellevue gelangt und können im Nachhinein nicht mehr sagen, wieso und warum. Plötzlich saßen sie dort, und es muss sich für sie angefühlt haben, als hätten sie eine Urlaubsreise in ein falsches Land, nein, in ein falsches Leben gebucht. Im ganzen Buch gibt es nur einen Satz, der die Arbeit von Christian Wulff inhaltlich beschreibt: „Christian sah seine Mission darin, Menschen zusammenzubringen, gerade auch Menschen verschiedener Kulturen und Religionen.“ Und selbst der ist reichlich unpräzise.

Das Dilemma der kurzen, ganze 598 Tage umfassenden Amtszeit, es lässt sich in Jenseits des Protokolls noch einmal in allen Facetten betrachten. Die Idee von einem jüngeren Paar im Schloss Bellevue, einer modernen ersten Frau, einer Patchwork-Familie, der man ja auch mit skeptischem Blick etwas abgewinnen konnte, all das fällt in sich zusammen. Ziemlich schonungslos und reichlich brutal. Weil das Buch in einem so arglosen Ton gehalten ist, weil Bettina Wulff bei aller Verbitterheit so munter plaudert und dabei einerseits fast sympathisch indiskret ist, aber andererseits eben auch unfassbar belanglos bleibt. Geholfen hat ihr bei der Niederschrift übrigens die Journalistin Nicole Maibaum, die auch für Veronica Ferres – siehe auch Carsten Maschmeyer – bereits ein Buch geschrieben hat.

Ich will ehrlich sein: Meine eventuelle Schadenfreude hielt sich bei der Lektüre in Grenzen. Lieber wäre es mir gewesen, es hätte mich positiv überrascht.

Erst im letzten Viertel des Buches widmet sich Bettina Wulff dann jenen Ereignissen, die Mitte Oktober 2011 mit den Recherchen einiger Medien über einen Privatkredit von Edith Geerkens für das Haus in Großburgwedel begannen und am 17. Februar 2012 um 11 Uhr mit einer dreiminütigen Rücktrittserklärung Christian Wulffs endeten. Am Tag zuvor hatte die Staatsanwalt Hannover die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten beantragt, nachdem bekannt geworden war, dass der Filmproduzent David Groenewold seinen Kurzaufenthalt auf Sylt wohl zumindest vorfinanziert hatte.

Die bösen Journalisten

Diese Kapitel beginnen mit den Sätzen: „Und so werde ich mich auch nicht rechtfertigen und es auch nicht versuchen. Denn dazu sehe ich keine Veranlassung. Ich werde und will mich mit diesem Buch auch nicht als Heilige oder Mutter Theresa hinstellen, aber ebenso wenig werde ich mich als Lügnerin oder Verbrecherin darstellen lassen, wie es in der Berichterstattung der meisten Medien teilweise geschah.“ Verbrecherin? Lügnerin? Gibt man diese Begriffe bei Google ein, finden sich dazu keine anderen Einträge als jene, in denen dieser Satz von ihr selbst wiedergegegeben wird.

Dennoch ziehen sich diese Rechtfertigungen und Ausflüchte sowie die Beschimpfung der Medien wie ein roter Faden durch das ganze Buch, in einem Roman würde man das vielleicht als Leitmotiv bezeichnen. Es sind die Journalisten, die an allem Übel der letzten Monate und Jahre Schuld haben. Dass Bettina Wulff das so sieht, ist nicht verwunderlich. Dabei ist jedoch festzustellen, dass die Medien gerade in diesem Fall, also in ihrem persönlichen, alles andere als eine unrühmliche Rolle gespielt haben.

Jene Gerüchte um ihre Vergangenheit als Prostituierte oder Escort-Dame, für die es zu keinem Zeitpunkt stichhaltige Beweise gab, sind erstmals aufgetaucht, kurz nachdem sie ihre Beziehung zu Christian Wulff im Frühsommer 2006 öffentlich gemacht hatte. Das Liebespaar war damals mit einer Homestory in der Bild, die Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker eingefädelt hatte, ziemlich großflächig an die Öffentlichkeit getreten. Seit jener Zeit also geisterte diese üble Nachrede durchs Internet, und obwohl einige Redaktionen Nachforschungen angestellt haben, sind diese Gerüchte in den seriösen Medien bis Ende 2011 nicht aufgetaucht. Keine Zeitung hat sich an diesen unhaltbaren Vorwürfen beteiligt. Erst als Bettina Wulff nun selbst am vergangenen Wochenende damit an die Öffentlichkeit ging, wurde groß darüber berichtet.

Aber die Offenlegung dieser Gerüchte schien nur der Anfang gewesen zu sein. Das mediale Feuerwerk, das Bettina Wulff für ihr Buch zu zünden bereit ist, ist weitaus größer. Nun füttert sie selbst die Medien mit immer neuen, intimen Details über ihre Eheprobleme – in einem Umfang, der mehr als bemerkenswert ist und neue Maßstäbe setzt. Man darf ja bei all dem nicht vergessen: Bettina Wulff war nicht Gast im Dschungel Camp, ihr Mann hat nicht den Eurovisionscontest gewonnen. Man muss es noch einmal in aller Deutlichkeit sagen: Christian Wulff war Bundespräsident. Er selbst kann einem, bittere Ironie der Geschichte, nur noch leid tun, man wird einfach das Gefühl nicht los, dass seine Frau ihn ziemlich im Regen stehen lässt. Bereits im Buch hatte sie geklagt, mit ihm allzu oft in einen Topf geworfen worden zu sein. Nach dem Motto: Der war’s! Nicht ich!

Ein Fazit dieser Geschichte wird es nicht geben. Allenfalls die Hoffnung, dass das Ehepaar Wulff tatsächlich als eine Art Ausnahme von der Regel in die Geschichte eingehen wird. Denn von den beiden wird nichts bleiben, egal, wie viel schmutzige Wäsche Bettina Wulff noch glaubt, waschen zu müssen.

11:47 13.09.2012
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