Scheitern ist der neue Sex

Bücher Was haben die neuen Romane von Helene Hegemann und Daniel Kehlmann gleich noch mal gemeinsam? Abgesehen davon, dass sie von den Medien als Wunderkinder bezeichnet werden
Jana Hensel | Ausgabe 35/2013 7

In Wahrheit hatte man natürlich noch nie darüber nachgedacht, aber nun, wo man die beiden Namen so nebeneinander sah, fiel einem auf, nein, sprang es einem förmlich ins Auge, dass Hegemann und Kehlmann ja krass ähnlich klingen. Hätte einem schon längst mal auffallen können. Auch wurden beide von den Medien, von wem sonst, als Wunderkinder bezeichnet. Nebenbei haben beide Väter, die was mit Theater zu tun haben. Der eine, also Hegemanns, ist Dramaturg und Reformer, der andere, also Kehlmanns, war als Regisseur wohl eher Traditionalist.

Helene Hegemann soll nun 21 Jahre alt sein. Sie bringt in diesen Tagen nach dem Sensationserfolg Axolotl Roadkill ihren zweiten Roman Jage zwei Tiger heraus, und wenn sie so weitermacht, dann schafft sie locker, was Daniel Kehlmann schon geschafft hat: Mit 38 Jahren veröffentlicht er jetzt mit F seinen sechsten Roman. Darunter war der Megabestseller Die Vermessung der Welt. Und Erzählungen, eine Novelle, Essays und so weiter.

Beide aber sind, und nun kommen wir endlich zum Punkt, eher Phänomene als einfach nur Schriftsteller. Sie stehen für mehr als nur sich selbst. Und auch wenn das beide als Menschen und Autoren nicht weiter interessieren muss, obwohl beide das von sich höchstwahrscheinlich wissen und in diesen Raum, der sich hinter ihnen auftut, auch irgendwie hineinschreiben, hineinzuschreiben versuchen, in die Betrachtung ihrer Bücher fließt dieses Phänomensein natürlich ein. Aber Phänomene, ja, für was oder besser: Wofür eigentlich?

Lieber glanzvoll ...

Fangen wir mal mit dem Buch der Jüngeren, der kleinen Schwester sozusagen, an. Helene Hegemann stellt ihrem Roman eine Übersetzung eines Textes der Band Laibach aus der Hand ihres Vaters voran. Sinngemäß steht darin, es gibt im Leben Feiglinge und solche, die Mut haben. Erstere scheitern natürlich billig, letztere wenigstens mit Glanz: „Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll. Jage zwei Tiger.“ Somit ist der Buchtitel schon mal geklärt, man tappt da ja nicht so gern im Dunkeln.

Glanzvoll scheitern, das ist schön, ist auch romantisch, und es ist sympathisch, denn wer von uns spielt nicht gern mit ordentlichen Beträgen. Glanzvoll scheitern, das ist kein kleines Projekt, das kann man auch eitel und größenwahnsinnig nennen. Desweiteren entfaltet die Autorin in ihrem Buch die Geschichte dreier Menschen. Kai ist elf, wird im Laufe des Buches 13. Samantha ist ein wenig älter, so 14 oder vielleicht 15, es wird irgendwo genannt, aber ich habe es nicht notiert. Und Cécile schließlich ist schon 17. Sie alle haben Eltern, unter denen sie, mal grob gesagt, leiden. Abwechselnd unter deren Ignoranz, Dummheit, Klugheit, Exzentrik, Egoismus, Armut oder Reichtum. Und Kai, der so eine Art Hauptfigur ist, leidet noch dazu unter dem frühen Tod seiner Mutter Binky Schweiger. Helene Hegemann selbst verlor ihre Mutter, als sie 13 Jahre alt war. Der autobiografische Gehalt dieses Settings wird nicht verschleiert.

Von diesem Leiden zu lesen ist ein großer, trauriger Spaß, denn natürlich überschlagen sich diese Kinder in mitunter sehr klugen Altklugheiten. Das Buch besteht also die ganze Zeit aus Sätzen wie denen hier: „Kai checkte im Gegensatz zu seinem Vater sofort, dass sie schauspielerte, weil ihr Zusammenbruch zu sexy für eine Kreislaufschwäche war. Sie kam mit halb gespreizten Beinen auf, trug keine Unterhose, ließ sich von Detlev ins Schlafzimmer tragen und danach bei geöffneter Tür sehr laut ficken. Sie fühlte sich von väterlichen Urinstinkten bedroht, die Detlev gar nicht hatte.“ Aber schön, wenn wenigstens die Kinder wissen, was läuft.

Auch Daniel Kehlmann, der große Bruder, backt natürlich keine kleinen Brötchen. Im Zentrum seines leider umständlich verrätselt getitelten Romans steht die unheilvolle Frage: Was bedeutet es, mittelmäßig zu sein? Quel Schicksal.

Hierzu braucht es Kehlmann ebenfalls drei Figuren. Die Brüder Martin, Eric und Iwan, letztere sind eineiige Zwillinge. Martin ist Priester und zweifelt natürlich, ob er an Gott glaubt. Nein, er geht der sehr komplizierten Frage nach, ob man an Gott überhaupt glauben kann. Eric ist eine Art Börsenmakler, er handelt mit Geld und hat sich dabei verzockt. Nun gaukelt er, wie im Moment viele Börsenmakler in vielen Romanen, seinen Mitmenschen eine Scheinwelt vor. Und Iwan arbeitet als Galerist, weil er zum Glück früh erkannt hat, dass sein Talent nicht ausreicht, um ein wirklich großer Maler zu sein.

Der Vater der drei Brüder reüssiert derweil mit einem Roman, der Mein Name sei Niemand heißt, und löst damit eine Art Werther-Effekt aus. Die Leute bringen sich nach der Lektüre mehr als üblich um.


Auch das alles liest sich stellenweise sehr schön. Hegemann und Kehlmann trugen und tragen ihre Wunderkinder-Namen nicht zu Unrecht. Natürlich sind die einzelnen Episoden kunstvoll miteinander verknüpft, auf allerlei große Namen der Kunst- und Literaturgeschichte wird angespielt, und natürlich geht es bei allem um letzte Fragen, von denen Kehlmann zum Glück weiß, dass er sie nicht beantworten kann. F ist Künstler-, Angestellten-, Thesen- und Familienroman in einem. Und vor allem der Anfang, in dem die drei Brüder mit ihrem Vater zu einem Hypnotiseur gehen, ist ziemlich genial.

Aber entscheidender ist etwas anderes. Nun denke ich über Kehlmanns Roman ja schon ein paar Tage nach, aber ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen, wozu eine Antwort auf die Frage: Was bedeutet es, mittelmäßig zu sein, führen soll? Iwan, der Maler unter den drei Brüdern, hatte einst sogar zu dem Thema „Mediokrität als ästhetisches Phänomen“ promoviert. Das hört sich klug an, keine Frage, aber vielleicht verstehe ich das, was Kehlmann da sagen will, einfach nicht. Vielleicht erlaubt er sich einen grandiosen Witz, über den ich nicht lachen konnte.

Ist Mittelmäßigkeit nicht immer und überall da, ohne Bewusstsein von sich selbst, ohne Ordnung und Sinn, ohne Kategorien und Gesetze? Ist Mittelmäßigkeit nicht deshalb so schwer für jene zu ertragen, die überhaupt in der Lage sind, sie zu erkennen? Und wer erkennt das Mittelmaß schon? Ist nach ihm zu fragen nicht also vergeudete Zeit, Nonsens? Aber vielleicht ist die Frage danach eine, die Männer sich stellen, die männliche Autoren Romane schreiben lassen, und die Frauen nicht verstehen. Kann ja sein.

Oder lieber doch nicht

Also kommen wir lieber zu jener Frage zurück, was die neuen Bücher von Helene Hegemann und Daniel Kehlmann gleich noch mal gemeinsam haben.

Die Figuren beider Bücher, allesamt sind sie Kinder geblieben und ins Scheitern verliebt. Sie erzählen sich von ihren Eltern her und wollen diesen nicht entfliehen. Sie versuchen nicht einmal, ihnen zu entkommen, sich von ihnen wegzuerzählen. Obwohl ihr Scheitern schon in der Kindheit besiegelt wird, büßt es im Laufe des Lebens nichts an Reiz ein. Das Wort bleibt übergroß stehen, es schillert fast.Viele suhlen sich im Moment im Scheitern. Auch in anderen Romanen der letzten Zeit war das so. In Rainald Goetz’ Holtrop natürlich, aber auch Leif Randt hatte in Schimmernder Dunst über Coby County gar eine Art Phantasieland nach allem Scheitern entworfen.

Die Erfahrungen selbst gelten in diesen Romanen nicht viel, man misstraut ihnen, fast wirken sie austauschbar, sind sie an den Rand des Geschehens, in die Kulisse gerutscht. Das Leben, die Summe der Erfahrungen, erscheint in Jage zwei Tiger und in F als nicht mehr als ein äußerer Einfluss, ein Störfaktor, eine Krankheit, gegen die es sich zu immunisieren gilt.

War das schon immer so? Wurden Biografien schon öfter auf diese Weise erzählt? Als Lebensvermeidungsstrategien? Bei Jonathan Franzen, David Foster Wallace, bei Kathrin Schmidt oder Eugen Ruge, bei Christa Wolf, Günter Grass oder Uwe Johnson? Oder trieben die ihre Figuren nicht durch die Erfahrung hindurch, statt vor ihnen her und letztlich von ihnen weg? Es ging doch in den Jahrestagen, in Nachdenken über Christa T., Freiheit oder in Du stirbst nicht, um mal ziemlich wahllos ein paar Romane herauszugreifen, gerade nicht darum, alles schon vorher zu wissen. Sondern hinterher manches anders zu sehen.

Vielleicht aber ist glanzvoll zu scheitern oder mittelmäßig zu sein gar nicht so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick scheint. Eher viel Rhetorik, viel Denken um des Grübelns Willen. Wichtig ist letztlich nur die Frage, ob Sie beide Bücher lesen sollen, oder wenn nur eines, welches davon. Wie gesagt, gut gemacht sind beide. Sie sind lustig, und traurig sind sie auch, das mögen die Deutschen ja. Beide Romane künden von einer Erschöpfung, als sehnten sich die Wunderkinder nach Erholung, nach einer Pause, und wenn Sie mögen, dann halten Sie doch gemeinsam mit ihnen inne. Es gibt Schlimmeres als müde gewordene Wunderkinder.

 

06:00 29.08.2013
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