The winner is Zonen-Gaby

Zwischenbilanz 25 Jahre nach dem Mauerfall schauen ostdeutsche Frauen mit neuem Selbstbewusstsein nach vorn
Jana Hensel | Ausgabe 25/2014 10

Nun war man ja damals selbst nicht dabei, als in jenen anfangs lichten und dann sehr schnell sich verfinsternden Jahren nach dem Mauerfall westdeutsche Feministinnen und Frauen, die in der DDR im wahrsten Sinne des Wortes ihren Mann gestanden hatten, aufeinandergetroffen sind. Und doch stellt man sich vor, dass all diese Frauen arg aneinander vorbeigeredet haben müssen. Die aus der Bundesrepublik waren, und das sei hier wertfrei vermerkt, kampf- und diskurserprobt, theoretisch gewappnet und irre belesen; die aus der DDR wiederum kamen direkt aus der Produktion, hatten zu Hause Mann und Kind und Haushalt oder in immer größeren Zahlen nur Kind und Haushalt und konnten mit dem Wort Feminismus nicht viel anfangen. Wörter mit -ismus am Ende waren in diesem Teil des europäischen Kontinents damals ohnehin nicht sonderlich beliebt. Mehr noch werden sich viele gefragt haben: Was hat das bitte mit mir zu tun?

Und nachdem man gemeinsam erfolgreich gegen die Abschaffung des Paragraf 218 gekämpft hatte, der aus ostdeutscher Sicht freilich ohnehin ein Rückschritt gewesen war, war es das dann erst einmal mit dem gesamtdeutschen Feminismus. Für rund 20 Jahre. Aber auch sonst gab es ja nicht allzu viel Gesamtdeutsches, von der Super-Illu und den Tatsachen, dass Michael Ballack mal Kapitän der Fußballnationalmannschaft und Angela Merkel mal Frauenministerin war, abgesehen.

Gibt es eine D-Norm?

Insofern ist es wahrscheinlich eine gute Nachricht, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls zum Anlass nimmt, um im Rahmen einer Kurzkonferenz nun zu fragen: Gibt es eigentlich die D-Norm? Also: Wie haben sich weibliche Lebensentwürfe und feministische Debatten in Ost und West entwickelt? Und haben sich Einstellungen und Verhaltensmuster angeglichen oder nicht?

Bleiben wir noch ganz kurz bei den guten Nachrichten: Man redet also wieder miteinander. Oder nein, anders gesagt: Man versucht, wieder miteinander zu reden. (Und redet dann doch eigentlich noch immer aneinander vorbei. Aber dazu später.) Doch die Richtung hat sich geändert, die Temperatur, wenn Sie so wollen. Nun sind es nämlich die ostdeutschen Frauen, die überraschenderweise den Ton angeben. Sind es die ostdeutschen Wissenschaftlerinnen, die mit Selbstbewusstsein und erstaunlichen Zahlen die Geschichte einer ostdeutschen Gleichberechtigungsrealität erzählen, die in den 70er Jahren begann und bis heute reicht. Sind es junge Westdeutsche, die den Ostdeutschen einen „Emanzipationsvorsprung“ attestieren und mit Zahlen belegen können. Sind es junge Westdeutsche, die bemerkt haben, dass viele feministische Bloggerinnen und Aktivistinnen, ja, aus der DDR stammen.

Wenn man das sich auf der Konferenz ergebende Bild in einem Satz zusammenfassen möchte, könnte man sagen: Eines Tages wird man erkennen, dass von jenem ostdeutschen Ich-stehe-meinen-Mann-Feminismus für das vereinigte Land im Verhältnis mehr positive Emanzipationsimpulse ausgegangen sein werden als vom Alice-Schwarzer-Feminismus. Mehr als die meisten denken ohnehin. Aber, wie gesagt, auch absolut, denn das Bevölkerungsverhältnis ist ja bekanntlich 3,75:1.

Mit anderen Worten ist eingetreten, was vor 25 Jahren niemand vermutet hätte, und was auch nicht sein durfte: Zwar konnten damals die wenigsten DDR-Frauen (und Männer) eine Gurke von einer Banane unterscheiden, die Vorstellung aber, dass in der DDR Gleichberechtigung nur staatlich verordnet war und nicht gelebt wurde, diese zu einem beharrlichen Vorurteil gewordene Idee, kann nun endlich begraben werden. Von wegen keine Frauen im ZK! Im Westen gab es weder eine in der Verfassung festgeschriebene Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetz, noch waren Frauen in Unternehmen oder demokratischen Institutionen oder Parteien in irgendwie relevanten Zahlen auf Chefsesseln.

Aber nun endlich zu den Zahlen: Ingrid Miethe – aus Sachsen stammend, Mitglied der DDR-Bürgerbewegung und heute in Gießen Professorin für Erziehungswissenschaften – hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Bildungsaufsteigern und Arbeiterkindern an deutschen Hochschulen befasst und einen Bruchteil der Ergebnisse ihrer Arbeit vorgestellt.

Zusammengefasst ihre Kernaussagen: In der DDR waren im Jahr 1970 mehr als 40 Prozent aller Hochschulabsolventen Frauen, in der BRD nur rund 30 Prozent. Im Jahr 1989 waren es knapp über 50 Prozent, in der BRD: knapp unter 40 Prozent. Im wiedervereinigten Deutschland ist dieser Spitzenwert dann erst 20 Jahre später wieder erreicht. Bei den Zahlen der Promotionen und Habilitationen ist es genauso; erst heute sind die Zahlen dort so hoch wie in der DDR bereits 1989. Auch weiterführende Bildung hatte im Sozialismus bereits für alle Nachkriegsgenerationen ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit. Somit war zwar der Zugang zu oberen Positionen ähnlich schwer zu erreichen wie in der Bundesrepublik, auf der mittleren Ebene aber fiel er leichter und geschah häufiger.

Miethe stellt auch ganz deutlich heraus: „Viele Weiterentwicklungen traditioneller Geschlechterarrangements in Gesamtdeutschland gehen auch auf den Einfluss ostdeutscher Positionen zurück, wenn diese auch nicht als solche benannt werden (dürfen).“ Sie meint damit die Förderung von Ganztagsschulen, den Kita-Ausbau und die Diskussion über die Vereinbarkeit von Kind und Karriere.

Ihre Zahlen reihen sich in eine ganze Menge anderer ein: Die Frauenerwerbsquote ist, egal ob mit Kindern oder ohne, in den neuen Bundesländern höher als in den alten; die Anzahl der in Krippe und Kindergarten betreuten Kinder ebenfalls; der sogenannte Gender Pay Gap ist niedriger und die Ostdeutschen bekommen früher und unabhängig davon, ob sie nun verheiratet sind oder nur so zusammenleben, Kinder. (In Wahrheit bekommen sie in the long run auch mehr.) Der Altersunterschied beim ersten Kind beispielsweise ist für einen Laien klein, in Wahrheit aber ist er so groß, als handele es sich um zwei völlig verschiedene und sich völlig anders entwickelnde Länder Europas, sagte mir Michaela Kreyenfeld vom Rostocker Max-Planck-Institut für Demographische Forschung vor ein paar Jahren schon in einem Gespräch. Puh, wenn man all das auflistet, kommt man sich vor wie eine Klugscheißerin.

Aber es zeigt, wie hoch der Rechtfertigungsdruck in mir ist. Als könne man nicht einfach sagen, ost- und westdeutsche Frauen sind verschieden. Man muss das nachweisen, wie in einer Gleichung mit sehr, sehr vielen Unbekannten. Und dennoch werden hinterher die meisten sagen: Interessiert doch sowieso niemanden, völlig alter Hut, total überschätzt, dieses ewige Ost-West-Ding. Aber ich schweife ab.

Alte Kämpfe, alte Fragen

Zurück zur Tagung: Es gibt wenige Feministinnen, die diese Sprachlosigkeit zwischen Ost und West nach dem Mauerfall bedauern und das als eine große vertane Chance empfinden. Auf der Tagung jedenfalls war keine von ihnen und so wurde darüber auch nicht weiter gesprochen. Eher wurde es erneut praktiziert. Vornehmlich ältere Gewerkschafterinnen nutzten dann, als Fragen an die Referentinnen zu stellen möglich gewesen wäre, das Saalmikro für endlose Koreferate über alte Schlachten und vergilbte Heldentaten.

Die eigentliche Frage aber, wie es dazu kommen konnte, dass in der alten Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg eine derart anachronistische Geschlechterordnung etabliert wurde, sodass das Land in fast all diesen Fragen beinah zu einem Schlusslicht in Westeuropa wurde, diese Frage wurde nicht gestellt. Vielleicht sind Feministinnen auch die falschen Adressaten. Sie leben ja in der Vorstellung, diese Welt schon immer bekämpft und auch verändert zu haben. Und damit haben sie auch ein wenig recht. Ein wenig zumindest.

  

06:00 20.06.2014
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