Alles ist echt und nichts ist wahrhaftig

Briefroman Aus einem literarischen Blog entstanden, fordert "Punk Pygmalion" unsere Art zu lesen heraus
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Alles ist echt und nichts ist wahrhaftig
Bild: Ausschnitt Cover

http://2.bp.blogspot.com/-SPO2yX350Jg/Ut_3ANWwmqI/AAAAAAAAFe0/q5u2Zo3oiU0/s1600/punkpygmalion_waschzettel.tiffDas Wort „Text“ kommt von Verflechtung: Worte ineinander weben. Jutta Pivecka ist Autorin und Bloggerin, vor allem ist sie beides zugleich. Sie schreibt in ihrem Blog über Literatur (und über Filme, und über Kunst), aber sie nutzt das Blog auch als literarisches Medium. Mit „Punk Pygmalion“ ist nun ein Teil dieses Blogs bei der Schweizer edition taberna kritika in Buchform erschienen. Das Ergebnis ist ein hybrider, andersartiger und doch formal perfekt gelungener Briefroman, der nicht viel von der lebendigen Hypertextualität des Blogs eingebüßt hat.

M., die Erzählerin, eine Bloggerin, hat von ihrer Jugendfreundin Emmi Kopien alte Briefe bekommen, die diese von Ansgar erhalten hat, ihrer wilden Jugendliebe aus den 80er-Jahren. Emmi verschwindet, die Briefe bleiben. M. soll sie in ihrem Blog veröffentlichen. Sie darf nicht. Sie soll. M. kommentiert die Briefe, legt die Geschichte dahinter frei und erinnert sich, wie sie die Liebe zwischen Ansgar und Emmi damals empfunden hat. Sie ist sich stets ihrer Außensicht bewusst. Beinahe alles, was sie über diese Liebe weiß, weiß sie von Emmi. M. geht dabei sorgsam vor, aber sie unterschlägt auch nicht, dass sie sich Sorgen um die Freundin macht: Emmi hat sich von ihrem Mann getrennt, sie behauptet, wieder Kontakt zu Ansgar zu haben, zu jenem Punk also, der nicht nur Emmi fasziniert, dessen Liebe jedoch stets gefährlich wirkt. Zu Ansgar, dem Bildhauer, der Emmi scheinbar nach seiner Vorstellung formt. So bringt er sie in den Monaten ihrer Liebe dazu, ihr Haar abzuschneiden und schwarz zu färben: „Ich möchte, dass Du mir gleichst“. Sie tut es. Emmi hört die Musik, die er ihr nahbringt, David Bowie und die Dead Kennedys; sie spricht wie er. Der mythische Pygmalion ist ein Bildhauer, der sich in seiner Einsamkeit eine Elfenbeinfrau erschafft, so lebensecht und liebenswert, dass Venus seiner Bitte stattgibt und sie lebendig werden lässt: Galatea. Auch Ansgar ist ein Einzelgänger; er fühlt sich weder seiner Familie zugehörig noch anderen Menschen in seinem Alter. Emmi, die Ausnahme, ist umso wichtiger für ihn, weil sie einmalig zu sein scheint. Und wer wichtig ist, hat Macht.

„Punk Pygmalion“ erzählt von Liebenden, die einander konsumieren – die sich einander einverleiben, bis zum Verschwinden des Anderen im Eigenen und umgekehrt. Es ist eine Liebe, die bis zum Äußersten geht, die an schlechten Tagen selbst den Tod herbeisehnt. Wenn Ansgar Emmi schreibt, er brauche sie, liegt eine Drohung in diesen Worten. Dass sie jedoch aufrichtig sind, daran lassen Ansgars Briefe keinen Zweifel zu. Es dauert, bis M. begreift, welche Macht von Emmi ausgeht. Als schließlich Ansgars Sohn Lars in der Geschichte auftaucht, dessen Wege sich nicht ganz zufällig mit Emmis kreuzen, muss M. ihre Position überdenken. Wer ist Emmi wirklich, wer ist Ansgar, wer ist Lars? Wer ist hier Pygmalion und wer Galatea? Wer hat wen erschaffen? Es gibt mehr als einen Pygmalion in dieser Geschichte, und M., die die Briefe und somit auch ihre Veröffentlichung in den Händen hält, steht in diesem Schöpfungsmythos nicht außen vor.

„Punk Pygmalion“ ist ein gekonnt inszeniertes Spiel mit Fiktion und Wahrheit, mit Erzählen und Erleben. In diesem Text ist all das eng und ganz bewusst ineinander verwoben:

„You're making it up“, sagte B., als ich versuchte ihm die Geschichte zu erzählen. Also schwieg ich. Dabei ist dies eine der wenigen wahren Geschichten, die ich erzähle. Eben deshalb wirkt sie erfunden.

So detektivisch wie M. sich auf Emmis Spuren begibt, so spürt man beim Lesen versteckten Hinweisen nach. Man misstraut nicht nur M. und Emmi, sondern auch den eigenen Lesegewohnheiten. Man sucht nach Bruchstellen in der Erzählung, die offenbaren, was an dieser Geschichte echt ist und was nicht, und merkt mitunter gar nicht, dass man als Leserin längst Teil des Narrativs geworden ist. „Echt“ ist alles, „echt“ ist gar nichts. Vielleicht entstehen Mythen genau so.

„Punk Pygmalion“ ist nicht in erster Linie, aber auch, eine vollkommen irre Liebesgeschichte. Und vollkommen irre Liebesgeschichten sind die besten.

16:20 14.05.2014
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