Jana Volkmann
14.05.2014 | 16:20 9

Alles ist echt und nichts ist wahrhaftig

Briefroman Aus einem literarischen Blog entstanden, fordert "Punk Pygmalion" unsere Art zu lesen heraus

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jana Volkmann

Alles ist echt und nichts ist wahrhaftig

Bild: Ausschnitt Cover

http://2.bp.blogspot.com/-SPO2yX350Jg/Ut_3ANWwmqI/AAAAAAAAFe0/q5u2Zo3oiU0/s1600/punkpygmalion_waschzettel.tiffDas Wort „Text“ kommt von Verflechtung: Worte ineinander weben. Jutta Pivecka ist Autorin und Bloggerin, vor allem ist sie beides zugleich. Sie schreibt in ihrem Blog über Literatur (und über Filme, und über Kunst), aber sie nutzt das Blog auch als literarisches Medium. Mit „Punk Pygmalion“ ist nun ein Teil dieses Blogs bei der Schweizer edition taberna kritika in Buchform erschienen. Das Ergebnis ist ein hybrider, andersartiger und doch formal perfekt gelungener Briefroman, der nicht viel von der lebendigen Hypertextualität des Blogs eingebüßt hat.

M., die Erzählerin, eine Bloggerin, hat von ihrer Jugendfreundin Emmi Kopien alte Briefe bekommen, die diese von Ansgar erhalten hat, ihrer wilden Jugendliebe aus den 80er-Jahren. Emmi verschwindet, die Briefe bleiben. M. soll sie in ihrem Blog veröffentlichen. Sie darf nicht. Sie soll. M. kommentiert die Briefe, legt die Geschichte dahinter frei und erinnert sich, wie sie die Liebe zwischen Ansgar und Emmi damals empfunden hat. Sie ist sich stets ihrer Außensicht bewusst. Beinahe alles, was sie über diese Liebe weiß, weiß sie von Emmi. M. geht dabei sorgsam vor, aber sie unterschlägt auch nicht, dass sie sich Sorgen um die Freundin macht: Emmi hat sich von ihrem Mann getrennt, sie behauptet, wieder Kontakt zu Ansgar zu haben, zu jenem Punk also, der nicht nur Emmi fasziniert, dessen Liebe jedoch stets gefährlich wirkt. Zu Ansgar, dem Bildhauer, der Emmi scheinbar nach seiner Vorstellung formt. So bringt er sie in den Monaten ihrer Liebe dazu, ihr Haar abzuschneiden und schwarz zu färben: „Ich möchte, dass Du mir gleichst“. Sie tut es. Emmi hört die Musik, die er ihr nahbringt, David Bowie und die Dead Kennedys; sie spricht wie er. Der mythische Pygmalion ist ein Bildhauer, der sich in seiner Einsamkeit eine Elfenbeinfrau erschafft, so lebensecht und liebenswert, dass Venus seiner Bitte stattgibt und sie lebendig werden lässt: Galatea. Auch Ansgar ist ein Einzelgänger; er fühlt sich weder seiner Familie zugehörig noch anderen Menschen in seinem Alter. Emmi, die Ausnahme, ist umso wichtiger für ihn, weil sie einmalig zu sein scheint. Und wer wichtig ist, hat Macht.

„Punk Pygmalion“ erzählt von Liebenden, die einander konsumieren – die sich einander einverleiben, bis zum Verschwinden des Anderen im Eigenen und umgekehrt. Es ist eine Liebe, die bis zum Äußersten geht, die an schlechten Tagen selbst den Tod herbeisehnt. Wenn Ansgar Emmi schreibt, er brauche sie, liegt eine Drohung in diesen Worten. Dass sie jedoch aufrichtig sind, daran lassen Ansgars Briefe keinen Zweifel zu. Es dauert, bis M. begreift, welche Macht von Emmi ausgeht. Als schließlich Ansgars Sohn Lars in der Geschichte auftaucht, dessen Wege sich nicht ganz zufällig mit Emmis kreuzen, muss M. ihre Position überdenken. Wer ist Emmi wirklich, wer ist Ansgar, wer ist Lars? Wer ist hier Pygmalion und wer Galatea? Wer hat wen erschaffen? Es gibt mehr als einen Pygmalion in dieser Geschichte, und M., die die Briefe und somit auch ihre Veröffentlichung in den Händen hält, steht in diesem Schöpfungsmythos nicht außen vor.

„Punk Pygmalion“ ist ein gekonnt inszeniertes Spiel mit Fiktion und Wahrheit, mit Erzählen und Erleben. In diesem Text ist all das eng und ganz bewusst ineinander verwoben:

„You're making it up“, sagte B., als ich versuchte ihm die Geschichte zu erzählen. Also schwieg ich. Dabei ist dies eine der wenigen wahren Geschichten, die ich erzähle. Eben deshalb wirkt sie erfunden.

So detektivisch wie M. sich auf Emmis Spuren begibt, so spürt man beim Lesen versteckten Hinweisen nach. Man misstraut nicht nur M. und Emmi, sondern auch den eigenen Lesegewohnheiten. Man sucht nach Bruchstellen in der Erzählung, die offenbaren, was an dieser Geschichte echt ist und was nicht, und merkt mitunter gar nicht, dass man als Leserin längst Teil des Narrativs geworden ist. „Echt“ ist alles, „echt“ ist gar nichts. Vielleicht entstehen Mythen genau so.

„Punk Pygmalion“ ist nicht in erster Linie, aber auch, eine vollkommen irre Liebesgeschichte. Und vollkommen irre Liebesgeschichten sind die besten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (9)

goedzak 14.05.2014 | 16:47

Schön, solche Beiträge hier zu lesen. Danke!

Und das besprochene Buch hat tatsächlich mein Interesse erregt. Das mag an Sätzen liegen wie diesen: "Punk Pygmalion erzählt von Liebenden, die einander konsumieren..." Und dass "vollkommen irre Liebesgeschichten (...) die besten" seien, ist für den potenziellen Leser sicher auch eine Empfehlung - solange er solche Geschichten nicht selbst erleben muss... :-)

Aussie42 16.05.2014 | 08:39

mal den Liebesroman öffentlich fördern.....

.... Nein!!!

Im 19. Jahrh. war fast jeder Roman in Europa, selbst wenn "er" Anderes vorgab, Liebesroman. Bis dann der Moloch auftrat alles verschlang, auch die lebendige Liebe. Stttdessen Vor-, Nach- und Kriegslieben. Einer der beiden war immer nicht vor Ort. Quaelend "schoen", wie die Briefe von Bachmann und Celan.

Die grobschlaechtige Liebesliteratur in den letzten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts vergessend, sind wir bei einer Liebe angekommen (wie der hier rezensierten), in der nicht nur einer fehlt, sondern beide Liebenden. Nicht einmal mehr Imagination, die die Liebe ausmacht, sondern nur noch hin- und hergewendete Dokumentation.

Soll man das auch noch oeffentlich foerdern? Nein.

goedzak 16.05.2014 | 08:55

Öffentlich fördern - das war ein wenig unglücklich ausgedrückt. Klingt nach kultusministeriellen Beschlüssen zum Herausrücken von Fördergeldern. :-) Nee, eigentlich wars nur eine Polemik gegen den Krimi-Hype. So wie Krimi mal "bäh" waren, sind es Liebesromane immer noch. Könnte man doch ändern. Ich meine ja nicht unbedingt Arzt-Schwester-Romancen oder Nachtschwester-Theaterregisseur-Fremdgeh-Stories... :-)

Was den "Moloch" angeht, der Deiner Meinung nach die "lebendige" Liebe zerstört hat: Hast Du vielleicht Illusionen über die Zeit vor dem "Moloch"?

Aussie42 16.05.2014 | 10:28

Gut, gut, war nicht boes gemeint mit dem "Nein" zur oeffentlichen Foerderung. Hatte ich auch richtig verstanden :)) (und mit der Dingsda-Hype hat Du natuerlich Recht.)

apropos Moloch und davor.

Nein, ueber die "reale existierende Liebe" in der Zeit vor dem Moloch habe ich keine Illusionen. Aber in den Liebesromanen des 19.Jahrhunderts, gabs Liebe satt, immer gehemmt, von den Koventionen kanalisiert etc. selten so offen wie die der Madame Bovary. Auf diese Liebesromane faellt eben nur ein sozialer, gesellschaftlicher Schatten, nicht die Verdunklung des Molochs, des Leviatan, des Tiers666.

Jana Volkmann 17.05.2014 | 11:40

Fun fact: So überrepräsentiert wie (derzeit) im Freitag-Literaturteil ist der Krimi aber auch selten. Nicht übel!

Was den Status des Liebesromans angeht - ich glaube, das geht einher mit verschiedenen anderen Stereotypen und Stigmatisierungen. Ich musste bei dem Begriff jedenfalls sofort an die Romane denken, die in großen Ketten-Buchhandlungen unter dem Label "Frauenliteratur" geführt werden, also triviale, flache, heteronormative Unterhaltungsromanzen. Von dieser Vermarktungspolitik fühle ich mich gleich mehrfach beleidigt, als Frau, als Feministin, als Leserin, als politisch denkender und überhaupt als denkender Mensch. Danke für nix, Thalia und Hugendubel.

Ich wünschte, ich würde bei dem Begriff Liebesroman an etwas anderes denken, an "Written on the Body", "Naokos Lächeln" oder "Der Mann schläft". Oder eben an "Punk Pygmalion". Es gibt so großartige Bücher, die ganz zentral von einer Liebesgeschichte handeln.