Der lange Weg zurück

Trauma Philippe Lançon saß in der Redaktionskonferenz von „Charlie Hebdo“, als die Attentäter kamen. Kurz darauf waren viele seiner Freunde tot
Der lange Weg zurück

Foto: Denis Allard/laif

Am Morgen des 7. Januar 2015 betrachtet der Journalist Philippe Lançon die Pariser Wohnung, in der er seit 25 Jahren zur Miete wohnt. „Zu viele Bücher“, befindet er. Er schlägt ein paar Motten tot. Auf dem Plan steht ein Treffen mit Michel Houellebecq, dessen Unterwerfung am selben Tag erscheint und in Frankreich bereits Wellen schlägt. Außerdem will er für die Libération einen Artikel über ein Theaterstück schreiben, das er am Vorabend gesehen hat, Shakespeares Was ihr wollt. Auf dem Weg dorthin liegt das Büro von Charlie Hebdo. Er ist Kolumnist des Satiremagazins und entscheidet spontan, an der wöchentlichen Redaktionssitzung teilzunehmen. Ehe er aufbricht, schreibt er einige E-Mails – „die letzten Worte eines gewöhnlichen Journalisten und leichtfertigen Menschen“. Bei dem Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins werden zwölf Menschen erschossen, es sind Kollegen und Freunde. Lançon überlebt, aber er fühlt sich den Lebenden nicht mehr zugehörig. Er ist schwer verwundet, der Unterkiefer zerstört. Als Journalist hatte er häufig aus Krisengebieten berichtet. Im Krankenhaus erlebt er sich als Kriegsversehrter mitten in Paris, als „gueule cassée“ – ein Begriff, der ursprünglich die mit Gesichtsverletzungen heimgekehrten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg bezeichnete. Siebzehnmal wird er operiert, aus dem Wadenbein ein neuer Kiefer geformt. Transplantierte Haut droht vom Körper abgestoßen zu werden. Nähte öffnen sich.

Lançon kann wochenlang nicht sprechen, er verständigt sich, indem er auf eine Tafel schreibt. Das Attentat hat ihn in mehrfacher Hinsicht isoliert. Er entscheidet sich im Krankenhaus gegen Fernseher und Radio, stattdessen liest er chinesische Gedichte über „Schnee, Zeit und Einsamkeit“ und hört immer wieder Bachs Goldberg-Variationen. Es ist ein Rückzug ins Innere, auch in die Erinnerungen. Immer wieder greift der Vielleser nach demselben Roman – Prousts Suche nach der verlorenen Zeit. Auch Lançons Aufzeichnungen sind im Grunde ein Versuch über die Zeit.

Wie ein böser Schatz

Der Anschlag dauert fünf Minuten, aber erlebt wird er in Zeitlupe. Lançon schildert ihn schmerzhaft minutiös: „Etwas spulte die Szene neu ab und verlangsamte sie zunehmend, wiederholte und dehnte sie, als fände sie nur scheinbar statt und müsste, genau wie dieser Text, ständig revidiert werden.“ Seine Schilderungen sind drastisch, aber nie reißerisch. Statt zu moralisieren, beobachtet Lançon. Auch das macht den Roman so eindringlich und aufrichtig.

In der Salpêtière bekommt er, aller Einsamkeit zum Trotz, reichlich Besuch. Seine Freundin Gabriela reist aus New York an und quartiert sich im Zimmer ein, kein sehr harmonisches Szenario, und die Eltern werden wieder zu Eltern, wenn sie den schwer verletzen Sohn versorgen. Dann sind da die neuen Kontakte, besonders der zu seiner Ärztin Chloé. Über das Attentat, das „Ereignis“, sagt er: „Ich hatte es wie einen bösen Schatz, ein Geheimnis, in mein Zimmer mitgenommen, wohin nichts und niemand mir ganz folgen konnte, mit Ausnahme derjenigen, die mir auf dem zurückzulegenden Weg voranging: Chloé, meine Chirurgin.“ Schließlich beehrt selbst Staatspräsident Hollande ihn am Krankenbett.

Die Schwelle zur Normalität ist unpassierbar geworden. Das Fahrrad, mit dem er am Morgen des Anschlags aufgebrochen ist, bleibt nahe der Charlie-Redaktion angeschlossen; immer wieder denkt Lançon daran, schickt einen der Polizisten, die für seine Sicherheit verantwortlich sind, um zu sehen, ob es noch da ist. Es wird zum „Wachposten, der wie bei einer Passüberquerung den Übergang zwischen dem vorherigen Leben und dem jetzigen hütete.“ In der Form des Textes spiegelt sich diese binäre Vorher-nachher-Einteilung nicht wider: Sprunghaft und assoziativ werden Beobachtungen aus der Gegenwart, Erinnerungen und Lektüreeindrücke montiert. Und zum Schluss rafft Lançon die Erzählfäden souverän zusammen – wie konzentrische Kreise, die sich gleichzeitig schließen. Sogar Houellebecq taucht überraschend doch noch auf.

Das Buch wurde in Frankreich zum Bestseller und unter anderem mit dem renommierten Prix Femina ausgezeichnet. Kein Wunder, dass man sich bei der Genrezuschreibung bedeckt hält: Der Fetzen ist nicht zuletzt ein hochliterarischer Text. Er setzt der Grausamkeit seines Sujets die unangreifbare Schönheit der Sprache entgegen, die in Nicola Denis’ exzellenter Übersetzung ebenfalls zum Tragen kommt..

Info

Der Fetzen Philippe Lançon Nicola Denis (Übers.), Klett-Cotta, 551 S., 25 €

Die Leseprobe finden Sie hier

06:00 22.03.2019

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare