Jana Volkmann
Ausgabe 1617 | 21.04.2017 | 06:00

Die Verschwundenen

Porträt Jürgen Schütz ist Renault-Autohändler und ganz nebenbei der Verleger des formidablen Wiener Septime-Verlags

Die Verschwundenen

Chile in den 1980er Jahren ist der Schauplatz des jüngsten Krimi

Foto: Michael Ruetz/Agentur Focus

In den letzten zehn, fünfzehn Jahren sind auch in Österreich viele neue Kleinverlage entstanden, die sich auf dem Markt ganz gut behaupten. Größere Beweglichkeit, schärfer abgesteckte Profile: Wenn es nach Jürgen Schütz vom Wiener Septime-Verlag geht, dürfen sich die Großen vor ihnen in Acht nehmen, nicht umgekehrt. „Wir sind die Konkurrenz“, sagt Schütz. „Und wir wollen kein Mitleid, sondern Respekt.“

Der Plan, einen Verlag zu gründen, entstand ursprünglich gemeinsam mit seinem Freund Ralf Doege, der stieg aus, ehe es ernst wurde, aber das Programm hat er entscheidend mitkonzipiert – und das Literaturveständnis, für das Septime steht, geformt.

Zu Anfang war Schütz allein mit seinem Laptop und einem Steuerberater. Ganz wichtig, sagt Schütz: „die renommierten Übersetzer im Rücken, die den Verlag von Anfang an mitgestaltet haben“. Gestartet wurde gleich international: mit Prosa von Julio Cortázar und Roberto Bolaño. Der Verlag, winkt Schütz vorsorglich ab, ehe die Frage kommt, hat aber keine Affinität zu Lateinamerika – wie auch, dazu seien die Regionen und ihre Literaturen zu divers.

Auch österreichische Autoren machen mittlerweile einen Schwerpunkt des Programms aus, in diesem Frühjahr erschien Paul Auers Kärntner Ecke Ring. Es gibt mehrere Übersetzungen aus dem Japanischen, mit Jan Kjærstad ist einer der großen Gegenwartsautoren Norwegens bei Septime.

Gleich mit Autoren von sogenanntem Weltrang zu eröffnen, das klingt ein wenig nach Größenwahn, oder zumindest ordentlich Chuzpe. Möglicherweise ist da etwas dran – vor allem aber versteht der Verlag sich darauf, mit Verve und Wiener Charme von seinen Büchern reden zu machen. Die Werkausgabe der Science-Fiction-Autorin James Tiptree Jr. etwa ist ein Mammutprojekt des Verlags, und eines, das ihm eine Menge Prestige eingebracht hat. Bei der Frankfurter Buchmesse hat Schütz sich kurzerhand Denis Scheck geschnappt, von dem er wusste, dass er sich für die Autorin interessiert. Am Ende kam ein Kulturzeit-Beitrag auf 3sat heraus, in dem Kritiker Scheck sie sinngemäß als Kafka der feministischen Literatur bezeichnete.

Glück allein reicht nicht, um wenige Jahre nach der Gründung solche Wellen zu schlagen. Ein hervorragendes Programm, harte Arbeit und ein gesundes Selbstvertrauen schon eher. Dafür wird durchaus an manchen Stellen gespart – dort, wo es die Bücher zuletzt betrifft: Ein Büro gibt es nicht. Gearbeitet wird von zu Hause, wo auch ein Teil der Bücher lagert. Der andere Teil, der nicht bei der Auslieferung oder in den Buchhandlungen liegt, ist im Burgenland geparkt, wo Jürgen Schütz aufgewachsen ist, also quasi in seinem früheren Jugendzimmer. Als Konferenzraum und zweites Wohnzimmer dient der Rüdigerhof in Wien-Margareten. Das Café gibt es seit der Jahrhundertwende, das Interieur aus verschiedenen Epochen ist über die Jahrzehnte zu einem eigenen Stil zusammengeschmolzen. Etwas heruntergekommen vielleicht im Vergleich zu den Kaffeehäusern der Inneren Stadt, aber umso eigensinniger – seit jeher ein gutes Biotop für Intellektuelle und Künstler. Es gibt einen Raucherraum und die in Wien seltene Regelung, dass der Schanigarten im Sommer bis spät in die Nacht geöffnet ist. Septime kommt hier für Arbeitssitzungen zusammen, trifft Journalisten und Kollegen. Kein Wunder also, dass Schütz zehn Minuten vor offizieller Öffnung als erster Gast vor einem Verlängerten sitzt und raucht.

Kurz vor neun, das ist für ihn schon mitten am Tag. Schütz arbeitet nicht nur im Verlag, sondern auch für einen Autohersteller im Kundendienst. Am Telefon, erzählt er, kommt er nie durcheinander und meldet sich mal mit „Jürgen Schütz, Septime-Verlag“, mal mit „Jürgen Schütz, Renault“, nur in Hotelzimmern, diesen Nichtorten, kann es passieren, dass die zwei Welten sich überschneiden und er kurz überlegen muss, in welcher Mission er eigentlich unterwegs ist. Unterwegs ist er schließlich viel. Das Konzept Wochenende ist dem Verleger fremd, Freizeit gibt es wenig. Am Tag nach unserem Gespräch geht der erklärte Filmfan ins Kino. Es läuft Martin Scorseses Silence, die Adaption von Shūsaku Endōs Roman Schweigen; auch so eine Septime-Ausgrabung.

Wer ist loyal, wer ist müde?

Wenn Schütz über Leute spricht, die er magt, nennt er sie „ehrlich“. Der Verlag mit allen Kollegen, Übersetzern, Lektoren und Autoren, das ist auch eine Familie. Am liebsten sind ihm die Familienmitglieder, die den Verlag nicht bloß als Dienstleister sehen, sondern etwa mitfeiern, wenn jemand aus dem Verlag einen Preis bekommt, und sich nicht noch vor der Siegerehrung ins Hotelzimmer stehlen. „Bei so etwas zeigt sich: Wer ist loyal, wer ist müde?“ Seine Mitarbeiterin Esther Forberger, die Septime von Anfang an begleitet, bezeichnet er als Gefährtin. Wie eine Worthülse klingt das nicht.

Kompromisse gibt es im Verlagsprogramm nicht, Experimente schon. So geht demnächst mit „Septime Espresso“ eine Reihe an den Start, die sich auf Novellen und andere kurze Prosaformen einlässt: „Lieber 140 Seiten von diesen Büchern als 700 Seiten Dan Brown.“ Überhaupt streicht Schütz gern. Perfekte Sätze findet er nicht bei Thomas Mann, sondern bei George Orwell: knapp, schnörkellos, auf den Punkt.

Bei Genrezuschreibungen ist man bei Septime zurückhaltend. Meist steht schlicht „Roman“ auf dem Cover – auch bei Nona Fernández’ Kriminalroman Die Straße zum 10. Juli. Fernández ist eine der wichtigsten Autorinnen Chiles, schon zweimal hat sie den „Premio Municipal de Literatura“ für ihre Romane erhalten. Im neuesten nimmt sie sich viel vor. Es geht darin um einen Verschwundenen, Juan, aber auch um all die Verschwundenen, die in den letzten Jahrzehnten chilenischer Geschichte zusammengekommen sind: Menschen, die den ausführenden Organen der Militärdiktaturen unbequem und deshalb beseitigt wurden. Die Desaparecidos.

Juan hat es sich nach seiner Scheidung in einer Echokammer bequem gemacht, umgeben von den eigenen Erinnerungen. Alle Zeitmesser hat er entsorgt und kocht sich nach Rezepten seiner Mutter einfache Hausmannskost. Wäre da nicht seine alte Freundin Greta, vielleicht würde ihn niemand genug vermissen, um auf die Suche zu gehen. Er ist bei weitem nicht der einzige Desaparecido in dieser Erzählung. Als Greta und Juan in den 1980er Jahren mit anderen regierungskritischen Jugendlichen gegen die Korruption unter Pinochet mobilgemacht haben, verschwanden einige von ihnen, manche für immer. Seine Vergangenheit und Chiles Vergangenheit, im Roman scheinen sie miteinander verwoben, vielleicht sogar eher verfilzt, unerkennbar, wo der eine Strang endet und der andere beginnt. Greta versucht, Juans Verschwinden zu verstehen, indem sie ihn versteht – sie trägt seine Kleidung, wohnt in seinem Haus, führt seinen Hund Dalí spazieren. Und sie erhält Nachrichten von Juan, während andere ihn schon für tot erklären (oder behaupten, er habe sich eben aus dem Staub gemacht).

Greta nimmt verschiedene Fährten auf. Eine davon hat etwas mit der Colonia Dignidad zu tun – jener von deutschen Auswanderern gegründeten Sekte, die für ihre Menschenrechtsverletzungen bekannt wurde: Kindesmissbrauch, die Nutzung des Areals als Folterkammer des Geheimdienstes. Juan hat darüber recherchiert.

Auch der Investor Lobos, der auf Juans Grundstück ein Einkaufszentrum bauen will, wirkt nicht unschuldig. Juan will nicht ausziehen, er lebt bereits in einem „Geisterviertel“, in dem ehemalige Schulen mit Vorhängeschloss versperrt sind und jede fremde Person auf der Straße Aufsehen erregt. Die Straße zum 10. Juli fordert dazu auf, diskutiert zu werden.

Der Wechsel zwischen Erzählperspektiven und Zeitebenen macht das rasante Verwirrspiel zu einer komplexen Lektüre. Dass man darüber nicht die Lust am Weiterlesen verliert, mag auch an ihrem einnehmenden Antihelden liegen. Juan, der seine Marihuanapflanze nach der Ex benannt hat (Maite), kann einem gar nicht egal sein. Es ist, bei aller gesellschaftspolitischen Tiefenbohrung, eben doch auch das: die Suche nach einem Freund, packend, wie ein guter Krimi sein muss.

Mit Nona Fernández ist dem Verlag wieder eine diese Entdeckungen gelungen, für die Septime seit den Anfangstagen steht. Und es geht so weiter, als Nächstes ist unter anderem eine Krimireihe geplant. Wünsche für die fernere Verlagszukunft gibt es durchaus, auch was die Autorenriege angeht. „Kurt Vonnegut, Philip K. Dick, Max Frisch und George Orwell – dann kann ich sterben“, sagt Jürgen Schütz. „Und natürlich Vladmir Nabokov.“

Info

Die Straße zum 10. Juli Nona Fernández Anna Gentz (Übers.), Septime 2017, 336 S., 22,90 €

Jana Volkmann wurde in Kassel geboren, hat in Berlin studiert und lebt als Autorin und Journalistin in Wien. Zuletzt von ihr erschienen: Das Zeichen für Regen (Edition Atelier, 2015)

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 16/17.