Ein wandernder Fluch

True Crime Großer Handlungsbogen, rasante Dialoge: Der sechste Robert-Marthaler-Fall von Jan Seghers ist schon auf Papier wie ein Film
Ein wandernder Fluch

Fotos: Annette Schreyer/Laif, Antoine D'Agata/Magnum Photos/Agentur Focus (s/w)

Kaum verlässt man als Kommissar die Stadt, passiert etwas so Großes, dass keine Einsatzkraft fehlen darf. Im Restaurant „Wintergarten“ in Frankfurt wird ein Attentat verübt, neben Zivilisten kommen zwei Secret-Service-Agenten ums Leben. Wem genau der Anschlag gilt, ist unklar. Aber Kommissar Robert Marthaler hat gute Gründe, ausgerechnet jetzt nach Frankreich unterwegs zu sein: Sein ehemaliger Kollege Rudi Ferres hat ihn bestellt – weil er eine heiße Spur zu haben glaubt. Dass der Fall, um den es geht, 15 Jahre zurückliegt, tut Marthalers Folgsamkeit keinen Abbruch.

Minutiös schildert Seghers den Tag im Jahr 1998, als der 13-jährige Tobias Brüning verschleppt und ermordet wurde. Die Realität, das wissen True-Crime-Aficionados, schreibt die grausamsten Geschichten. Der Teil des Romans um Tobias Brüning wurde dem realen Mord an Tristan Brübach in Frankfurt-Höchst nachempfunden. Seghers fiktionalisiert, aber es gibt Überschneidungen, gerade bei den Details – wie den Schuhen, die der Täter links und rechts vom Kopf des Kindes drapiert hat. Der Autor erspart einem keine noch so grausamen Einzelheiten. Alle, mit denen Tobias vor seinem Tod Kontakt hatte, geraten in den Fokus, jeder seiner Schritte wird nachgegangen. Meisterhaft kreist Seghers um die einzige Leerstelle: Der Täter hat keine Spuren hinterlassen. Dass er nie gefasst wurde, liegt nicht daran, dass die Polizei versagt hätte. Eine besonders tragende – und tragische – Rolle kommt dem Zufall zu: Der starke Regen hat alle Spuren fortgerissen.

Einen brauchbaren Hinweis fördern die Ermittlungen aber zutage – die Spur zu einem Mann mit Pferdeschwanz, von dem mehrere Zeugen berichteten. Das Phantombild bringt die Ermittler allerdings erst viel später weiter. Es wäre kein Jan-Seghers-Krimi, wenn der Zufall nicht auch mal auf der Seite der Guten wäre. Jemand will den „Zopfmann“ im Urlaub gesehen haben. Im französischen Küstenort Marseillan, wo Ferres mit einem Berg Akten wartet. Der Mord an Tobias ist so etwas wie sein Lebensfall. „Es hieß: Ferres knackt den Fall. Ein paar Jahre später: Wenn einer den Fall noch knackt, dann Ferres. Bis schließlich die ersten Stimmen laut wurden, die sagten: Der Fall ist nicht zu knacken. Er ist ausermittelt.“

Zwei tote Romajungen

Für Ferres gibt es kein Ausermitteln. In Marseillan kennt jeder den Sonderling, auf dessen Wagenplatz sich die Wein- und Pastisflaschen stapeln. Wenn er sagt: „Ich möchte durchatmen“, dann bekommt man einen Eindruck davon, was es heißt, das eigene Leben hintanzustellen. Bemerkenswert, wie Menschenfischer auch die Leser zu Getriebenen macht. Nach sechzig, siebzig Seiten kommt einem nur noch ungeheuerlich vor, dass der Mord nie aufgeklärt wurde.

Ferres säuft zu viel und schaut zu selten in den Spiegel. Beides ändert sich, als Marthaler ankommt und hinter dem monomanischen Ermittler ein normaler Mann zum Vorschein kommt. Wenn er Marthaler zurück nach Deutschland schickt, wirkt es, als sei der Fluch vom einen auf den anderen übergegangen. Er muss sich ins Zeug legen, um dem kalten Fall wieder einzuheizen. Zum Glück gibt es den Komplizen Zufall: Durch eine Reportage über Tobias kommen neue Zeugen daher, die den Mann auf dem Phantombild gesehen haben wollen – eine Spur führt ins Niemandsland zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen.

Dort lebt auch Louise Manderscheid in ihrer ehemaligen Kommune. Als sie am Feldrand auf zwei Romajungen trifft, kocht sie ihnen etwas und lädt sie zum Übernachten auf ihren Hof ein. Mirsad und Bislim haben gelernt, misstrauisch zu sein und immer einen Fluchtweg offenzuhalten. Am nächsten Morgen sind nur noch ihre Schuhe da. Die beiden Jungen werden tot im Wald gefunden. Und Marthaler trifft auf seine Kollegin Kizzy Winterstein. Sie ist Spezialistin für organisiertes Verbrechen, sieht aus „wie die Zwillingsschwester von Amy Winehouse“ und weiß im Gegensatz zu ihm genau, was sie will.

Die bisherigen Fälle wurden fürs ZDF verfilmt. Auch Menschenfischer sieht man sofort als Film vor sich, mit den rasanten Dialogen und dem weit gespannten Handlungsbogen vom Mord an Tobias bis zum Anschlag im „Wintergarten“. Man kann ohne Vorkenntnisse mit dem sechsten Fall in die Reihe einsteigen. Aber auch altgediente Fans kommen auf ihre Kosten. Ein Wunsch bleibt: Ein Spin-off mit Kizzy in der Hauptrolle wäre famos.

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06:00 11.11.2017

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