Eine trotzige Hoffnung

Zeitdokument Carry Ulreich überlebte als Jüdin den Zweiten Weltkrieg. Jetzt erscheinen ihre Tagebücher aus dieser Zeit erstmals auf Deutsch

Im Dezember 1941, als Carry Ulreich mit ihrem Tagebuch beginnt, sind die Niederlande seit anderthalb Jahren besetzt. Die Altstadt von Rotterdam, wo sie mit ihrer älteren Schwester Rachel und den Eltern lebt, wurde bei einem Luftangriff zerstört, da war Carry gerade dreizehn Jahre alt. Einen Tag später kapitulierten die Niederlande.

Nun erscheinen ihre Kriegstagebücher erstmals auf Deutsch; sie erzählen von einem Leben im Versteck, vom Überleben im Krieg, aber auch aus dem Alltag einer Heranwachsenden, die nie die Hoffnung verliert. „Wer weiß, vielleicht ist ja bald Frieden.“ Sie schreibt auch als Gedächtnisstütze, um später vom Krieg erzählen zu können. Heute sagt sie: „Ich wünsche mir, dass dieses Buch von vielen Menschen gelesen wird, damit sie ihre Augen nicht vor dem Schlechten verschließen.“ Die Aufzeichnungen beginnen mit Rachels Geburtstag. Auch die Einweihung des Tagebuchs, das Carry kurz zuvor zu ihrem eigenen Geburtstag bekommen hat, wirkt feierlich. Sie ist gerade wieder in ihr Zimmer gezogen, nachdem sie eine Zeit lang wegen der nächtlichen Fliegeralarme mit ihrer Schwester im Durchgangszimmer schlafen musste.

Aus dem Tagebuch spricht viel Empörung über die „Moffen“ und all die Einschränkungen, die sie als Jüdin erlebt, aber auch die beinah trotzige Hoffnung, dass der Krieg schon bald vorbei sein wird. Im Mai 1942 sagt die Mutter, dass sie „Sterne tragen“ müssen. „Was macht das schon?“, schreibt Carry. „Ich bin stolz darauf, Jüdin zu sein, ob ich nun gekennzeichnet herumlaufe oder nicht …“ Dann müssen alle Juden ihre Fahrräder abgeben. Carry ist es ein Rätsel, dass sich viele den Auflagen sofort fügen und selbst nagelneue Fahrräder samt Ersatzreifen abgeben. Ihr Vater ist der Erste aus der Familie, der sich nicht mehr auf die Straße traut. Vor der Besatzung hatte der Schneider siebzehn Angestellte in seinem Atelier, anderthalb Jahre später nur noch eine. Er verliert schließlich das Geschäft – und entgeht knapp der Deportation.

Katholische Zweitfamilie

Es geht dann schnell mit dem Untertauchen, die vierköpfige Familie kommt bei Zijlmans unter, Rotterdamer Katholiken, die eine Art Zweitfamilie für Carry werden. Unvermittelt schreibt sie von Frau Zijlmans als „Ma II“, von deren Sohn Bob als „Scheinbruder“. Dass Zijlmans streng katholisch sind und Carrys Familie traditionsbewusste, zionistische Juden, ist ein permanentes Gesprächsthema: „Wir tun fast nichts anderes, als über Religion zu reden […]. Aber wir können nicht alles sagen, was wir denken, denn wir wollen sie nicht verletzen.“ Offene Auseinandersetzungen gibt es kaum, aber wenn, dann drehen sie sich nicht um Glaubensfragen – sondern eher um so profane Dinge wie die Verteilung der Lebensmittel.

Dass Carrys Familie ständig Kompromisse machen muss, wird jedoch besonders dort spürbar, wo es um die Religion geht. Die Speisegesetze können sie nicht immer einhalten, es gibt mitunter treifes, also nicht koscheres Fleisch. Am Sabbat wird Radio gehört – geschrieben allerdings nicht, auch nicht Tagebuch. Jüdische Feiertage verstreichen, Ostern bei Familie Zijlmans entpuppt sich als ziemlicher Kontrast zum gewohnten Pessach-Fest: „Unser Seder: ein geistiges Vergnügen. Ostern hier: ein rein epikureisches Vergnügen.“

Ulreich verliert trotz aller Erschütterungen nie ihren Möglichkeitssinn. Immer ist da der Gedanke an ein Ende des Krieges und den Beginn eines neuen, freien Lebens. Sie will Chemikerin werden, wünscht sich eine eigene Bibliothek und eine Reise nach China. Im Versteck lernt sie Esperanto und liest alle Bücher, die sie in die Hände bekommt. So naheliegend es ist, die Aufzeichnungen mit denen der drei Jahre jüngeren Anne Frank zu vergleichen, so offenkundig sind die Unterschiede; nicht nur, weil Carry den Holocaust überlebte. Sie konnte im Notfall zum Arzt gehen, mit einem gefälschten Ausweis Einkäufe erledigen. Sich sonnen auf dem Dach. Im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam unterzeichnete sie als „Anne Frank mit Happy End“. Ulreich legt Zeugnis davon ab, wie nach Kriegsende die jüdischen Gemeinden und Institutionen in Rotterdam wieder aufgebaut wurden. Sie selbst ging im Sommer 1946 an Bord eines Schiffes nach Jerusalem. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Soldaten der Jewish Brigade, den sie kurz nach Kriegsende getroffen hat.

Sie hat heute über hundert Nachkommen; Kinder, Enkel und Urenkel. Und dank eines niederländischen Verlegers, der die Tagebücher auf Anraten von Carry Ulreichs Sohn 2016 veröffentlicht hat, eine Anzahl von Lesern, die ihr im Versteck bei Familie Zijlmans wohl kaum vorstellbar war.

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18:00 14.03.2018

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