Im Archiv der Augenblicke

Junge Literatur Eva Schörkhubers Prosatext „Die Blickfängerin“ erzählt vom heimlichen Beobachten, vom selektiven Blick durch die Kameralinse und vom Erkennen des Eigenen in den Anderen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Im Archiv der Augenblicke

Foto: Jeff J Mitchell/ AFP/ Getty Images

Der Augenblick hat in der deutschen Sprache eine doppelte Bedeutung: Er bestimmt als Sinneseindruck unsere Wahrnehmung der Welt, und er ist die Zeiteinheit der Flüchtigkeit. Die Blickfängerin aus Eva Schörkhubers gleichnamiger Erzählung sammelt solche Blicke aus den Augen fremder Menschen, denen sie zufällig begegnet; sie nimmt sie heimlich auf Video auf und löst sie so aus ihrer Flüchtigkeit heraus. Die Blicke werden reproduzierbar, können im Zeitraffer oder in Zeitlupe abgespielt werden und so jedes Mal ein wenig anders aussehen. Die Blickfängerin ist eine Archivarin. Sie hat ihre Sammlung geordnet, in flüchtige, verstohlene, herausfordernde Blicke, in „Sleeping Heads“ oder „Talking Heads“. Daraus entsteht eine Taxonomie, die fast mehr über die Betrachterin aussagt als über das Betrachtete: Wenn die Erzählerin ihre eingefangenen Blicke in Kategorien einteilt, glaubt sie dahinter eine Logik zu erkennen. Die Sammlung ist also auch ein Versuch, der Irrationalität menschlichen Verhaltens eine klare Ordnung entgegenzusetzen.

Die Erzählerin geht etwa durch die Stadt, sucht nach Schlafenden und filmt ihre Gesichter so lange, bis sie aufwachen und „sich ein Blick löst“. Andere im Schlaf zu beobachten, also dann, wenn sie wehrlos sind, unwissend, dass sie gesehen werden, ist eine besondere Form von Voyeurismus. Die Macht des Beobachtenden über das Objekt der Beobachtung wird an solchen Stellen besonders spürbar, ebenso die Abgründigkeit der Blickfängerin.

Die gesammelten und aufbewahrten Blicke gehören Menschen, die sich an den Rändern der urbanen Gesellschaft befinden. Migranten, Asylsuchende, Ausgestoßene aus der Gemeinschaft der Besserverdienenden. Auch Demonstranten sind darunter. An solchen Passagen wird deutlich: Das dokumentarische Festhalten der Blicke ist nicht nur intim, keine reine Privatsache. Die Distanz, die durch den Blick durch die Kameralinse entsteht, wird gerade in der Begegnung mit Menschen gebrochen, die sich politisch äußern – oder gar äußern müssen, wie etwa eine Gruppe von Flüchtlingen.

Man folgt beim Lesen den Gedanken der Blickfängerin, die stets um die Blicke der anderen kreisen, während ganz zaghaft und leise die Geschichte der Erzählerin selbst durchscheint. Unterbrochen wird ihr Erzählfluss durch einen Wechsel der Perspektive, der auch typografisch sichtbar wird: Einzelne Filmszenen werden im nüchternen Ton eines Protokolls oder einer Bildbeschreibung wiedergegeben. Schörkhubers Sprache ist reich an Bildern, und die Autorin beweist ein ebenso starkes Gespür für subtilere Zwischentöne. Die Textlicht-Reihe der Wiener Edition Atelier hat sich junger, experimenteller und durchaus mutiger Literatur verschrieben. Für Eva Schörkhubers knapp 90 (kleine) Seiten lange Erzählung ist dieses Format damit genau richtig.

Eva Schörkhuber
Die Blickfängerin
7,95 Euro
ISBN 978-3-902498-81-6

14:58 17.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare