In ein anderes Mädchen

LGBTQ Chinelo Okparanta erzählt klar und poetisch vom Queersein in Nigeria
In ein anderes Mädchen
Die Bilder dieser Ausgabe stammen vom Künstlerinnenkollektiv Live Wild

Marguerite Horay, "La Fidélité Des Images" (2014)

Der Roman Unter den Udala Bäumen beginnt zur Zeit des Biafra-Krieges in Nigeria. 1967 hatte die hauptsächlich von christlichen Igbo bewohnte Provinz Biafra im Südosten des Landes ihre Unabhängigkeit erklärt, unmittelbar danach kam es zu Gewaltausbrüchen und Massakern, bei denen über eine Million Menschen starben.

Ijeoma ist elf, als der Bürgerkrieg ausbricht. Ihr Vater stirbt bei einem Bombenangriff, die Gebete der Mutter haben nicht geholfen. Sein Tod bleibt wie ein Makel im Haus der Familie haften. Ijeomas Mutter gibt die Tochter zu einem besser situierten Lehrer und seiner Frau. „Sie wollte mich und alles andere loswerden wie eine schlechte Gewohnheit. So, wie man schmutzige Kleidung, in der sich zu viele Dornen verfangen haben, wegwirft.“ Unter all der Bitterkeit wird auch der Schmerz der Mutter spürbar – sie ist keine Heldin, sie zerbricht, als die Familie zerbricht.

Im fremden Dorf verliebt sich Ijeoma zum ersten Mal. Nicht in einen Jungen, sondern in ein anderes Mädchen, noch dazu in eine Hausa, eine Muslimin, „und wenn ich Amina nicht begegnet wäre, dann gäbe es vielleicht gar keine Geschichte zu erzählen.“ Amina, die ebenfalls bei dem Lehrerpaar arbeitet, erwidert Ijeomas Zuneigung. Die jugendliche Liebe bricht ein Tabu, weit über Ijeomas christliche Erziehung hinaus. Als die Mädchen erwischt werden, muss Ijeoma zurück, die Mutter lässt Ijeoma beten, bis diese selbst davon überzeugt ist, vom Teufel besessen zu sein.

„Wenn Gott dir Reis gibt, dann bitte nicht um Suppe“, sagt die Mutter. Ijeoma beugt sich schließlich dem Druck, sie heiratet einen alten Schulfreund. Wäre da nicht ihre Freundin Ndidi, sie würde vielleicht auf alle Ewigkeit ein „heteronormatives Leben“ führen, das die Gesellschaft gutheißen kann. Mit Ndidi trinkt sie Wein, träumt von Reisen nach Europa. Ndidi weiß, wo geheime Partys steigen, hinter einer Kirche zum Beispiel. „Fountain of Love“ steht auf dem Banner. Ndidi tanzt mit Ijeoma, und Ijeoma fühlt sich frei. Aber die Freiheit ist eine Illusion, sie existiert nur in Ndidis Vorstellung, frei wären die beiden an einem Ort in Nigeria, an dem sie zusammen sein dürften.

Chinelo Okparanta wurde 1981 in Nigeria geboren. Als sie zehn war, wanderte sie mit ihrer Familie in die USA aus. Ihr Debüt spielt in der Vergangenheit – aber eine der Stärken von Unter den Udala Bäumen ist, dass diese Coming-of-Age-Geschichte, in dem die erwachsene Ijeoma rückblickend ihr Leben erzählt, auch in die politische Gegenwart verweist. In Nigeria steht Homosexualität unter Strafe. Der Same Sex Marriage Prohibition Act verbietet wohlgemerkt nicht nur die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare, sondern homosexuelle Handlungen generell, das Strafmaß: bis zu vierzehn Jahre Gefängnis, im Norden Nigerias droht sogar die Todesstrafe. Auch jegliche Unterstützung Homosexueller ist verboten. Anfang 2014 erst hat der damalige Präsident Goodluck Jonathan verschärfende Gesetze unterzeichnet. Es gibt zudem zahllose Fälle homophober Gewaltverbrechen.

Wenn Ijeoma mit Ndidi tanzt, schwingt da immer eine Bedrohung von außen mit: Was, wenn es plötzlich an der Kirchenpforte klopft und sie alle auffliegen? „Dieser Roman möchte der marginalisierten LGBTQ-Community Nigerias eine Stimme und einen Platz in der Geschichte unserer Nation geben,“ schreibt Okparanta im Nachwort ihres Romans, mit dem sie auch in Nigeria auf Lesereise war. Ihre eigene Stimme ist, auch in der Übersetzung von Sonja Finck und Maria Hummitzsch, so klar wie poetisch. Ohne Scheu schreibt sie von Krieg und Gewalt, inneren und äußeren Konflikten. Und – ganz unsentimental – von befreiter Liebe, dieser Utopie.

Info

Unter den Udala Bäumen Chinelo Okparanta Sonja Finck, Maria Hummitzsch (Übers.), Indra Wussow (Hrsg.), Wunderhorn Verlag 2018, 336 S., 25,80 €

Cut, Land und paste

Die Bilder dieser Ausgabe stammen von Künstlerinnenkollektiv Live Wild.

Ein Mix aus Collagen, GIFs, Video und Fotografie ist das, ein wildes Manifest: Das Kollektiv Live Wild will das Erbe der Dadaisten und der Fluxus-Bewegung antreten. Sieben junge Künstlerinnen bilden das Kollektiv, die Gründerin Camille Lévêque sieht Künstlerinnen zu sehr auf feministische Aspekte reduziert. Als hätte Kunst von Frauen keine andere Dimension. Das Kollektiv will mehr, „we are DADA-mad“. Mit dabei: Lila Khosrovian, Anna Hahoutoff, Marguerite Horay und Charlotte Fos, die Armenierin Lucie Khahoutian, die Ukrainerin Ina Lounguine. Sie leben und arbeiten verstreut in Europa, Russland, den USA und Kanada. Sie treffen sich jeden Tag online und auf Instagram. Mehr zur Philosophie auf: www.thelivewildcollective.com

06:00 01.12.2018

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