Männer im Treibsand

Krieg und Krise Der neue Roman von Mohammed Hanif ist eine scharfsinnige Abrechnung mit der US-amerikanischen Außenpolitik
Männer im Treibsand

Collage: Ira Bolsinger; Material: Getty Images, Adobe Stock

Als Kampfflugzeugpilot der US-Armee bei einem Wüsteneinsatz verloren zu gehen, klingt reichlich unwahrscheinlich, zumal in Zeiten, in denen man selbst entlaufene Haustiere mithilfe von GPS-Sendern orten kann. Aber Major Ellie, dem zweifelhaften Helden in Mohammed Hanifs satirischem Wüstenroman, geschieht genau das. Geplant war der – möglicherweise nicht ganz regelkonforme – Luftangriff auf ein Flüchtlingscamp, wo sich angeblich „ein paar Jungs von der übelsten Sorte“ aufhalten. Dann ist die F-15 Strike Eagle abgestürzt. Das Regelwerk Wüstensurvival kennt Ellie auswendig, aber besonders hilfreich ist es nicht, wenn man sich mit einem Rettungspaket aus Smoothies und After Eight in einem „endlosen Meer aus Sand“ wiederfindet. Schon sein Befehlshaber Colonel Slatter war von seiner Mission nicht zurückgekehrt, nun ist auch Ellie MIA – „missing in action“.

In dem Flüchtlingscamp selber wimmelt es vor Dieben, sogar die Mauer wurde gestohlen, Stein für Stein. Den ersten hat Momo herausgestemmt, um die Entwicklungshelfer im Auge zu behalten. „Ich glaube, das Leben ist eine Geschäftsmöglichkeit“, sagt der Fünfzehnjährige, und er ist gut im Business. Er hat eine „I♥NY“-Kappe, redet, als wäre er aus New Jersey, und fährt einen Jeep. Seinen Hund Mutt hält er für einen Golden Retriever, obwohl er grau ist. „Wenn er groß ist, wird er noch golden“, davon ist er überzeugt. Sein Glaube an die Zukunft scheint unerschütterlich, vielleicht, weil ihm nichts anderes übrig bleibt. Sorgen macht ihm vor allem eines: Sein Bruder, Bro Ali, ist seit Monaten verschollen. Er hatte in einer US-Airbase zu arbeiten begonnen. Jetzt sieht es so aus, als hätten die Amerikaner ihn entführt. Der Hangar scheint verlassen, aber niemand weiß, was sich hinter den Absperrungen verbirgt.

Ellie und Momo erzählen im Wechsel. Zwischendurch könnte man glatt vergessen, wer gerade an der Reihe ist, so sehr ähneln sich ihre Sprechweisen: der gleiche Slang, die gleiche Ironie. In einer anderen Welt könnten auch sie Brüder sein. Die dritte Stimme gehört Mutt, der nach einem unglücklichen Zwischenfall (er hat an einen nicht geerdeten Strommast gepinkelt) zu einer Art „idiot savant“ der Geschichte geworden ist. Momo hält sich selbst für ausgesprochen klug und seinen Hund für einen Schwachkopf. Dabei durchschaut Mutt die Conditio humana besser als alle menschlichen Romanfiguren zusammen.

Ist ja nur eine Fata Morgana

Der Hund kehrt dem Camp den Rücken, nachdem er mit einem Fußball angeschossen wurde – von Momo. Dieser fährt dann doch in die Wüste, um ihn zu suchen, zwei Kissen auf dem Fahrersitz des Jeeps, damit er ans Lenkrad kommt. Er findet nicht nur Mutt, sondern auch Ellie. So landet der Pilot ausgerechnet in jenem Camp, das er schon ins Visier genommen hatte. Darauf hat ihn der Pflichtkurs „Interkulturelle Sensibilität“ nicht vorbereitet: Hier ist Ellie der Flüchtling, und er kann nur hoffen, dass Momos Mutter auch für ihn ein Abendessen zubereitet. Momo sieht in Ellie vor allem eine Art Humankapital. Er will den Piloten zurück zu seinen Leuten bringen und dafür seinen Bruder mit nach Hause nehmen.

Momo und Ellie tun so, als träfen sie keine moralischen Entscheidungen. „Gott sei Dank geht es hier niemandem um Ideologie“, behauptet Momo. Einem Teenager kann man vieles nachsehen. Aber einem gestandenen Militär wie Ellie? Fast merkt man beim Lesen nicht, wie die Fassade bricht und die absurde Tragik des Krieges zum Vorschein kommt. Mohammed Hanifs dritter Roman ist eine scharfsinnige Abrechnung mit der amerikanischen Außenpolitik, den zynischen Militäreinsätzen und Entwicklungshilfe zum Selbstzweck – letztere wird im Roman durch die wohlriechende USAID-Beraterin Lady Flowerbody verkörpert, die Momos jugendliche Psyche studieren möchte und nicht merkt, wie der Junge den Spieß sofort umdreht. Er nimmt in ihrem Bürozelt Platz und schaut auf die Uhr: Lange kann es nicht dauern, bis sie ihm erklärt, wofür die Abkürzung PTBS steht.

Ehe der Roman auf seinen furiosen Showdown zusteuert, vollführt er im letzten Drittel eine kunstvolle Wende, selbst der Kreis der Erzähler wird noch einmal um einige Stimmen erweitert. Vielleicht ist ein Wiedersehen mit den Verschwundenen ja doch möglich. Aber im Krieg und in der Wüste kann man sich auf nichts verlassen. Es gilt schließlich Survival-Regel Nummer eins: „Was Schönes gesehen? Gleich wieder vergessen. Ist nur eine Fata Morgana.“

Info

Rote Vögel Mohammed Hanif Michael Schickenberg (Übers.),Hoffmann und Campe 2019, 320 S., 22 €

Lesen Sie hier eine Leseprobe

06:00 16.03.2019

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