Muss elektrisieren

Verlagsporträt Zoë Beck und Jan Karsten machen einfach das, was sie richtig gut finden, die „CulturBooks“

Zoë Beck und Jan Karsten betreiben den noch jungen CulturBooks Verlag, der eigentlich in Hamburg zu Hause ist. Beck empfängt zum Interview aber in ihrer Wohnung in Berlin, und Karsten wird per Skype zugeschaltet. Angefangen haben sie mit einem reinen E-Book-Programm, seit knapp drei Jahren veröffentlichen sie auch gedruckte Romane und Kurzgeschichten – das Setting des Gesprächs ist also gar nicht unpassend, digital und analog zugleich, wir starten dann auch mit Geplänkel zum Arrangement. Ist es günstig oder unhöflich, sich bei einem Videotelefonat ins Gegenlicht zu setzen? Ach nein, lieber doch gleiches Licht für alle.

Als Eisbrecher wird gleich ein Buchpaket geöffnet: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen, das sind Erzählungen der promovierten Astrophysikerin Pippa Goldschmidt, sie sind gerade frisch aus der Druckerei gekommen. Der deutschsprachige Buchmarkt hat ein nur mit Wohlwollen ambivalent zu nennendes Verhältnis zu kurzen Formen – kauft keiner, läuft nicht, trauen wir uns nicht. „Das Vorurteil, dass sich Kurzgeschichten nicht verkaufen, ist zu einer Art self-fulfilling prophecy geworden“, sagt Jan Karsten. „Der Buchhandel lehnt es ab und kauft gar nicht erst; so können dann natürlich auch keine Verkäufe entstehen, womit wieder bewiesen wäre, dass sich Kurzgeschichten nicht verkaufen.“ Für CulturBooks ist es erst einmal Nebensache, ob ein Manuskript nun Roman oder Kurzgeschichtensammlung ist, wichtig ist nur, dass der Text stimmt, dass er innovativ ist und „elektrisiert“, wie Zoë Beck es nennt.

Verrückt, was ihr vorhabt

So ähnlich gehen die beiden Verleger auch mit Genrezuschreibungen um, enge Kategorien passen nicht zum Programm. Ein Krimiverlag ist CulturBooks jedenfalls nicht, stellt Zoë Beck klar. „Wir suchen nicht nach Kriminalliteratur. Wir suchen nach Literaturen, die uns interessieren. Und eigentlich auch nach Sachen, die kein Genre haben. Dafür gäbe es ja genug andere, spezialisierte Verlage, bei uns gingen solche Bücher unter. Unsere Autorinnen und Autoren kann man schwer zuordnen. Wir wollen einfach gutes Zeug machen.“

Dass nicht nur etablierte Autoren gutes Zeug machen, ist klar, aber mit welchem sicheren Gespür der Verlag Texte entdeckt, ist schon beachtlich. Zuletzt hat zum Beispiel Karan Mahajans Roman In Gesellschaft kleiner Bomben für Aufsehen gesorgt. Der indisch-amerikanische Autor schreibt aus einer im besten Sinne globalen Sicht über einen Bombenanschlag in Delhi, der eine indische Familie und die Attentäter aus dem Kaschmir auf lange Sicht und über mehrere Kontinente miteinander verwebt. Mahajans Art zu schreiben veranschaulicht besonders deutlich, wofür CulturBooks steht: eine Vorstellung von Kultur, die ganz bewusst auch Zwischenräume, Überlagerungen und Perspektivwechsel zulässt. „Es ist schön, zu sehen, wie sich die Nationalliteraturen auflösen“, sagt Zoë Beck. „Vor allem, wo wir in Europa von rechts die Gegenbewegung haben, dass Nationalstaaten und nationale Identitäten gestärkt werden sollen.“

Biografien wie die von Karan Mahajan oder der in Singapur und New York lebenden Autorin Amanda Lee Koe ermöglichen nicht zuletzt einen Blick auf die Herkunftskultur, der nah und distanziert zugleich ist, angewandte Dialektik sozusagen. „Das sind meiner Meinung nach oft genau die Leute, die spannende Sachen zu sagen haben. Wir können uns durch die ganze Welt klicken, aber um uns richtig zu verstehen, müssen wir uns halt unsere Geschichten erzählen“, sagt Jan Karsten. Bei der Suche nach neuen Texten lässt er sich nicht beirren, auch nicht von großen Verlagshäusern. „Wir greifen zuerst nach dem obersten Regal. Wir möchten junge, zeitgemäße Stimmen präsentieren, die vielleicht in ihrer Karriere noch nicht so weit sind, aber auf einem sehr, sehr hohen Niveau schreiben. Da kommt man den etablierten Platzhirschen natürlich immer wieder ins Gehege. Aber es ist nicht so, dass wir sagen: Da haben wir sowieso keine Chance, wir schauen gleich nur in der dritten Reihe.“

Zu zweit einen ganzen Verlag zu stemmen ist natürlich nicht möglich, noch dazu, wenn man noch andere Sachen auf dem Zettel hat – Beck kennt man vor allem als Krimiautorin (zuletzt erschien Die Lieferantin bei Suhrkamp), außerdem ist sie Übersetzerin, und das sind gerade mal ihre Haupttätigkeiten.

Verbündete gibt es dementsprechend einige. Zum Beispiel Klaus Schöffner, der bei Buchmessen gern mit am CulturBooks-Stand sitzt und alle, die ihm auch nur eine Minute zuhören, mit seiner Leidenschaft fürs Büchermachen ansteckt, und zwar das Büchermachen im ganz konkreten Sinn, er ist verantwortlich für die Herstellung. Mit anderen Worten: „Er faltet uns zusammen, er sagt, das ist verrückt, was ihr vorhabt, oder viel zu teuer“, sagt Zoë Beck. „Und dann geht er zu den Druckereien und faltet erst mal die zusammen. Wir sind sehr glücklich, dass wir mit ihm zusammenarbeiten.“

Formen der Zusammenarbeit können aber auch ganz niedrigschwellig zwischen Verlagen entstehen. Mit einer Reihe von Kurzgeschichtenbänden, die jeweils in einer bestimmten Stadt spielen und deren dunkle Seiten hervorheben, spannt sich ein weltweites Netzwerk auf, bei dem auch CulturBooks seit vergangenem Jahr mitmischt. Die Idee zur Reihe kam aus New York, von dem unabhängigen Verlag Akashic, der mit dem Slogan „Reverse-Gentrification of the Literary World“ für sich und seine Bücher wirbt – und der sich seine Nischen ein Stück abseits vom Geschmack der Massen sucht. Dort sind bereits über dreißig Noir-Anthologien erschienen, sie spielen in vielen nordamerikanischen Städten, aber auch in Tel Aviv, Beirut, Mumbai oder Helsinki. Dafür wird mit Partnerverlagen aus den jeweiligen Ländern zusammengearbeitet, die im Gegenzug dann Bücher aus der Reihe in Übersetzung herausbringen.

Mit den blutleeren Regionalkrimis (oder dem, was man hinter den beliebigen Covern eben so zu finden befürchtet) haben die Bände zum Glück nichts zu tun. Abgesehen davon, dass der Schauplatz im Mittelpunkt steht: „Die Stadt ist der Protagonist, wobei die Geschichten auf die unterschiedlichen Stadtviertel verteilt sind. Im besten Fall wird klar, was spezifisch für das Viertel ist, und am Ende hat man eine Art literarisches Stadtporträt, das eben nicht den üblichen Reiseführer-Spots folgt. Sondern den dunkleren Seiten – dem, was an Kriminalität und struktureller Gewalt in einer Stadt passiert“, erklärt Jan Karsten.

Berlin Noir ist für CulturBooks, nach einer Paris-Anthologie, der zweite Teil der Reihe. Im Herbst dann soll ein USA-Band erscheinen, mit einer Best-of-Auswahl der nordamerikanischen Städte-Noirs. Die Begeisterung, mit der die beiden Verleger von ihren Büchern, ihren Autoren sprechen, ist ganz unmittelbar zu spüren. Da muss man Zoë Beck nur auf die Autorin und Spoken-Word-Künstlerin Maggie Estep ansprechen, die – wie Jonathan Safran Foer, Dennis Lehane und Joyce Carol Oates – mit einer Story in USA Noir vertreten sein wird: „Vor fünfzehn, zwanzig Jahren habe ich ihren ersten Roman gelesen, der mich so was von verwirrt und umgehauen hat. Da krieg’ ich Herzklopfen.“

Für den Berlin-Band hat Thomas Wörtche die Auswahl getroffen, einer der profiliertesten Krimi-Kenner, -Kritiker und -Herausgeber im deutschsprachigen Raum. Als „Labyrinth der Möglichkeiten“ bezeichnet er Berlin in seinem Vorwort. Die Texte haben natürlich nicht die Aufgabe, einen Weg nach draußen zu zeigen, eher im Gegenteil: Mit jeder Story geht es ein Stück tiefer ins Labyrinth. Die dreizehn Erzählungen zeigen ebenso viele Schattierungen der Düsternis, die nicht zuletzt da entsteht, wo sonst besonders grelle Lichter leuchten, sei es auf der Fashion Week oder beim wöchentlichen Bingo-Spiel.

Bondage im Baumarkt

Die dekadente Grunewald-Episode der Freitag-Kolumnistin Ute Cohen etwa erzählt in süffisantem Ton von einem Libertin, der Blutwurst isst, de Sade liest und weiß, was wir schon lange ahnten: dass es das beste Bondage-Zubehör immer noch im Baumarkt zu kaufen gibt. In Max Annas’ Geschichte durchkreuzt ein Neuköllner Fuchs einen sorgfältig geplanten, aber halbherzig exekutierten Rachefeldzug. Die Thriller-Autorin Katja Bohnet hat eine Geschichte beigesteuert, genau wie Ulrich Woelk, Lesebühnen-Legende Robert Rescue und Susanne Saygin, deren Thriller-Debüt erst dieses Jahr erscheint.

Berlin besteht aus lauter kleinen Biotopen, entsprechend fällt die Mischung angenehm wildwüchsig aus. Auch Zoë Beck selbst hat für Berlin Noir eine Erzählung geschrieben. Die spielt nicht in dem ruhigen Westberliner Bezirk, wo sie lebt, sondern am Bahnhof Zoo, weil eben der Ort miterzählt und Dora in der gleichnamigen Story nirgends besser hingepasst hätte. Dora lebt auf der Straße. Die meisten von uns gehen täglich an obdachlosen Frauen vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Hier nicht, hier kann man das nicht. „Ich hatte schon zunächst vor, die Erzählung hier im Grünen spielen zu lassen, aber dann war das Thema Obdachlosigkeit gerade so präsent. Der Bahnhof Zoo ist ein krasser Ort, nach wie vor. Das wollte ich dann einfach machen.“ Letzteres kann man ruhig als programmatisch für den Verlag verstehen, der ja genauso unbeirrt sein Ding macht. Und die Bücher, die bisher dabei herausgekommen sind, zeigen: genau richtig so.

Die Bilder des Spezials

Gangster, falsche Prediger, jede Menge Psychopathen und Mafiosi, Korruption in Politik und Polizei – das waren die berüchtigten Schattenseiten von Los Angeles, der berühmten Stadt der Engel.

Der Goldrausch, die Ölindustrie, Traumfabrik Hollywood – L.A. lockte Darsteller, Glückssucher und Hochstapler an, die Stadtbevölkerung explodierte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, 1920 lebten in Los Angeles bereits 1,2 Millionen Einwohner. Dark City. The Real Los Angeles Noir (Taschen 2018, 480 S., dreisprachig, 75 €) zeigt den rasanten Aufstieg der Stadt in den 1920er bis 1950er Jahren. Der Band versammelt Fotos aus Archiven, Museen, vor allem aus dem spektakulären Privatbesitz des Kulturanthropologen und Grafikdesign- Experten Jim Heimann.

06:00 18.04.2018

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