OK, ja, Smiley

Migration „Nowhere Men“ und „Mein Akku ist gleich leer. Ein Chat von der Flucht“ verfolgen den langen Weg nach Europa
Jana Volkmann | Ausgabe 33/2015
OK, ja, Smiley
„Nowhere Men“ beruht auf Gesprächen mit irregulären Einwanderen

Foto: Joe Klamar/AFP/Getty Images

Wenn Biografien von Menschen untersucht werden, die ansonsten nur als Ziffer in Statistiken aufscheinen, ist oft vom Einzelschicksal die Rede. Einzeln, das klingt aber immer auch nach Sonderfall und Ausnahme. Und Schicksal, als wäre etwas ohne menschliches Zutun geschehen, vom Zufall oder anderen hohen Mächten gelenkt.

In Christoph Milers Band Nowhere Men ist nicht von Einzelschicksalen die Rede, auch wenn der 1988 geborene, in der Schweiz lebende Autor und Designer den Blick durchaus auf Individuen richtet. Seine protokollartig festgehaltenen Lebensläufe beruhen auf Gesprächen, die Miler mit irregulären Einwanderen geführt hat. Nowhere Men erhebt jedoch keinen Anspruch auf dokumentarische Richtigkeit; vielmehr wurden die Lebensgeschichten fiktionalisiert und verdichtet, auch formal vereinheitlicht. Der Band zeigt sechs Menschen – unter anderem Ajar aus dem Irak, João aus Brasilien, Sissoko aus Mali oder Gulisa aus Georgien – jeweils in drei verschiedenen Stadien ihrer Migration: Daheim, Am Weg und im Neuland. Durch das Nebeneinander der Geschichten lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen, und Unterschiede: Die Gründe, zu fliehen, sind so verschieden wie die Wege, die in das Neuland führen, und wie die Arten, auf die die von Miler porträtierten Menschen dort empfangen werden.

Antrag abgelehnt

Miler betrachtet diese fiktiven Lebensläufe im Kontext globaler Ereignisse: Was hat der demografische Wandel mit der Geschichte von Devi zu tun, deren Asylantrag in der Schweiz abgelehnt wurde und die deshalb illegal als Haushaltshilfe arbeitet? Bilder von Hillary Clinton nach dem Wahlsieg, Statistiken über Wettessen in den USA (Rekord: fünf Kilo Cheesecake in neun Minuten), Nachrichten über die Gentrifizierung in Zürich, Überwachungsdrohnen und Obamacare verdeutlichen: Es geht hier nicht um Einzelschicksale, sondern um ein Geflecht aus individuellen Biografien und geopolitischen Entscheidungen, aus narrativen Berichten und journalistischen Meldungen. Durch die Collagetechnik entsteht eine Art Zoomeffekt. Die Erzählungen der Nowhere Men changieren zwischen detaillierten Nahaufnahmen der Protagonisten und großzügigen Long Shots, die sie in einen globalen Zusammenhang setzen. Dabei werden keine Scheinkausalitäten herbeispekuliert oder so lange vereinfacht, bis sie allzu offensichtlich erscheinen.

Milers Band wurde ursprünglich als Abschlussarbeit im Fach Design an der Zürcher Hochschule der Künste eingereicht. Das sieht man dem Buch auch an. Es ist aufwendig gestaltet, man ist versucht zu sagen: stylish. Die Typografie ist etwas fürs Auge, das Papier etwas für die Fingerspitzen. Text und Illustrationen greifen ineinander. Eine Crowdfunding-Kampagne hat die Veröffentlichung beim Wiener Luftschacht-Verlag ermöglicht.

Wesentlich unmittelbarer ist das Chat-Protokoll zwischen der Kulturwissenschaftlerin Julia Tieke und dem syrischen Flüchtling Faiz. Mein Akku ist gleich leer. Ein Chat von der Flucht ist kürzlich bei Mikrotext erschienen, einem Berliner Verlag, der sich auf kurze, aber nicht zwanghaft kurzweilige E-Books spezialisiert hat. Faiz droht in Syrien die Ermordung durch den IS. Auf seiner Flucht nach Europa ist er immer wieder in Kontakt mit Julia Tieke. Ihr Chat lässt erahnen, was es heißt, nach Europa zu fliehen, Hunderte Kilometer zu Fuß, Verhaftungen durch die Polizei und Nächte im Wald – die permanente Angst, die Gefahren, die Feindseligkeit und die enorme Unsicherheit werden in knappen, nüchternen, oft gehetzten Worten beschrieben. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll,“ schreibt Julia Tieke an einer Stelle, man selbst wüsste es genauso wenig. Oft sind die Nachrichten nur ein schnelles „OK“, ein „Ja“, ein Smiley. Gerade daran merkt man, wie wichtig der Kontakt für Faiz ist und das Wissen, auf der Flucht nicht vollkommen allein zu sein. Der Text macht hilflos, aber auch wütend, immer mehr, bis zum letzten Satz.

Im Flüchtlingslager Traiskirchen, 20 Kilometer von Christoph Milers Geburtsort Wien entfernt, schlafen momentan über 2.000 Menschen unter freiem Himmel, weil es an Schlafplätzen fehlt. Auch das ist kein Einzelfall.

Info

Nowhere Men Christoph Miler Luftschacht 2015, 320 S., 23,20 €

Mein Akku ist gleich leer. Ein Chat von der Flucht Faiz, Julia Tieke Mikrotext 2015, 1,99 €

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06:00 26.08.2015

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