Widerstand als kreativer Akt

Literatur Das Buch „Young Rebels“ von Christine und Benjamin Knödler porträtiert 25 junge Aktivistinnen und Aktivisten
Widerstand als kreativer Akt

Illustration: © Felicitas Horstschäfer

Kinder und Jugendliche dürfen nicht wählen und haben wenig Mitbestimmungsrechte, wenn es um die Gestaltung der sozialen Verhältnisse geht. Das heißt aber nicht, dass sie nicht politisch handeln und an den bestehenden Strukturen rütteln können. Unerschrocken und unter teils großen persönlichen Risiken übernehmen viele junge Aktivist*innen Verantwortung für all die Missstände, für die ihre eigene Generation am wenigsten kann. Young Rebels stellt 25 von ihnen vor. Einige Namen kennt man schon: die pakistanische Aktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai etwa, die sich für Bildungsgerechtigkeit und Kinderrechte engagiert. Dafür wurde sie der Schule verwiesen, die Taliban riefen zum Mord an ihr auf. 2012 wurde sie bei einem Attentat schwer verwundet. Aber auch viele Überraschungen sind dabei – und einige Beispiele dafür, dass es in der Geschichte immer wieder junge Rebell*innen gab, nicht erst in der Gegenwart. Der Journalist Benjamin Knödler, Online-Redakteur des Freitag, hat den Band gemeinsam mit seiner Mutter geschrieben, der Publizistin Christine Knödler. Illustriert wurden die Young Rebels von Felicitas Horstschäfer. Gestalterisch und konzeptionell knüpft das Buch an die Good Night Stories For Rebel Girls an, einen weltweiten Jugendbucherfolg, der hundert engagierte Frauen porträtiert. Die Young Rebels richten sich an dieselbe Altersgruppe ab zehn Jahren aufwärts; aber die Geschichten sind länger und werden in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt.

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Zweifellos dient Young Rebels auch ein wenig der Agitation, jedenfalls ist das Buch eine Einladung, den eigenen Handlungsspielraum nicht zu eng abzustecken. Wenn man die unterschiedlichen Biografien liest, merkt man, dass vielen der Jugendlichen ihr Rebellentum nicht einfach so zugeflogen ist oder in die Wiege gelegt wurde. Nicht alle haben so viel familiären Rückhalt bekommen wie Louis Braille, dessen Eltern nicht hinnehmen wollten, dass ihr Sohn wegen seiner Sehbehinderung lebenslang ausgegrenzt wird. Als Jugendlicher hat er die nach ihm benannte Blindenschrift entwickelt. Es sind auch Geschichten von Resilienz und vom Hinauswachsen über die Umstände.

Ikonen und Hype

Das Spektrum, in dem sich die Jugendlichen engagieren, ist groß. Klima- und Umweltschutz spielen eine große Rolle, ebenso Bildung und Kinderrechte, es gibt feministische und antirassistische Interventionen. Aber auch die Formen des Protests sind vielfältig. Manche arbeiten ganz im Stillen, andere nutzen ihre künstlerischen Talente, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Widerstand ist eben immer auch ein kreativer Akt. Die porträtierten Jugendlichen leben über den gesamten Globus verstreut und wachsen in verschiedenen politischen und kulturellen Verhältnissen auf. Im autoritären thailändischen Schulsystem bestimmen die Lehrer*innen sogar über den uniformen Bürstenhaarschnitt ihrer Schüler*innen. Einer von ihnen, Netiwit Chotiphatphaisal, wollte wissen, warum das so ist, und wurde postwendend zum Direktor beordert. Er setzt sich seither für eine Bildungsreform ein – und nicht zuletzt auch für kritisches Denken.

So sehr hier die ikonischen Figuren aktueller und historischer Protestbewegungen im Mittelpunkt stehen, beim Lesen wird deutlich, dass hinter ihnen oft Verbündete und Gemeinschaften stehen. „Auch das gehört zu unserer Zeit“, heißt es im Buch, „dass der Hype um eine Person so groß wird, dass das eigentliche Anliegen aus dem Blick gerät.“ Knödler und Knödler gelingt der Balanceakt, den Protesten Gesichter und Namen zu geben, diese aber nicht zu bloßen Pop-Ikonen abzuflachen. Besonders gut ist, dass auch Kollektive den Weg ins Buch gefunden haben: etwa Barney Mokgatle, Tsietsi Mashinini und Selby Semela. Die drei Aktivisten hatten als Schüler in den 1970er Jahren in Soweto Streiks und Proteste gegen eine Schulreform organisiert, bei der Afrikaans als Unterrichtssprache festgelegt werden sollte. Bei den friedlichen Protesten kam es zu enormer Polizeigewalt gegen die Schüler*innen, es gab Hunderte Todesopfer. Schließlich wurden den schwarzen Schüler*innen im Bildungssystem nach und nach mehr Rechte zugestanden.

Man kann das Buch durchaus auch als eines über die Geschichte des Widerstands lesen: dass etwa Schulstreiks als Form politischen Protests nicht erst seit Greta Thunberg existieren, lernt man nebenbei. Greta ist natürlich auch ein Porträt gewidmet, das vor Augen führt, wie klein es mal angefangen hat – mit der Angewohnheit, zu Hause bei jeder Gelegenheit das Licht auszuschalten, um Strom zu sparen.

06:00 23.05.2020

Ausgabe 22/2020

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