Jan Greve
01.07.2014 | 16:59 2

Mit Karl Marx im alten Supermarkt

Ausstellung In Berlin hat ein "Museum des Kapitalismus" eröffnet. Es setzt auf Interaktivität und Beispiele zum Anfassen. Aber es hat auch selbst mit Widersprüchen zu kämpfen

Kapitalismuskritik hat sich in den letzten Jahren etabliert. Selbst in den Feuilletons konservativer Zeitungen finden sich Stimmen, die enthemmte Finanzmärkte geißeln und den Verlust des Bezugs zur Realwirtschaft beklagen. Dagegen steht die Feststellung, dass sich der Kapitalismus in der nahen Zukunft als Wirtschaftsmodell und gesellschaftliches System kaum verabschieden wird. 

Ausgehend von diesem Spannungsverhältnis hat sich ein Kollektiv in Berlin mit der Frage beschäftigt, wie die Mechanismen des Kapitalismus jenseits der sehr intellektuell geführten Debatten einfach zu erklären sind. Das Ergebnis ist ein Museum des Kapitalismus, das zu Beginn als temporäre Ausstellung in Berlin-Neukölln besucht werden kann. Auf den knapp 200 Quadratmetern einer ehemaligen Supermarktfiliale finden sich verschiedene Exponate, die sich mit den Auswirkungen kapitalistischer Strukturen im alltäglichen Leben beschäftigen.

Am vergangenen Freitag war die Ausstellung erstmals im Rahmen des Berliner Kunstfestivals „48 Stunden Neukölln“ geöffnet. Dass  sie innerhalb der ersten Stunden und Tage stets gut gefüllt waren, erklärt sich vielleicht auch durch die vermeintliche Widersprüchlichkeit des Projekts. Aus Sicht der kapitalismuskritischen Initiatoren ist ein Museum ein Ort, an dem die Welt aus der herrschenden Perspektive präsentiert wird. Dagegen wollen sie ein „Museum von unten“ setzen, das auf Interaktivität, Offenheit und Diskussion wert legt.

Kapitalismus zum Anfassen

Wie werden Waren im Kapitalismus produziert, woraus ergibt sich die Höhe des Lohns oder was bedeutet es, dass Wohnungen auf einem Markt gehandelt werden? Antworten auf diese und weitere Fragen sind nicht in ellenlangen Texten nachzulesen, sondern durch spielerische Elemente und im Gespräch mit anderen Besuchern zu erfahren.

Das Projekt richtet sich auch an Kinder und Jugendliche, die beispielsweise im simulierten Wettstreit untereinander darum ringen, die von ihnen produzierten Waren gewinnbringend auf dem Markt zu verkaufen. Dass das nicht jedem Unternehmen gelingt und es neben Gewinnern auch Verlierer gibt, mag wie eine banale Feststellung wirken. Mit der Darstellung von ungleichen Ressourcen im Arbeitskampf durch eine Waage oder dem Aufzeigen von Produktionswegen einzelner Waren durch das Scannen der dazugehörigen Barcodes wird Kapitalismuskritik nicht neu erfunden. Sie erfüllt aber ihren Zweck: Kinder kommen ins Grübeln und Erwachsene diskutieren miteinander.

Auch die Funktion von Geld innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaft wird verhandelt. Verschiedene Waren wie Fahrrad, Buch oder Smartphone werden nebeneinandergestellt, wobei deren Wert durch die jeweils anderen Produkte dargestellt wird. Die Erkenntnis, wie viele Bücher ein einziges Smartphone wert ist, versetzt manch einen Besucher in ungläubiges Staunen. Dass das dabei genutzte Buch den Titel Das Kapital trägt, ist selbstverständlich kein Zufall – das Verständnis von Waren, Wert und Arbeit erinnert an die Begrifflichkeiten von Karl Marx.

Im Zentrum der Aufwertung

Das Museum des Kapitalismus ist aber mehr als eine plastische Darstellung marxistischer Theorie, das beweisen auch die Ausstellungsstücke, die sich mit dem besonders in Neukölln aktuellen Thema der kapitalistischen Stadt beschäftigen. Fragen nach den Folgen von Aufwertung ganzer Stadtteile und damit einhergehender Verdrängung alteingesessener Bewohner sind vor dem Hintergrund des Kunstfestivals „48 Stunden Neukölln“ besonders relevant. Der Stadtteil war eine Zeit lang durch die berüchtigte Rütli-Schule und Aussagen des SPD-Bezirksbürgermeisters und Sarrazin-Weggefährten Heinz Buschkowsky als sozialer Brennpunkt in den bundesweiten Fokus gerückt.

In den letzten Jahren prägten klassische Gentrifizierungsprozesse das Gesicht des Stadtteils. Projekte des sogenannten Quartiersmanagements sollen das Image Nord-Neuköllns aufhübschen und aus einer armen, dreckigen Gegend einen kreativen Ort der Multikulturalität werden lassen. „48 Stunden Neukölln“ ist dafür insofern sinnbildlich, als dass sich hier die vermeintlich hippe und subalterne Künstlerszene ein Podium geschaffen hat, durch das Neukölln als etwas Neues wahrgenommen wird, wodurch der Platz für Alteingesessenes abhanden kommt. Die Veranstalter des Festivals zeigen sich zwar von den gegen sie erhobenen Vorwürfen irritiert und verweisen auf Projekte, die sich kritisch mit Gentrifizierung und Kapitalismus auseinandersetzen. Dennoch bleibt der Widerspruch zwischen erklärtem Selbstverständnis und tatsächlichem Wirken.

Mit der Entscheidung gegen das Aufhängen der markanten „48 Stunden Neukölln“-Fähnchen oder die Teilnahme am Imagefilm distanzieren sich die Initiatoren des Museums des Kapitalismus von dem Kunstfestival, wenn sie auch in dessen Programmheft erscheinen. Widersprüche finden sich eben nicht nur innerhalb des Systems des Kapitalismus.

Museum des Kapitalismus, 27.06. - 15.07.2014, Böhmische Straße 11, 12055 Berlin

Kommentare (2)

knattertom 02.07.2014 | 13:26

Vielen Dank für diesen Beitrag, gerne gelesen!

Ich werde Freunde und Bekannte in Bärlin auf diese Ausstellung hinweisen.

"Die Erkenntnis, wie viele Bücher ein einziges Smartphone wert ist, versetzt manch einen Besucher in ungläubiges Staunen."

Lol, und die funktionieren tatsächlich auch ohne Strom, zumindest tagsüber.....

Widersprüche finden sich eben nicht nur innerhalb des Systems des Kapitalismus.

Die tragen wir als Menschen wohl alle mit uns herum, von daher werden sie auch in jedes von uns konstruiertes System mit einfliessen.

48 Stunden Neukölln 15.07.2014 | 14:33

Erwiderung auf die Kritik am Festival 48 Stunden Neukölln

48 Stunden Neukölln entwickelt sich zu einem Kunstfestival mit einer inhaltlichen Ausrichtung. Es ist Berlins größtes dezentrales Festival und 1999 aus dem Geist entstanden, dass mit künstlerischen und kulturellen Initiativen das Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer und gesellschaftlicher Gruppen in einem Berliner Bezirk, der seit den 1990er Jahren von den Mehrheitsmedien als gewaltbereites Ghetto stigmatisiert wurde, bereichert werden kann.

Die Geschichte des Festivals ist voller Widersprüche. Aber andere als dieser Artikel ausmacht. Dieses Festival ist eine Initiative von unten und keine politisch motivierte Stadtteilaufwertungsveranstaltung. Es durchlebt seit 16 Jahren eine beständige Erfolgs- und Misserfolgsgeschichte zu gleichen Teilen.

Erfolgreich ist es in dem Sinne, dass es eine Plattform für innovative, querdenkende und nicht immer leicht konsumierbare Kunst ist, eine Kunst die häufig nicht im Kunstmarkt vorkommt und vorkommen soll. Und es ist vor allem als Erfolg zu werten, dass die Strategie der „offenen Türen“ Wirkung zeigt, denn jedes Jahr finden mehr als 60.000 Menschen, die mehrheitlich nicht den Bildungs- und Kultureliten angehören, ihren Weg an Orte künstlerischen und kulturellen Schaffens.

Ein Misserfolg besteht in der jährlich wiederkehrenden Bedrohung, dass dieses Festival sang- und klanglos untergeht. Medial oft belächelt und als buntes Straßenfest abgetan und mit einem Einzelprojektetat finanziell prekär aufgestellt, muss diese Veranstaltung für die freie Kunstszene Jahr für Jahr um ihr Fortbestehen kämpfen. Es ist allein der Kraft der vielen ehrenamtlich arbeitenden Künstler*innen zu verdanken, dass dieses Festival überhaupt noch existiert. Noch überwiegen die Erfolge, denn durch das Festival wird eine ganzjährige Kunst- und Kulturarbeit in Neukölln bestärkt und in der Bevölkerung publik gemacht. Hier finden Annäherungen und Kooperationen zwischen den unterschiedlichsten Kulturen statt. Das Festival wirkt wie ein Brennglas, um diese Prozesse sichtbar zu machen.

Der Vorwurf, dass das Festival unreflektiert als Speerspitze der Gentrifizierung fungiere, diese Jahr für Jahr weiter treiben würde, überschätzt die Wirkung und auch die Möglichkeiten eines Kunstfestivals. Es ist nicht weder verantwortlich zu machen für den Zuzug bestimmter Gruppen, noch für die zunehmende Bau- und Sanierungstätigkeit. Vielmehr sind dafür andere Faktoren ausschlaggebend, wie die zentrale innerstädtische Lage, die Schließung des Flughafens Tempelhof und damit verbundene Investorenstrategien, sowie die Wanderbewegungen einer jungen europäischen Generation ohne Job und Zukunft in ihren Heimatländern.

Zudem ist stellt die hier formulierte Vorwurfshaltung ebenfalls eine Stigmatisierung dar – nur diesmal unter dem Label „hippes Neukölln“, das den hiesigen sozialen Realitäten ebenso wenig gerecht wird.

Aufgrund fehlgeleiteten und unverhältnismäßigen Kritiken wie dieser sehen sich Künstler*innen einer zunehmenden Diskriminierung ausgesetzt, obwohl sie ebenfalls die Gentrifizierungsprozesse, von denen sie selbst betroffenkritisieren. Aus erster Hand berichten Künstler*innen im Festival über diese Phänomene, sensibilisieren und reflektieren sie mit den Mitteln ihrer Kunst.

Zudem ist der in diesem Artikel angesprochene Widerspruch zwischen Selbstverständnis und Wirkung der 48 Stunden Neuköllnnicht zutreffeas Festival ist eben nicht Aufwertungs-, Werbe- und Partyveranstaltung, sondern ein soziokulturelles, freies Kunstfestival, das Stellung zu gesellschaftlichen Phänomenen und Prozessen bezieht und künstlerischem Arbeiten die Wertschätzung entgegenbringt, die sie verdient.

Es ist bedauerlich, dass sich die Kritik wiederholt an Künstler*innen und Festivalorganisator*innen richtet. Der erhobene Vorwurf einer mangelnden Bewusstheit verkürzt und simplifiziert die Gentrifizierungsdebatte. Er blendet vor allem eine Kritik an der medialen Berichterstattung über den Bezirk und der Party- und Clubszene aus, für die das Festival nicht verantwortlich gemacht werden kann. Das Festivalteam hätte sich einen frühzeitigen fairen Dialog auf Augenhöhe mit dem Museum für Kapitalismus gewünscht und hat dies in einem persönlichen Gespräch mit den Projektbeteiligten auch formuliert.