„Danke, aber ich kann mir das Medikament nicht leisten“

Armutsbetroffen Fehlender Fiebersaft, keine Antibiotika: Viel wird derzeit über den Medikamentenmangel geschrieben. Unsere Autorin kann sich Schmerzmittel und Nasentropfen jedoch schon lange nicht kaufen – und ruft Ärzte zu mehr Sensibilität auf
Manche gut gemeinten Rezepte sind leider zu teuer
Manche gut gemeinten Rezepte sind leider zu teuer

Foto: Imago/Yay Images

Es ist Winter, durch die Stadt laufen dick angezogene Menschen mit laufenden Nasen. Wie schwer ist es sich vorzustellen, dass jeder fünfte bis sechste von ihnen armutsbetroffen ist? Wir sprechen jetzt über den Medikamentenmangel, doch schon vorher sind Medikamente, die nicht voll von der Kasse übernommen werden, für uns Armutsbetroffenen nicht drin. Nicht drin, das heißt: Wir können sie nicht kaufen, also nehmen wir sie nicht. Nasentropfen zum Beispiel.

Natürlich riskieren wir damit, noch kränker zu werden und nein, es ist nicht schön, eine Stirnhöhlenentzündung zu bekommen, weil man sich die Tropfen nicht leisten kann. Als meine Tochter Anfang des Monats krank wurde, fand ich Hustensaft und Nasentropfen im Angebot – und war so froh. Anfang des Monats war noch genug Geld dafür da. Und ja, das fehlt dann wieder am Ende :-/ Uns als Armutsbetroffene begleitet immer diese Frage: Wann ist es wirklich notwendig, Schmerzmittel zu kaufen und zu nehmen? Ich halte das noch aus, ich halte das noch aus ...

Wer armutsbetroffen ist, hat ohnehin eine höhere Hemmschwelle, zum Arzt zu gehen. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass einige Mediziner:innen und Arzthelfer:innen nicht situationssensibel sind. Es ist schwer, zu dem gut gemeinten, aber leider grünen Privatrezept zum Arzt zu sagen: „Danke, das ist nett, aber ich kann mir das Medikament nicht leisten.“ Ich finde manchmal solche Rezepte weggeworfen im Park.

Dass Armutsbetroffene nicht genug Geld für eine ausgewogene Ernährung haben, müsste spätestens seit der letzten Bürgergeld-Debatte durchgesickert sein. Für die Ernährung meiner Tochter bekomme ich ab Januar 4,54 Euro – nicht pro Mahlzeit, sondern pro Tag! Auch wenn Herr Cem Özdemir etwas anders behauptet (von wegen, der Regelsatz reiche aus, wenn „gewirtschaftet“ werde): Wir Armutsbetroffene können eben nicht gut einkaufen. Aber nur wenige geben zu, dass die schlechten Blutwerte daher stammen, dass es durch die gestiegenen Preise nicht mehr möglich ist, regelmäßig Obst und Gemüse zu kaufen. Äpfel sind plötzlich Luxusgut.

Also, liebe Mitarbeiter:innen im medizinischen Bereich: Bitte bleibt aufmerksam und situationssensibel, damit nicht anderen Menschen das passiert, was mir 2009 passiert ist.

Ich kam mit Nierenschmerzen in die Notaufnahme und es wurde festgestellt, dass meine Blutsalze aufgrund von mehreren Antibiotikagaben entgleist waren. Darauf bekam ich einen Tropf. Ich war sehr dankbar, dass man sich um mich kümmerte. Aber der diensthabende Arzt auf der Station versuchte dann, mir klarzumachen, dass ich deshalb nicht gleich hätte ins Krankenhaus kommen müssen. Und überhaupt sei ich ja nur im Krankenhaus, damit ich nicht allein zu Hause hocke, da ich Hartz IV beziehe und mich am Wochenende hier auf der Station durchfressen wolle. Das war für mich ein Schock. Ich habe ihm später einen Brief geschrieben – ob er ihn gelesen hat, weiß ich nicht.

Janina Lütt lebt mit ihrer Tochter in Elmshorn und bestreitet ihren Lebensalltag mit Erwerbsminderungsrente auf Hartz-IV-Niveau. Auf Twitter berichtet sie unter #ichbinarmutsbetroffen über ihren Alltag, ihre Depression und ihre Armut. Hinter dem Hashtag steht inzwischen eine bundesweite Initiative, lesen Sie selbst: #ichbinarmutsbetroffen @armutsbetroffen

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