Happy Bürgergeld: Endlich kein Hartzer mehr, endlich Bürgerin!

Armutsbetroffen Seit dem 1. Januar ist Hartz IV offiziell abgeschafft und das Bürgergeld eingeführt. Unsere Autorin rechnet nach, was das für ihren Geldbeutel bedeutet. Sind es wirklich 53 Euro mehr?
Ausgabe 01/2023
Neues Jahr, Grund für Freudenfeuerwerke? Für Bürgergeldempfänger:innen gilt das nicht
Neues Jahr, Grund für Freudenfeuerwerke? Für Bürgergeldempfänger:innen gilt das nicht

Foto: picture alliance/dpa Themendienst

2023 ist da: Jetzt bekomme ich endlich Bürgergeld. Ich bin jetzt also „Bürger“ und kein „Hartzer“ mehr, obwohl... der einzige Harzer, den ich kenne, ist eh nur eine Käsesorte. Und eigentlich bin ich ja Bürgerin. Und jetzt auch: Bürgergeldempfängerin.

Gut, als Bürgergeldempfängerin feiere ich natürlich total, dass ich ganze 53 Euro mehr für mich zur Verfügung habe. Was für ein Luxus! Darin enthalten sind ganze 40,74 Euro für Stromkosteneine beachtliche Steigerung von 2,76 Euro zu Hartz IV. Leider bezahlte ich für Strom schon im vergangenen Jahr 69 Euro. Von den 53 Euro mehr Bürgergeld bleiben mir also nur knapp 24,74 Euro mehr. Das gleicht nicht einmal die Inflation aus. Aber das wissen Sie ja längst alles.

Angst vor Schimmel und Stromkosten

Wie viel zahlen Sie eigentlich so monatlich für Strom? Haben Sie einen Wasserboiler? In meiner vorigen Wohnung hatte ich drei davon. Drei Elektroboiler. Einen in der Küche und zwei im Badezimmer. Das Badezimmer bestand aus einer Toilette, einer Badewanne mit Duschvorrichtung und einem Waschbecken. Es war eine Sozialwohnung in einem Plattenbau. Vom Investor vernachlässigt, sodass der Wind durch die Ritzen pfiff, das Fenster bei Sturm sich bog und der Balkon schimmelte. Ich habe fünf Jahre darin gewohnt und habe in den fünf Jahren nur dreimal in der Wanne gebadet, weil ich Angst vor den Stromkosten hatte. Ja, damals schon. Ich habe hauptsächlich Ganzkörperwäsche mit einem Waschlappen am Waschbecken gemacht. Ja, das freut den Herrn Winfried Kretschmann jetzt, oder? Auch beim Heizen hatte ich Sorge, denn das System war veraltet, es zirkulierte Luft und Rostwasser in den Heizkörpern. Es waren fünf Jahre der Angst vor Schimmel und Stromkosten. Da die Wohnung für mich und mein Baby zu klein war, musste ich umziehen. Ich habe Glück gehabt und eine herzensgute Vermieterin gefunden, die eine erwerbslose alleinerziehende Mutter und ihr Kind annahm ohne Vorurteile. Das ist nicht selbstverständlich in unserem reichen Deutschland.

Diese Wohnung ist nun Geschichte, wie Hartz IV. Jetzt ist 2023, blicken wir nicht zurück, blicken wir nach vorne! Also auf die explodierenden Strompreise. Wie viel wird Entlastungspaket der Bundesregierung auffangen? Das wird sich zeigen, auch auf Ihren Konten, in unserer Gesellschaft. Für uns Armutsbetroffene ist die Katastrophe längst eingetreten. Und auf die Ankündigung der neuen Abschlagszahlungen warte ich mit Bangen. Hoffentlich ist er nicht so hoch, dass ich mich entscheiden muss: Strom bezahlen oder Lebensmittel kaufen. Hoffentlich verhindert die Strompreisbremse diese Entscheidung.

Wir Armutsbetroffenen haben keine Lobby

Ich habe Angst an diesem 1. Januar: Angst vor der sozialen Katastrophe, die auf uns zukommt. Denn zwar haben wir uns 2022 organisiert, wir Armutsbetroffenen, aber wir haben noch immer keine Lobby, wir schicken niemanden schick essen mit den Abgeordneten, wir verschicken keine coolen #Armutsbetroffen-Jahreskalender oder Kugelschreiber, und es interessiert sich niemand groß für uns, auch 2023. Zum Glück muss ich in diesem Jahr keine neue Wohnung suchen, zum Glück ist meine 1 1/2-Zimmer-Wohnung mit Küche, Esszimmer, Schlafzimmer und Büro vereint in meinem Zimmer und Hochbett und Schreibtisch im Kinderzimmer für mich und die Maus so klein, dass sie als angemessen gilt. Denn wer eine neue Wohnung suchen muss, die das Jobcenter als angemessen anerkennt, der sucht lange.

Leider ist der soziale Wohnungsbau seit Jahren vernachlässigt worden, sodass es immer weniger Sozialwohnungen gibt. Und trotzdem muss sich eine neue Wohnung suchen, wer arbeitslos wird, weil das Jobcenter spätestens nach einem Jahr nur noch die Miete für eine angemessene Größe bezahlt – und, danke CDU, die Heizkosten schon ab diesem Januar nur in angemessener Höhe. So zahlen auch 2023 viele Armutsbetroffene einen Teil ihrer Miete von ihrem Regelsatz. Was bedeutet, dass von den 4,54 Euro, die ein Kind pro Tag für Ernährung bekommt, noch weniger übrig bleibt.

Wir Armutsbetroffenen tanzen am Abgrund der drohenden Stromsperre oder Wohnungslosigkeit. Aber die 53 Euro Erhöhung reichen ja aus, stimmt's? Darin wenigstens sind sich die Regierenden einig. Und wer bin ich schon, das zu beurteilen...

Janina Lütt ist armutsbetroffen, sie bestreitet ihre Leben für sich und ihre Tochter mit Erwerbsminderungsrente auf Bürgergeld-Niveau. In ihrer monatlichen Kolumne berichtet die 46-Jährige über den Alltag mit zu wenig Geld, über die Sozialpolitik aus der Perspektive von unten, über den Umgang mit ihrer Depression und über das Empowerment durch das Netzwerk #ichbinarmutsbetroffen: @armutsbetroffen

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