Der anonyme Strich

Zeichnen In dieser Ausstellung von Zeichnungen bleiben die Urheber solange anonym, bis das Werk verkauft ist. Eine vergnügliche und ungewöhnliche Kunsterfahrung
Der anonyme Strich
Die Einladungskarte zur Ausstellung

Illsutration: Anke Becker

In einem riesigen Raum der „Uferhallen“ in Berlin-Wedding hängen an farbigen Wänden Zeichnungen in größeren und kleineren Gruppen. Es gibt keine übergeordneten Themen, allenfalls recht lose formale Kriterien für die Zusammenstellungen. Weder Titel noch die Namen der Zeichner sind zu sehen. Einfach nur genau 800 bezeichnete Blätter.

Das Projekt "Anonyme Zeichner" der Berliner Künstlerin Anke Becker gibt es seit 2006, es wurde bisher in zehn Ausstellungen präsentiert. Die Zeichnungen werden aus Einsendungen aus nahezu allen Teilen der Welt ausgewählt. Bisher haben sich um die 5.000 Künstler und Laien an dem Projekt beteiligt. Die Zeichnungen werden anonym präsentiert und erst im Falle des Verkaufs werden die Urheber bekanntgegeben, in dem sie an die Stelle an der Wand geschrieben werden, an dem zuvor die Zeichnung hing.

Zwei Dinge sind bestechend an dem Konzept: Zum einen die assoziative Hängung, bei der eher wage Ordnungsprinzipien wie Kreis, Paar oder Natur Pate standen. Die Unterschiedlichkeit der Darstellungsweisen wird hier ganz deutlich, die unendlichen Möglichkeiten ein Haus, einen Baum, eine Stimmung darzustellen; eine Fläche zu ordnen, einen Raum zu erfinden.

Zum anderen die Tatsache, dass es sich um Zeichnungen unterschiedlichster Autorenschaft handelt: die Bilder von Professionellen und Laien (auch Kinder) werden nebeneinander präsentiert. Doch das scheinbar so Eindeutige wird immer uneindeutiger, je länger man die einzelnen Bilder und die Zusammenstellungen betrachtet. Man beginnt, das schnelle Urteil noch mal zu hinterfragen: Ist das jetzt ein kindlicher Strich oder einfach bewusst-naiv gezeichnet? Ist das bis zum Rand akribisch ausgemalte Blatt zwanghaft oder formal dicht? Ist der liebevoll gestrichelte Pudel ernst gemeint oder ironisch?

Die Ausstellungsreihe Anonyme Zeichner spiegelt das ganze Spektrum an Nuancen, Stimmen und Tönen, die das Medium bietet. Für den Einheitspreis von 150 Euro kann man das Werk eines Kindes, eines Laien oder eines Künstlers mitnehmen. Sowie die Erkenntnis, dass die Autorenschaft für die Qualität der Arbeit nebensächlich ist.

Anonyme Zeichner, Ausstellung und Benefizverkauf, 10. - 19. Dezember 2010, täglich 12 - 20 Uhr, Uferhallen, Uferstrasse 8 - 12, 13357 Berlin-Wedding, Eintritt frei.

Zur Ausstellung ist ein Wochenkalender "Anonyme Zeichner 2011" mit 53 farbig abgebildeten Zeichnungen erschienen. Erhältlich für 20 Euro in der Ausstellung und online unter www.bluetenweiss-berlin.de.

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18:25 12.12.2010

Ausgabe 39/2020

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