Vielleicht ist doch nicht alles alternativlos

Corona Ist das, was wir gerade in der Krise erleben, paradoxerweise die Rückkehr der Politik? Und vielleicht sogar das Ende des Neoliberalismus?
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Vielleicht ist doch nicht alles alternativlos
Politik ist, was passiert, wenn wir unsere Gegenwart und den Lauf der Dinge grundlegend hinterfragen

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Für Jacques Rancière wäre das, was wir gerade in der Corona-Krise erleben, paradoxerweise die Rückkehr der Politik. Denn Politik hat für den französischen Theoretiker eine besondere Bedeutung. Sie ist das, was passiert, wenn wir unsere Gegenwart und den Lauf der Dinge grundlegend hinterfragen. Was wir herkömmlicher Weise als Politik bezeichnen, ist für Rancière bloß die Verwaltung des Gegebenen und zwar mit den Mitteln und Handlungsmustern, die wir bereits kennen. Rancière nennt das in der Tradition der deutschen Staatswissenschaft nicht Politik, sondern Polizei. Wirkliche Politik ist im Gegensatz zur polizeilichen Verwaltung der Dinge etwas, das nicht dauernd geschieht, sondern nur in Situationen, in denen der Lauf der Dinge grundlegend aus den Fugen gerät. Genau das ist es, was im Moment in der Corona-Krise geschieht. Und genau deshalb erleben wir gerade tatsächlich die Rückkehr der Politik.

Was ist nicht alles innerhalb von wenigen Wochen möglich geworden? Riesige Staatsinterventionen in Milliardenhöhe, laute Kritik an dem Zusammensparen von Gesundheits- und Sozialsystemen, Unternehmensinteressen, die plötzlich weniger zählen als das Wohlergehen der Bevölkerung. Das ist vor allem deshalb so ungewohnt, weil es dem seit den 1980ern gepredigten neoliberalen ‚there is no alternative‘ so vollkommen widerspricht. There is – scheinbar doch – an alternative. Es ist möglich und sogar notwendig, anders zu handeln, als wir es die letzten 30 Jahre eingeübt haben.

Das als Politik zu bezeichnen, ist paradox, weil die Corona-Pandemie etwas schafft, was viele Jahre linker Politik nicht gelungen ist: Den neoliberalen Konsens grundlegend in Frage zu stellen. Die Corona-Pandemie ist eine Krise, die als natürliches Ereignis über uns kommt und nicht das willentliche Produkt einer bestimmten Politik ist. Im Gegensatz etwa zu 1968, das ebenfalls den politischen Lauf der Dinge grundlegend veränderte, ist die Corona-Pandemie ein Ergebnis des Zufalls. Ein Unglück. Aber es ist ein Unglück, das unsere soziale und politische Welt nachhaltig verändern wird. Es wird zumindest politisch keinen ‚alten Normalzustand‘ mehr geben. Und der ‚neue Normalzustand‘ – so hat der Kanzler von Österreich Sebastian Kurz das bezeichnet – steht genau jetzt zur Debatte.

Der neoliberale Konsens und die Dritte-Weg-Sozialdemokratie sind schon lange am Ende. Die ganze Welt kann jetzt sehen, vor welchen zwei Alternativen wir stehen. Das eine Vorbild sind Länder wie China und Singapur, die nicht ohne Grund als ‚gute Beispiele‘ in der Corona-Krise herhalten. Sie folgen dem Typ des autoritären Neoliberalismus, den auch Figuren wie Orban, Trump und Johnson predigen. Die amerikanische Politiktheoretikerin Wendy Brown nannte diesen Typ kürzlich etwas scherzhaft den ‚Frankenstein des Neoliberalismus‘. Die Antwort dieses Frankensteins auf die Corona-Krise ist lean, sie ist günstig und wirtschaftsfreundlich. Sie funktioniert vor allem dank Überwachung und einer riesigen elektronischen Kommunikationsautokratie, die den einzelnen in Sekundenschnelle sortiert und gegebenenfalls zu Hause einsperrt. Diese Antwort auf die Krise steht bereits in den Startlöchern und zeichnet sich mit den viel diskutierten Corona-Apps auch in Deutschland ab, wenngleich aktuell noch die Freiwilligkeit der Nutzung hochgehalten wird.

Eine mögliche Antwort auf die Corona-Krise weist in die Zukunft

Die andere Antwort auf die Corona-Krise ist diffuser, aber sie ist da: Sie weist in eine Zukunft, in der wir sehr viel mehr Geld ausgeben müssen für das, was sich jetzt als wirklich wichtig erweist: Gesundheitssystem, Pflege, Bildung, Versorgung mit gesunden Lebensmitteln. Diese Antwort ist im Gegensatz zum autoritären Weiter-so des Frankensteins eine radikale wirtschaftliche Neuorientierung. Die durch die Covid19-Erkrankung jetzt dringend benötigten Beatmungsgeräte stehen symbolisch für all das, was diese empfindlichen gesellschaftlichen Institutionen schon seit Jahren benötigen: Personal, Geräte, Medikamente und Gebäude, die nicht zusammenfallen. Diese andere Antwort ist im Gegensatz zum autoritären Neoliberalismus nicht günstig, sie ist nicht lean. Aber sie ist egalitär und würde die tatsächliche Freiheit der Bürger:innen beschützen.

Diese zweite Antwort weist aber auch in eine Zukunft, in der wir viel mehr Zeit zur Verfügung haben sollten. Überall werden wir jetzt zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen. Ja, gerne. Aber dafür brauchen wir – alle – Zeitressourcen. Schon wer im ‚alten Normalzustand‘ versucht hat, neben dem Job den gesellschaftlichen Imperativen zu folgen, die heute so herumschwirren – Ernähre dich gesund! Bilde dich weiter! Mache Sport! Bleibe entspannt! Kümmere dich um deine Familie! Triff deine Freunde! Engagiere dich politisch und gesellschaftlich! – der ist nicht selten, sondern regelmäßig verzweifelt. Im ‚neuen Normalzustand‘ reicht schon ein einziger Einkauf, um zu merken, dass wir jetzt für die einfachsten Dinge sehr viel mehr Zeit brauchen werden.

Statt 40 Stunden die Woche in Büros oder im Homeoffice an Präsentationen zu feilen, die keinen interessieren, oder in der Nachtschicht Dinge zu produzieren, die keiner braucht, wäre es vielleicht Zeit, eine sinnvollere und gerechtere Organisation der Arbeit zu suchen. Der Ethnologe David Graeber schätzt, dass bis zu 40 Prozent der Menschen in den westlichen Ländern so genannten ‚bullshit jobs‘ nachgehen. Das sind Jobs, bei denen selbst die Leute, die sie ausüben, davon überzeugt sind, dass sie keinen erkennbaren Nutzen für die Gesellschaft haben. Diese 40 Prozent erleben ihren Job als verschwendete Zeit. Das ist Zeit, die sich für das Engagement in der Gesellschaft oder im Stadtteil, zur politischen Bildung, zum Einkaufen entsprechend der Hygienevorschriften oder auch einfach nur zum Runterkommen nutzen ließe.

Es ist jetzt Zeit, gegen die Antwort, die der autoritäre Neoliberalismus auf die Krise gibt, aufzustehen und den radikalen Möglichkeitshorizont zu erkennen, den uns die Rückkehr der Politik bietet. Für Rancière wirft wirkliche Politik unsere ‚Aufteilung des Sinnlichen‘ durcheinander. Die Corona-Pandemie untergräbt unsere eingeübten Handlungsmuster und die Dinge, die wir bislang für wahr und möglich gehalten haben. Warum also sollten wir gerade jetzt weniger fordern als eine neue, gerechte und sinnvolle Organisation der Art und Weise, wie wir zusammen unsere Zeit und unsere Ressourcen einsetzen?

09:47 04.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Janosik Herder

Janosik Herder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsgebiet Politische Theorie der Uni Osnabrück. Er arbeitet zur Macht der Digitalisierung.
Janosik Herder

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