"Barriereabbau hilft jedem"

Interview Eine Online-Karte klärt über die Barrierefreiheit an öffentlichen Orten auf. Adina Hermann, Grafikerin bei den Sozialhelden, im Gespräch über Barrieren und Bewusstsein

der Freitag: Was ist die Wheelmap und wie ist die Idee dafür entstanden?

Adina Hermann: Die Wheelmap war eine Idee von Raul Krauthausen und Holger Dieterich. Die beiden wollten eines Tages spontan mal in irgendein neues Café gehen und dabei fiel ihnen auf, dass es für den deutschsprachigen Bereich keine App oder Website gab, die über rollstuhlgerechte Orte informierte. Und so entstand dann 2010 die Online-Karte.

Und wie funktioniert das Ganze?

Die Wheelmap baut auf der OpenStreetMap auf, jeder kann mitmachen, wie bei Wikipedia, und Informationen zur Zugänglichkeit von Orten zu der Karte hinzufügen. Dabei benutzen wir ein Ampelsystem: Grün heißt „rollstuhlgerecht“, Orange „teilweise rollstuhlgerecht“ und Rot „nicht rollstuhlgerecht“. Grau sind Orte, über die noch keine Informationen vorliegen. Zudem können NutzerInnen angeben, ob dieser Ort eine rollstuhlgerechte Toilette hat.

Zur Person

Adina Hermann wurde 1987 in Neubrandenburg geboren und hat lange Zeit an der Nordseeküste gelebt. Seit dem Studium an der Hamburger Akademie für Kommunikationsdesign und Art Direction arbeitet Hermann als freiberufliche Grafikerin. Seit 2012 ist sie bei den Sozialhelden, wo sie neben ihren Fertigkeiten als Grafikerin, auch ihre persönlichen Erfahrungen als Rollstuhlfahrerin in die Projekte einbringt.

Und wie reagierten Ladenbesitzer, denen fehlende Rollstuhlgerechtigkeit attestiert wurde?

Viele Ladenbesitzer sind auf uns zugekommen und fragten: „Wie mache ich denn meinen Laden rollstuhlgerecht?“ Uns fiel auf, dass es oft nur ein, zwei Stufen am Eingang sind, die den Unterschied machen. Viele Ladenbesitzer haben durch die Karte überhaupt erst realisiert, dass ihr Laden gar nicht rollstuhlgerecht ist.

Es entstehen Parallelgesellschaften

Aber wie kann das sein? Ich meine: behinderte Menschen gibt es ja nicht erst seit gestern. Eigentlich sollte man mit gesundem Menschenverstand doch erkennen, dass Leute in Rollstühlen Probleme haben könnten, einen Raum zu erreichen.

Wenn man selbst ohne Einschränkungen laufen kann und keinen Bezug zu dem Thema hat, dann fallen einem die alltäglichen Barrieren, wie z.B. Stufen, nicht auf. Es ist auch nicht unbedingt böse Absicht, sondern eher Verdrängung: Die Leute möchten sich gar nicht damit befassen, dass sie selbst mal in diese Lage geraten könnten. Dabei gibt es viele Lebenssituationen, in denen man glücklich über einen stufenlosen Zugang oder eine Rampe ist: Beispielsweise wenn man – vielleicht auch nur vorübergehend, wegen eines Unfalls – mit Stützen und Gipsbein unterwegs ist, wenn man einen Kinderwagen schiebt oder wenn man im Alter einen Rollator braucht.

Außerdem ist es leider noch heute so, dass Menschen mit Behinderung nicht selten in irgendwelche Behindertenwerkstätten oder in Behindertenheime kommen. Sie werden ein Stück weit aus der Gesellschaft verdrängt, dadurch entstehen Parallelgesellschaften. Und wenn man Menschen mit Behinderungen im Alltag gar nicht wahrnimmt, dann kann man auch nicht für deren Belange sensibilisiert werden.

Aber gibt es keine rechtlichen Verpflichtungen für Geschäftsinhaber?

Für den privaten Bereich gibt es durch die UN-BRK keine bindenden Verpflichtungen, außer für medizinische Einrichtungen wie Arztpraxen und Apotheken. So müssen neu gebaute Apotheken und Arztpraxen eigentlich barrierefrei sein. Leider fehlt oft die Kontrolle im Bauprozess und bei der Abnahme des Gebäudes. Außerdem gibt es für alle bereits bestehenden Betriebe viele Ausnahmen, sodass Barrierefreiheit letztlich oft nicht gegeben ist.

Das erscheint ja sehr kurzsichtig gedacht. Ich meine, selbst wenn man von einer absolut egoistischen Sichtweise ausgeht: Für relativ wenig Geld erreichen die Unternehmer doch neue potentielle Kundschaft.

Ja, natürlich. Aber hier fehlt wieder das gesellschaftliche Bewusstsein dafür, dass Barrierefreiheit letztlich allen Menschen nutzt. Man sieht das auch daran, dass das Thema bisher kein fester Bestandteil von Architektur-Studiengängen ist. Und dabei wird die Gesellschaft nicht jünger: Es wird in Zukunft noch mehr Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren geben. Ein Umbau ist meist teurer, als es von Anfang besser zu planen. Und mal ganz ehrlich: hat sich schon mal jemand beschwert und gesagt: “Wie doof, hier ist ja gar keine Treppe!”? Barriereabbau hilft jedem.

Ok, der beste Fall ist sicher der, dass man beim Bau oder Umbau gleich die Barrierefreiheit berücksichtigt. Aber nehmen wir jetzt zum Beispiel einen kleinen Tante-Emma-Laden, der nicht viel Geld hat, und trotzdem seinen Laden barrierefrei machen will. Was sind da die Mindestanforderungen für?

Nun, gehen wir mal davon aus, dass sich der Laden im Erdgeschoss befindet, mit einer Stufe davor – dann sollte zumindest eine Rampe vorhanden sein. Eine kostengünstige Möglichkeit sind unsere mobilen Wheelramp-Rampen. Die sind klappbar, leicht und können bei Bedarf angelegt werden – das ist auch praktisch, wenn ein Umbau mit fester Rampe nicht möglich ist. Zum Beispiel wegen des Denkmalschutzes oder weil der Eigentümer es nicht erlaubt.

Wenn der Laden eine solche mobile Rampe besitzt, sollte es außen ein Hinweisschild geben. Zum Beispiel: „Mobile Rampe vorhanden, bitte klingeln!“. Solche Hinweisaufkleber liegen unseren Rampen gleich bei. Ja, und das wäre dann auch schon das absolute Minimum.

Klar, toll ist es auch, wenn man die Kasse so einrichtet, dass man das Geld nicht über eine hohe Theke reichen muss. Aber überhaupt den Zugang zu ermöglichen, das ist die Grundlage.

Und dadurch seid ihr wahrscheinlich auch auf die Idee für eure Wheelramp gekommen?

Ja – uns fiel auf, dass oft nur ein oder zwei Stufen zum Erreichen eines Geschäfts überbrückt werden müssen. Mit unserer Spendenaktion „Tausendundeine Rampe“ sammelten wir Spenden, um mit den so gesammelten Geldern dann Rampen an Läden und Vereine zu verteilen. Das hat super funktioniert. Und damals kamen dann Leute auf uns zu und sagten, dass sie auch für sich gerne solche Rampen kaufen würden. Und so sind wir auf die Idee zur Wheelramp gekommen.

Also, die Wheelramp ist eine klappbare Aluminium-Rampe in zwei verschiedenen Ausführungen.

Ja, richtig. Zurzeit gibt es zwei verschiedene Längen, 1,2m und 1,5m – aber wir werden das Angebot vielleicht noch erweitern. Durch das Aluminium und den Tragegriff sind die Rampen leicht zu transportieren und man kann sie platzsparend zusammenklappen. Sowohl Ladenbesitzer als auch Privatpersonen, die ihre Räumlichkeiten für RollstuhlfahrerInnen zugänglich machen wollen, können auf der Webseite www.wheelramp.de eine Rampe kaufen. Aber auch Personen mit Kinderwagen, Menschen mit Rollatoren oder Lieferanten mit Sackkarren freuen sich natürlich über so eine Rampe.

Es braucht ein Bewusstsein für Barrieren

Aber verschiebt die Rampe das Problem nicht nur? Müssten nicht eigentlich die Geschäftsinhaber für rollstuhlgerechte Geschäfte sorgen?

Ja, natürlich: ein Umbau ist immer besser. Aber es gibt Fälle, wo das nicht möglich ist, wenn zum Beispiel das Ordnungsamt sagt, dass an einem Ort wegen der Gehwegbreite keine Rampe angebaut werden darf. Für diese Fälle ist eine mobile Rampe eine gute Lösung.

Gab es irgendeinen Vorreiter für Wheelmap und Wheelramp?

Im Onlinebereich gab es im deutschsprachigen Raum noch nichts, aber es gab zeitgleich in anderen Ländern – sicherlich auch durch die zunehmende Digitalisierung – Projekte wie z.B. Jaccede, AXSMap und IWheelShare. Der Gedanke, dass man Daten zur Zugänglichkeit teilen sollte, war also weltweit entstanden.

Und natürlich gab es damals schon mobile Rampen zu kaufen. Doch das war nicht so verbreitet und nicht so bekannt, viele denken eher an hohe Umbaukosten oder die durch einen Umbau entstehenden Probleme. Und da es so eine kleine Aluminiumrampe die deutlich günstigere Lösung. Wir verstehen uns selbst aber nicht nur als Karten- und Rampenanbieter, sondern auch als Botschafter für das Thema Barrierefreiheit und Inklusion. Denn es sind ja nicht nur RollstuhlfahrerInnen, die im Alltag behindert werden.

Wird die Wheelmap also jetzt für Menschen mit anderen Behinderungen aktualisiert?

Ja, wir arbeiten derzeit, dank einer Förderung der Stiftung Google.org, an der Accessibility Cloud.

Was ist das?

Die Accessibility Cloud ist eine Datenbank, die aus vielen Quellen, wie auch den bereits erwähnten Karten-Anbietern aus anderen Ländern und vielen weiteren Dateninhabern, Informationen zur Zugänglichkeit von Orten auf der ganzen Welt speichert.

Wir wollen damit Menschen ermöglichen, sich zum Beispiel im Vorfeld einer Reise oder auch eines Umzugs darüber zu informieren, wie barrierefrei der Zielort ist. Und das bezieht sich nicht nur auf RollstuhlfahrerInnen, sondern auch auf alle Menschen mit Behinderungen. Das heißt, wenn man künftig die Wheelmap aufruft, dann erhält man in den Details des Ortes aus der Cloud weitergehende Infos zur Barrierefreiheit.

Was würde eurer Ansicht nach die Barrierefreiheit in der Gesellschaft spürbar verbessern?

Es würde sehr helfen, wenn viel mehr Menschen ein Bewusstsein für Barrieren hätten. Das kann aber nur erreicht werden, wenn behinderte und nichtbehinderte Menschen sich viel mehr begegnen und austauschen würden. Barrierefreiheit muss einen gewissen gesellschaftlichen Wert bekommen, in etwa wie der Nichtraucherschutz. So wie jeder heute rauchfrei im Restaurant essen kann, sollten wir uns jetzt darum kümmern, dass auch jede und jeder in diese Restaurants hineinkommt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jan Rebuschat

12:25 15.12.2017
Geschrieben von

Jan Rebuschat

Geboren 1982, zweifacher Familienvater. Volljurist, seit 2011 journalistisch tätig. Liebt das Klavierspiel und die Fotografie. Überzeugter Europäer.
Jan Rebuschat

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