Die Politik der Echokammer

Buchbesprechung „Man wählt, nicht ständig die Wahl haben zu müssen.“ Der Politologe Dr. Torben Lütjen über das Phänomen, dass mehr Freiheiten zur Polarisierung der Gesellschaft führt
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Die Politik der Echokammer
Kaum ein Wahlkampf hat Amerika so polarisiert
Foto: Joe Raedle/AFP/Getty Images)

„Man wählt, nicht ständig die Wahl haben zu müssen.“, mit diesen Worten beschreibt der in Bremen geborene Politologe Dr. Torben Lütjen in seinem Buch Die Politik der Echokammer - Wisconsin und die ideologische Polarisierung der USA das Phänomen, dass gewonnene Freiheiten paradoxerweise nicht zu einem gesellschaftlichen Meinungspluralismus, sondern zur Polarisierung der großen us-amerikanischen Parteien geführt haben. Lütjen sieht hierin einen der Gründe für die zunehmende Kluft zwischen Demokraten und Republikanern.
„Je mehr Entscheidungsmöglichkeiten die Menschen haben, desto mehr entscheiden sie sich für ein Leben in Eindeutigkeit, optieren dafür, bloß nicht zu sehr mit abweichenden Werthaltungen konfrontiert zu werden.“.

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Lütjen nennt dies paradoxe Individualisierung: Trotz zunehmender Freiheit und Wahlmöglichkeiten entscheiden sich Menschen für klare, dogmatische Linien. Diese These untermauert der Autor mit einer durch ihn in Wisconsin durchgeführten ethnographischen Feldstudie.

In Zeiten von Nachrichtensendern wie Fox News haben wir uns an die Polarisierung zwischen Demokraten und Republikaner gewöhnt. Doch ist diese tatsächlich eine relative Neuheit. Vorbei sind die Zeiten, in denen Politikwissenschaftler wie Robert Alan Dahl noch davon sprechen konnten, dass die Republikaner und Demokraten fast dieselbe Ideologie verträten. Oder in denen Republikaner und Demokraten dieselbe Person als ihren Präsidentschaftskandidaten gewinnen wollten (wie 1952 Eisenhower). Das heutige Verhältnis der Parteien ist von Feindseligkeit geprägt, und dass nicht nur seit der Kandidatur Donald Trumps. Diese Entwicklung von einer gesellschaftspolitischen Situation, in der es noch eine beachtliche Schnittmenge zwischen den US-amerikanischen Parteien gab, zu der heutigen Situation, in der die Parteien in fundamentalem Widerspruch zueinander stehen, stellt Lütjen in Die Politik der Echokammer überzeugend und nachvollziehbar dar. Der Begriff der Echokammer versinnbildlicht dabei die gegenwärtige Lage: Der politische Diskurs erfolge nur noch in homogenen Echokammern, in denen Dissens nicht zu hören ist und Konsens durch Widerhall noch verstärkt werde.

Das Buch umfasst drei größere Abschnitte und beginnt dabei mit einem Blick auf die Entstehung der besagten Echokammern. Im ersten Abschnitt resümiert der Autor die gesellschaftspolitische Entwicklung seit den 1930er Jahren und zeigt das Zerbrechen des parteilichen Konsenses in den Jahren 1964 bis 1980 auf. Ursprünglich seien die beiden Parteien in sich differenzierter gewesen; so wie andere Politikwissenschaftler spricht Lütjen von vier Parteien innerhalb der beiden großen Parteien. Stark vereinfacht ausgedrückt waren dies: Liberale Demokraten, moderate Demokraten, sowie liberale Republikaner und moderate Republikaner. Dies sei einer der Gründe für die ehemals großen Schnittmengen zwischen den Parteien gewesen. Zu jener Zeit habe man daher auch oft davon gesprochen, dass sich die US-amerikanische Politik im Gegensatz zu Europa durch Pragmatismus und Freiheit von Ideologiekämpfen auszeichne. Schrittweise habe sich jedoch die Konfliktmatrix herausbildet, welche den Diskurs noch heute beherrsche. Auf der einen Seite neokonservative und stark religiöse Vorstellungen eines freien, doch moralisch verankerten „Frontier“-Landes. Auf der anderen Seite liberal-progressive, agnostisch/atheistische Entwürfe einer gerechteren, emanzipierten Gesellschaft. Ein bedeutender Katalysator für diese Entwicklung seien die 1960er Jahren mit ihrer Bürgerrechtsbewegung gewesen. In dieser Zeit hätten sich Bruchlinien zwischen den Parteien aufgetan, welche sich auf die gesamte Gesellschaft auswirkten.

Eingebetteter MedieninhaltEchokammer in der TU Dresden

Sowohl Republikaner, als auch Demokraten hätten sich in dieser Phase der us-amerikanischen Geschichte neu erfunden. Die Republikaner hätten sich zunehmend als Partei der „hart arbeitenden Bevölkerung“ und „silent majority“ definiert, welche sich für die traditionellen Werte Amerikas und gegen eine „Kultur der Abhängigkeit“ unter „Big Government“, „liberaler Elite“ und den „Washingtoner Bürokraten“ stark mache. Bei den Demokraten sei hingegen die Neue Linke erstarkt und habe Gedanken der Bürgerrechtsbewegung aufgegriffen, um für eine gerechtere und integrative Gesellschaft und gegen die „rückständigen Kräfte“ in der patriarchalischen, weißen Gesellschaft zu kämpfen. Lütjen gelingt es in seinem Text darzulegen, dass sich diese Polarisierung nicht nur auf die Politik, sondern auf die Struktur der gesamten Gesellschaft ausgewirkt hat. Die Südstaaten, die ehemals den Demokraten als „solid south“ galten, entwickelten sich zu republikanischen Staaten; die auf Seiten der Republikaner beginnende abwertende Nutzung des Begriffs „liberal“; der „maskulinisch-populistische Zug“ im us-amerikanischen Konservatismus; der zunehmende Kontrast zwischen den Städten und den Suburbs; die Entstehung der Counter culture; Kinder würden auf bestimmte Schulen geschickt, die den politischen Maßstäben der Eltern entsprechen. Der politische Dissens zieht sich also bis ins Privatleben. All dies verbindet Lütjen zu einer schlüssigen Narrative auf dem Boden wissenschaftlich fundierter Forschung. Die zunehmende Homogenisierung der Milieus zeige sich beispielsweise an Umfragen, die in den 1960er Jahren begannen: Erstmal in den 60er-Jahren stellte man US-Amerikanern die Frage, ob sie ein Problem damit hätten, wenn ihr Kind ein Mitglied der gegnerischen Partei heiraten würde. In den 1960er Jahren fanden dies gerade einmal 4 % der Republikaner und 3 % der Demokraten problematisch; 2014 waren es hingegen jeweils 49 % und 33 %. Auch das Bild der anderen Partei sei zunehmend negativer geworden: So glaubten 45 % der Befragten, dass die andere Partei eine „Gefahr für das nationale Wohlergehen“ sei. Und aktuellen Umfragen zufolge bejaht etwa ein Drittel der befragten Republikaner, dass Hillary Clinton mit dem Teufel im Bunde sei. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Parallelen, die Lütjen zwischen dem heutigen Rechtspopulismus der Republikaner und dem aggressiven Populismus eines Barry Goldwaters und der Paranoia eines Richard Nixon sieht.

In dem zweiten Abschnitt des Buches fasst Lütjen die Ergebnisse seiner Feldstudie in Wisconsin zusammen. Lütjen verbrachte insgesamt acht Monate in dem Bundesstaat, interviewte zahlreiche Einwohner, beobachtete den politischen Diskurs vor Ort und ließ repräsentative Telefonumfragen durchführen. Daneben stützt sich der Autor auf lokale Quellen, wie Zeitungen.
Die Feldstudie konzentriert sich auf die gesellschaftspolitischen Verhältnisse in den beiden Counties Dane County und Waukesha County, welche etwa 120 km voneinander entfernt liegen. Dane County und insbesondere die in diesem County liegende Universitätsstadt Madison stellen sich als Hochburgen der Demokraten dar. Das Leben in Madison zeichne sich durch eine gewisse Urbanität und eine äußerst aktive Lokalpolitik aus, welche sich auch auf das Leben in der Gemeinde auswirke. Kennzeichnend hierfür seien beispielsweise lokale Resolutionen, welche mit der lokalen Politik nichts direkt zu tun haben: so verabschiedete das Dane County Board Resolutionen, die den Rückzug der Truppen aus dem Irak, die Einführung der Homo-Ehe oder die Legalisierung von Marihuana forderten. Das Leben in Waukesha County entspreche dagegen der Klischeevorstellung von der US-amerikanischen Suburbia und zeichne sich durch Zurückgezogenheit, vergleichsweise geringem Kontakt zwischen den Nachbarn sowie hoher ethnischer Segregation aus: „American Suburbia ist ein Raum radikaler Privatheit, der darauf ausgerichtet erscheint, spontane Begegnungen so weit wie möglich zu vermeiden.“ In beiden Counties fänden sich starke Anpassungseffekte. Stark vereinfacht: Erstens seien Republikaner in Dane County liberaler, Demokraten in Waukesha County konservativer als in den übrigen Bundesstaaten. Zweitens seien die Demokraten in Dane County liberaler, und die Republikaner in Waukesha konservativer als der nationale Durchschnitt. Beides erklärt Lütjen mit der paradoxen Individualisierung und der hiermit verbundenen Wirkung der politischen Echokammer. Es sei eine Kultur, in der es nicht nur höchst selten zum Meinungsaustausch käme, sondern in welcher ein solcher Austausch auch nicht erwünscht sei.

Eingebetteter MedieninhaltDie Polarisierung nimmt zuweilen bizarre, mitunter inszenierte Züge an.

Das Buch zeichnet sich durch sprachliche Klarheit und Präzision auf. Lütjen analysiert auf hohem wissenschaftlichen Niveau, ohne sich in Fachjargon zu verfangen; gerade dies macht den Text attraktiv für interessierte Leser außerhalb der Politikwissenschaft. Lütjens Darstellungen sind zudem äußerst lebendig: als Leser fühlt man sich, als ob man bei seinen Gesprächen mit den zentralen Figuren des lokalpolitischen Lebens anwesend wäre. Wenn er erzählt, dass die liberale Bevölkerung von Dane County von Waukesha County gern als „Mordor with lawns“ spreche, oder dass ein Tea-Party-Aktivist sich scharf gegen den Bau von Radwegen ausspricht („Biking is unamerican!“), dann versteht der Leser nur zu gut, was Lütjen mit der Wirkung der Echokammer meint.

Man bemerkt eine gewisse Affinität des Autors für die demokratische Partei; doch hat man beim Lesen nie den Eindruck, dass Lütjens Objektivität hierdurch beeinträchtigt wäre. So beschreibt Lütjen den starken Gruppenzwang im liberalen Madison, in dem beispielsweise mancher Unternehmer seine Zugehörigkeit zur republikanischen Partei lieber verschweigt. Im Übrigen tritt der Autor nie als besserwisserischer Europäer oder gar als Anti-Amerikanist auf. Er greift nie auf schablonenhafte Vereinfachungen zurück, sondern zeigt anhand wohlüberlegter Beispiele auf, dass dieser Entwicklungsprozess kein geradliniger war und zudem von zahlreichen Faktoren beeinflusst wurde: Monokausale Erklärungen darf man bei Lütjen nicht erwarten. Die Entwicklung sei auch durch ethnische Konflikte, sowie historische Ereignisse (wie zum Beispiel den Vietnam-Krieg und den Angriff auf das World Trade Center) wesentlich beeinflusst. Doch spielten auch institutionelle Strukturen eine Rolle, wie beispielsweise der Einfluss der us-amerikanischen Vorwahlen bei der Präsidentschaftswahl, der Zuschnitt und die Homogenität der Wahlkreise und der verhältnismäßig hohe Einfluss der jeweiligen parteilichen Basis auf den Kurs der Parteien.

Lütjen deutet diese Entwicklung als eine Art Sortierungsprozess. Überhaupt geht es ihm nicht darum, diese Polarisierung als solche zu kritisieren. Er erweist diesbezüglich auf die in Europa festgestellte „Müdigkeit“ der Wähler und starke ideologische Annäherung der großen Massenparteien, welche weithin kritisiert wird. Problematisch werde die extreme Polarisierung jedoch dann, wenn die Opposition der regierenden Partei die Legitimation abspricht; eine Tendenz, die sich vor allem in der scharfen Kritik an Präsident Obama gezeigt habe. So halten sich bis heute Gerüchte, dass Barack Obama im Ausland geboren und kein US-amerikanischer Staatsbürger sei, so dass es ihm an den verfassungsrechtlichen Voraussetzung für das Amt des Präsidenten fehle.

Die Politik der Echokammer ist ein gelungenes Buch, welches die politische Entwicklung in den USA nachvollziehbar erklärt und informativ beleuchtet. Ein Buch für ein breites Publikum, welches sich für die Entwicklung der us-amerikanischen Politik interessiert.

Info

Die Politik der Echokammer Torben Lütjen beim Transcript Verlag erschienen, 29,99 Euro

Zur Person

Torben Lütjen (PD Dr.) wurde 1974 in Bremen geboren. Der promovierte Politikwissenschaftler lehrt in Düsseldorf und Göttingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Politik, Geschichte und Gesellschaft der USA, politische Ideologien und Wissenssoziologie sowie historische und komparative Parteienforschung. Er veröffentlichte Biographien zu Frank-Walter Steinmeier und Karl Schiller.

11:57 26.10.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Rebuschat

Geboren 1982, zweifacher Familienvater. Volljurist, seit 2011 journalistisch tätig. Liebt das Klavierspiel und die Fotografie. Überzeugter Europäer.
Jan Rebuschat

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