Sicher ist nichts

Marokko Für den Bundestag ist es ein sicheres Herkunftsland. Ein Hohn, meint Samir Bargachi von der NGO KifKif, die sich dort für LGBTI-Rechte einsetzt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Sicher ist nichts
In Marokko stellt Art. 489 gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe

Foto: Fadel Senna/AFP/Getty Images

Herr Bargachi, Sie sind einer der Gründer von KifKif. Was genau macht KifKif?
Die verschiedensten Dinge. Natürlich haben wir Programme und Projekte für Inklusion und Förderung von Menschen aus dem LGBTI-Spektrum. Wir setzen uns politisch ein, z.B. wenn es Fälle von Hasskriminalität gibt. Wir mediatisieren in der Community. Wir versuchen, die Community sichtbar zu machen. Vor allem aber begleiten wir Personen aus der LGBTI-Community in Fragen der Akzeptanz, in persönlichen Fragen, familiären Fragen, Bildungsfragen, Fragen der Gesundheit – und in vielem mehr.

KifKif ist – unter anderem – aus dem Einsatz für LGBTI-Rechte in Marokko entstanden. Wie ist die Situation für die LGBT-Community dort?
Die Situation ist kompliziert, teilweise widersprüchlich. Einerseits gibt es durchaus einige positive Aspekte. Es gibt Personen des öffentlichen Lebens, die offen schwul oder lesbisch sind und damit keinerlei Probleme haben. Es gibt zum Teil auch staatliche Förderung für LGBT-Events, wie beispielsweise für ein Event am 31. Januar in Madrid in der Casa Árabe – einer der Geldgeber ist Marokko. Andererseits gibt es nach wie vor den Artikel 489 im Marokkanischen Strafgesetzbuch, der gleichgeschlechtliche Beziehungen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bedroht. Das erschwert die Arbeit von Organisationen wie KifKif ungemein. Und auch jede Art von Fortschritt. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Info

KifKif ist eine gemeinnützige Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Madrid. Ihr Ziel ist es, die Lebensumstände von Menschen aus dem LGBTI-Spektrum zu verbessern. Der Name “KifKif” leitet sich vom Arabischen كيف ab und wird sowohl im Berberischen als auch im Arabischen im Sinne von “gleich” gebraucht.

Wie konsequent ist denn die Strafverfolgung? Wird da mal „ein Auge zugedrückt“?
In Marokko herrscht ein starker Klassismus. Die Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Klassen spielen eine sehr wichtige Rolle. Wenn sie der Upper Class angehören, können Sie im Grunde machen, was Sie wollen. Die Mehrheit der Verurteilungen nach Art. 489 betreffen die unteren Schichten, zum Beispiel Sexarbeiter und Arme.

Wie kann man sich den Alltag der LGBTI-Community vorstellen?
Marokko ist ein ziemlich großes Land mit sehr unterschiedlichen Regionen. Man kann den Norden nicht mit dem Süden vergleichen. Es gibt völlig unterschiedliche Alltagsprobleme. Teilweise gibt es Erpressungen. Oder Leuten wird mit einem Zwangs-Outing gedroht. Leider gibt es auch sehr viele Eltern, die nichts mehr von ihren Kindern wissen wollen, wenn sie von ihrer sexuellen Identität erfahren. Und wenn es zu einem Fall von Hasskriminalität kommt, ist es für die Betroffenen sehr schwer, sich juristisch zu wehren, da sie Gefahr laufen, selbst wegen ihrer Sexualität strafrechtlich belangt zu werden.

Gab es denn keinerlei Fortschritt in den vergangenen Jahrzehnten?
Doch, natürlich. In den letzten Jahren gab es Entwicklungen, die man durchaus positiv nennen könnte.

Wie zum Beispiel?
Nun, kürzlich gab es in Marokko leider wieder einen LGBTI-phobischen Vorfall. Ein Mann in einem Kleid wurde nach einem Verkehrsunfall von der Polizei bloßgestellt. Die verantwortlichen Polizisten werden nun rechtlich belangt. Das ist gut, das hätte es vor einigen Jahren noch nicht gegeben. Früher war man als Teil der LGBTI-Community „vogelfrei“. Es gab keinerlei Konsequenzen für sowas. Das ändert sich jetzt. Doch insgesamt ist die Entwicklung – wie gesagt – unzureichend.

Gibt es solche Vorfälle häufiger?
Leider muss man feststellen, dass es in den letzten zehn Jahren eigentlich immer wieder große Skandal dieser Art gab, ja.

Wie geht die Regierung damit um?
Für die Regierung ist es sehr unbequem, da sie immer bemüht ist, ein romantisiertes Bild von einem modernen Marokko nach Außen zu projizieren: „Seht her, wir sind nicht Saudi-Arabien!“

Was kann man als Europäer tun, um die LGBTI-Community in Ländern wie Marokko zu unterstützen?
Viel. Doch leider gab es vor Kurzem die Entscheidung, Marokko als sicheres Herkunftsland einzustufen. Das ist ein unglaublich ungerechter Blödsinn, gerade für die LGBTI-Community. Scheinbar sind die Wirtschaftsinteressen wichtiger als die Situation der Menschen. Ich glaube, dass man da sehr viel mehr tun könnte, um die Community zu supporten. Menschenrechte müssten beispielsweise eine größere Rolle spielen, wenn man Handelsabkommen mit Ländern wie Marokko schließt. Und man müsste mehr über diese Dinge sprechen und schreiben, um ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Situation dort zu schaffen.

Das Interview wurde aus dem Spanischen übersetzt
17:01 25.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Rebuschat

Geboren 1982, zweifacher Familienvater. Volljurist, seit 2011 journalistisch tätig.
Jan Rebuschat

Kommentare 1